Tag 37 Komfortzonen, Generationenkonflikte
und warum mein Rudel gerade mein bestes Forschungsfeld ist
Ich verlasse meine Komfortzone.
Mindestens einmal am Tag.
Wirklich.
Und trotzdem wird es… schwieriger.
Nicht dramatisch.
Nicht offensichtlich.
Eher so schleichend.
Wie ein Sofa, das jedes Jahr ein bisschen bequemer wird.
Früher war ein Tag ohne Sport undenkbar.
Unmöglich.
Fast ein moralisches Versagen.
Heute wäge ich ab.
Will ich mich morgens zwei Stunden komplett zerlegen
oder lieber „nur“ so viel machen, dass ich danach gute Laune habe
und den Tag über noch ansprechbar bin?
Und während ich das tue, meldet sich sofort diese Stimme:
Ist das Selbstfürsorge
oder argumentierte Bequemlichkeit?
Ich kenne beide sehr gut.
Und beide können sehr überzeugend sein.
Wenn Extreme verschwinden, wird Alltag plötzlich anstrengend
Früher war es einfacher.
Ich hatte Phasen, in denen ich manisch vor Energie war
und Phasen, in denen ich eher melancholisch durch das Leben ging.
Beides war anstrengend.
Aber beides hatte klare Marker.
Heute ist es… ausgeglichener.
Zum Glück.
Aber genau das macht es schwerer.
Denn ohne Extreme gibt es keinen automatischen Antrieb mehr.
Kein inneres „Jetzt erst recht“.
Kein „Augen zu und durch“.
Stattdessen:
tägliche Entscheidungen.
Abwägen.
Verantwortung für das eigene Energielevel.
Und das fühlt sich manchmal verdächtig nach Komfortzone an.
Der Generationenkonflikt, der gerade durch Unternehmen läuft
Ich sehe ihn täglich in meiner Arbeit.
Auf der einen Seite Menschen,
die gelernt haben, dass Leistung etwas mit Durchhalten zu tun hat.
Mit Verantwortung.
Mit auch mal Zähne zusammenbeißen.
Mit „Das ziehen wir jetzt durch“.
Auf der anderen Seite eine Generation, die sagt:
Keine Minute zu viel arbeiten.
Freizeit ist Freizeit.
Arbeit ist Mittel zum Zweck.
Wenn es sich nicht gut anfühlt, bin ich raus.
Und nein, das ist nicht falsch.
Aber es ist anders.
Kompetenz entsteht für viele Ältere durch Erfahrung.
Für viele Jüngere durch schnellen Zugriff auf Wissen.
KI verstärkt das noch.
Warum warten, wenn man googeln kann?
Warum zuhören, wenn man prompten kann?
Warum reflektieren, wenn man scrollen kann?
Und plötzlich sitzen sie zusammen in Teams
und wundern sich, warum das knirscht.
Wechsel ins Wohnzimmer.
Enjah und Flusen.
Wenn ich die beiden beobachte,
sehe ich exakt dasselbe Muster.
Enjah ist jung.
Überdreht.
Will alles sofort.
Keine Impulskontrolle.
Frustrationstoleranz auf Welpen-Niveau.
„Warum warten, wenn man springen kann?“
Flusen dagegen:
gesetzt.
sozial erfahren.
klar in seinen Grenzen.
und ehrlich gesagt:
Er findet Enjah im System Familie immer noch ziemlich überflüssig.
Er will sie nicht im Rudel haben.
Nicht, weil er böse ist.
Sondern weil sie seine Ordnung stört.
Wie viele Ältere,
die denken:
So funktioniert das hier nicht.
So haben wir das noch nie gemacht.
Und ehrlich gesagt:
Muss das wirklich sein?
Wenn Komfortzone plötzlich Generationenkonflikt heißt
Ich habe dieses Jahr ernsthaft darüber nachgedacht,
mich von Klienten zu trennen.
Nicht, weil ich es nicht kann.
Sondern weil ich es anstrengend finde.
Weil Widerstand da ist.
Weil Reflexion nicht selbstverständlich ist.
Weil alles schnell gehen muss.
Weil Unterhaltung wichtiger scheint als Tiefe.
Und ja, ich habe mich bei einem Klienten bewusst verabschiedet.
Als klare systemische Intervention.
Manchmal ist Gehen keine Flucht,
sondern die einzige Möglichkeit,
dem System Verantwortung zurückzugeben.
Bei einem anderen Klienten bin ich geblieben.
Nicht aus Pflichtgefühl.
Sondern aus Neugier.
Was, ich hier erlebe,
erleben gerade unzählige Organisationen.
Der Wunsch, auszusteigen
versus die Notwendigkeit, sich auseinanderzusetzen.
Zurück zu Enjah und Flusen
weil sie ehrlicher sind als jedes Organigramm
Ich könnte Enjah ständig bremsen.
Oder Flusen ständig schützen.
Oder hoffen, dass sie es irgendwann selbst regeln.
Aber so funktioniert Entwicklung nicht.
Flusen muss lernen, dass er nicht alles kontrollieren darf.
Enjah muss lernen, dass nicht alles sofort geht.
Beide müssen lernen, dass Unterschiedlichkeit ausgehalten werden kann.
Wie in Teams.
Wie in Organisationen.
Wie zwischen Generationen.
Nicht jedes Wachstum fühlt sich nach Kampf an.
Manches fühlt sich nach Aushalten an.
Nach Beobachten.
Nach bewusstem Dranbleiben.
Flusen würde Enjah am liebsten aus dem System entfernen.
Enjah würde Flusen am liebsten dauerhaft bespielen.
Und ich stehe dazwischen
und übe genau das,
was ich beruflich lehre:
Ambiguität aushalten.
Unterschiede integrieren.
Denn trennen kann ich mich von beiden nicht mehr.
Uns verbindet eine emotionale Fußfessel.