Tag 36 Wenn nichts mehr funktioniert und ich einen psychologischen Trick anwenden muss
Es beginnt harmlos.
Mit dem Gedanken: Wir gehen spazieren.
Und zack
ist sie da.
Diese feine, kaum hörbare innere Anspannung.
Nicht Panik.
Nicht Angst.
Eher so etwas wie: Wetter checken. Route überlegen. Leine in der richtigen Hand. Körperspannung hoch. Blick nach vorne. Worst-Case-Szenarien einmal kurz durchdenken. Nur zur Sicherheit.
Man weiß ja nie.
Flusen läuft neben mir.
Enjah im Rucksack.
Alles ganz normal. Eigentlich.
Das kleine Drama vor dem eigentlichen Drama
Ich merke es sofort:
Mein Körper ist schneller als mein Verstand.
Gedanken wie:
- Wer könnte uns begegnen
- Wo könnte es eng werden
- Wie reagiere ich, wenn Flusen reagiert
Und während ich das denke, weiß ich gleichzeitig:
Das ist absurd.
Denn rational betrachtet ist alles klar:
Ich kann Hundebegegnungen.
Ich habe sie mehrfach geregelt.
Ich weiß, was zu tun ist.
Das Schlimmste, was passieren könnte, ist überschaubar.
Flusen pöbelt.
Vielleicht kommt es mal zu einer kurzen Rauferei zwischen zwei Rüden.
Das habe ich erlebt. Mehrfach.
Und jedes einzelne Mal habe ich es gut geregelt.
Ich habe Hunde getrennt.
Ich habe Präsenz gezeigt.
Ich habe Situationen geklärt, sogar mit deutlich größeren Hunden.
Einmal sogar mit einem Schäferhund.
Ein anderes Mal wurden wir von zwei großen, knurrenden Hunden verfolgt.
Ich habe Flusen abgeleint, bin weitergegangen, Haltung nach vorne, Emotion klar.
Es hat funktioniert.
Und trotzdem:
Diese Spannung.
Nicht laut.
Nicht hysterisch.
Aber konstant.
Und genau da wird es interessant.
Wenn Flusen ruhig bleibt und ich nicht
Heute begegnen wir einer Frau mit zwei kleinen Hunden.
Flusen schnüffelt am Rand.
Ich weiche aus.
Er… macht nichts.
Dann ein Dalmatiner.
Freilaufend. Neben einem Fahrrad.
Normalerweise ein Garant für innere Kommentare.
Ich gehe zur Seite. Zwei Meter Abstand.
Flusen spannt sich an. Schaut. Bleibt bei mir.
Das, was früher zuverlässig Drama produziert hat, ohne Drama.
Kein Pöbeln.
Kein Ausrasten.
Kein großes Kino.
Und ich denke:
Moment. Wenn er ruhig ist, warum bin ich es nicht?
Der Moment, in dem Schönreden nicht mehr funktioniert
Früher hätte ich mir jetzt gesagt:
„Ist doch alles gut. Siehst du? Kein Problem.“
Oder:
„Du brauchst dich nicht aufzuregen.“
Oder mein persönlicher Klassiker:
„Jetzt reiß dich mal zusammen.“
Das funktioniert exakt… gar nicht.
Denn mein Nervensystem hört nicht auf Argumente.
Es reagiert auf,
auf was denn eigentlich?
Der psychologische Trick: Ich halte das Unangenehme fest
Ich habe aufgehört, die Anspannung loswerden zu wollen.
Stattdessen habe ich innerlich gesagt:
Okay. Du bist da.
Du darfst da sein.
Du machst mich wach.
Ich gehe trotzdem.
Kein Wegatmen.
Kein Schönreden.
Kein spirituelles „Alles ist gut“.
Sondern:
Ich halte dieses Gefühl, während ich handle.
Psychologisch ist das Reframing.
Nicht im Sinne von:
„Ich finde das jetzt toll.“
Sondern:
Ich verändere die Bedeutung.
Diese Anspannung ist kein Feind.
Sie ist kein Zeichen, dass etwas schiefgeht.
Sie ist ein Mobilisierungszustand.
Mein Körper sagt nicht:
Flieh.
Er sagt:
Sei präsent.
Warum genau das wirkt
Gefühle, die wir loswerden wollen, werden lauter.
Gefühle, die wir bekämpfen, kämpfen zurück.
Gefühle, die wir halten können,
müssen sich nicht beweisen.
Und plötzlich passiert etwas Merkwürdiges:
Die Anspannung bleibt.
Aber sie übernimmt nicht mehr.
Biofeedback
Flusen reagiert ruhiger.
Er hält mehr aus.
Er schaut, statt zu explodieren.
Und ich?
Ich lerne, dass Führung nicht bedeutet,
vorher alles zu kontrollieren,
sondern im Moment handlungsfähig zu bleiben.
Nicht trotz Spannung.
Sondern mit ihr.
Nicht jedes unangenehme Gefühl will gelöst werden.
Manche wollen gehalten werden,
damit sie ihren Job machen können.