Tag 35 Systemwechsel, Überreaktionen und warum Führung kein Wellnessprogramm ist
Der zweite Weihnachtsfeiertag begann mit einem leisen inneren Stirnrunzeln.
Nicht dramatisch.
Eher dieses feine Gefühl von:
„Ah. Wir sind in einer neuen Phase.“
Flusen reagierte schon morgens deutlich schneller und heftiger auf Enjah als noch vor ein paar Tagen.
Wo er früher viel ausgehalten hat, reicht jetzt ein kleiner Reiz.
Korrektur.
Scharf.
Unmissverständlich.
Psychologisch betrachtet völlig logisch.
Emotional betrachtet erst einmal irritierend.
Wenn Toleranz kippt
Flusen hat lange kompensiert.
Zu lange.
Das sehen wir bei Menschen ständig:
Hohe Frustrationstoleranz.
Hohe Harmonieorientierung.
Großes Aushaltevermögen.
Und dann irgendwann:
kippt es.
Nicht elegant.
Nicht dosiert.
Sondern deutlich.
Die Szene mittags war dafür exemplarisch.
Flusen holt sich ein Spielzeug aus Enjahs Box.
Enjah nähert sich vorsichtig.
Wirklich vorsichtig.
Und Flusen korrigiert massiv.
Enjah quietscht, zieht sich sofort zurück, kommt zu mir aufs Sofa
und beobachtet ihn lange aus sicherer Distanz.
Aus fachlicher Sicht war das ein Geschenk.
Ein klares Feedback aus dem System.
Nicht:
„Die Hunde regeln das unter sich.“
Sondern:
„Das hier braucht Führung.“
Willkommen im Management-Modus
Also neu denken.
Früher eingreifen.
Nicht mehr warten, bis es kippt.
Und ja, das ist anstrengend.
Unfassbar anstrengend.
Kein romantisches „Wir lassen sie machen“.
Sondern Präsenz.
Aufmerksamkeit.
Timing.
Keine Sekunde unbeaufsichtigt.
Kein Raum für Missverständnisse.
Und hier kommt der psychologische Kern:
Das ist kein Zeichen von Scheitern.
Das ist Systemarbeit.
Das alte Muster zeigt sich im neuen Kontext
Was mir dann sehr klar wurde:
Flusen zeigt exakt dasselbe Muster wie draußen bei Hundebegegnungen.
Wenn ich nicht früh genug klar mache:
„Ich übernehme die Verantwortung“
dann übernimmt er.
Und wenn er übernimmt, wird er heftig.
Nicht, weil er aggressiv ist.
Sondern weil er glaubt, es tun zu müssen.
Das ist keine neue Baustelle.
Sie ist nur näher gerückt.
Und jetzt wird es beruflich interessant
Ich sehe genau diese Dynamik in Organisationen.
Menschen, die lange tragen.
Lange ausgleichen.
Lange vermitteln.
Und dann plötzlich als „schwierig“, „zu hart“ oder „übergriffig“ wahrgenommen werden.
Dabei ist das Problem nicht die Person.
Sondern ein System, in dem Führung zu spät oder zu diffus stattfindet.
Frühes Eingreifen wirkt oft unfreundlich.
Spätes Eingreifen wirkt eskalierend.
Das gilt bei Hunden.
Das gilt bei Menschen.
Das gilt bei mir.
Und dann mein persönlicher Klassiker
Abends kam sie kurz vorbei, diese alte Denkfigur:
Warum ist nichts einfach mal leicht?
Warum funktioniert es nicht einfach?
Ah. Hallo alter Glaubenssatz.
Die Idee, dass Dinge nur dann wertvoll sind, wenn sie anstrengend waren.
Dass Entwicklung Kampf braucht.
Dass Leichtigkeit verdächtig ist.
Als Psychologin weiß ich:
Unsinn.
Als Mensch denke ich manchmal trotzdem:
„Könnte das Leben sich bitte wenigstens kurz melden, bevor es wieder komplex wird?“
Was bleibt
Ich bin gerade sehr klar im Management.
Sehr wach.
Sehr präsent.
Nicht aus Kontrolle.
Sondern aus Verantwortung.
Und ja, ich freue mich auf den 13. Januar.
Nicht, weil ich jemanden brauche, der es „besser weiß“.
Sondern weil gute Systeme von Außenperspektiven profitieren.
Heute war kein leichter Tag.
Aber ein ehrlicher.
Und ich weiß aus Erfahrung:
Genau daraus entstehen die stabilsten Lösungen.
Nicht aus Harmonie.
Sondern aus Klarheit.