Tag 34 Orientierung, Mut und die Kunst, nicht alles festzuhalten
Der erste Weihnachtsfeiertag.
Und ich habe etwas getan, das mir nicht liegt.
Ich habe losgelassen.
Also wirklich losgelassen.
Nicht dieses theoretische, wohlmeinende „Man müsste mal vertrauen“.
Sondern das echte, zittrige, innere Loslassen, bei dem der Kopf sehr laut ist und das Herz leise sagt:
„Vielleicht wird ja alles gut.“
Orientierungsspaziergang. Oder: Der Moment, in dem mein innerer Bedenkenträger hyperventiliert
Orientierungsspaziergänge sind eigentlich etwas für sehr junge Welpen.
Achte bis zwölfte Woche.
Da, wo Bindung noch weich ist, Exploration noch vorsichtig und das Nervensystem eher fragt als fordert.
Enjah ist längst drüber.
Fast 16 Wochen alt.
Mini Aussie.
Also genetisch ausgestattet mit einem inneren Navigationssystem, einem Frühwarnradar und dem festen Glauben, dass die Welt sehr spannend ist und man sie dringend sofort erkunden sollte.
Kurz:
Eigentlich zu spät.
Eigentlich riskant.
Eigentlich genau das, wovor mein innerer Sicherheitsbeauftragter seit Tagen gewarnt hätte.
Und trotzdem standen wir da.
Auf den Feldern.
Ohne Leine.
Ich mit ungefähr 37 gleichzeitig laufenden Worst Case Szenarien im Kopf.
Was, wenn sie einen Vogel jagt.
Was, wenn sie etwas findet.
Was, wenn sie beschließt, dass wir heute nur Statisten in ihrem Abenteuer sind.
Ich, die sonst bei allem einen Plan A, B und C hat, dachte plötzlich sehr erwachsen und sehr absurd:
„Warum habe ich eigentlich keinen Plan D für ‚Alles läuft gut‘?“
Die Theorie hinter dem Kontrollverlust
Ein Orientierungsspaziergang bedeutet nicht, dass der Hund folgt, weil man ruft.
Sondern weil er lernt, dass Beziehung verlässlich ist, auch wenn niemand kontrolliert.
Wir gehen.
Wir warten nicht.
Wir schauen nicht.
Wir passen uns nicht an.
Nicht aus Härte.
Sondern aus Klarheit.
Denn wenn wir uns ständig am Hund orientieren, lernt der Hund sehr schnell:
Ich bin der Mittelpunkt. Die Welt wartet auf mich.
Und das ist ein wunderschöner Gedanke.
Aber kein tragfähiger.
Und dann passierte… nichts Dramatisches
Enjah schnüffelte.
Kurz.
Dann hob sie den Kopf.
Sah uns.
Und rannte zu uns.
Nicht hektisch.
Nicht panisch.
Sondern so, als wäre das selbstverständlich.
Zwanzig Minuten lang.
Ich wartete innerlich auf den Moment, in dem alles kippt.
Er kam nicht.
Und irgendwo zwischen dem dritten und vierten Mal Zurückkommen wurde mir klar:
Das hier ist nicht ihr Lernfeld.
Das ist meins.
Vertrauen fühlt sich immer wie Kontrollverlust an
Vertrauen ist nichts Weiches.
Es ist nichts Romantisches.
Vertrauen ist der Moment, in dem man aufhört, das Leben festzuhalten,
und akzeptiert, dass Sicherheit keine Garantie ist, sondern eine Haltung.
Kinder können das.
Zu hundert Prozent.
Sie fallen und gehen davon aus, dass jemand da ist.
Sie rennen los und glauben, dass sie gehalten werden.
Sie leben im Modus:
„Es wird schon gutgehen.“
Irgendwann verlieren wir das.
Wir lernen zu planen, zu sichern, zu verhindern.
Wir nennen es Vernunft.
Und merken oft nicht, wie viel Lebendigkeit dabei verloren geht.
Und dann Familie. Und Alltag. Und kleine Prüfungen
Der Besuch bei meinen Eltern war die nächste Lektion.
Flusen eifersüchtig.
Sehr.
Knurren.
Schnappen.
Ganz klar: Meine Menschen.
Und Enjah?
An der Leine.
Bei mir.
Am Tisch.
Erst empört.
Dann resigniert.
Dann eingeschlafen.
Eine kleine Frustrationstoleranzübung.
Für sie.
Und für mich.
Denn auch hier gilt:
Nicht alles muss sofort aufgelöst werden.
Manches darf einfach gehalten werden.
Was bleibt
Heute war kein Heldentag.
Kein perfekter Trainingsmoment.
Kein Instagramwürdiger Durchbruch.
Aber etwas hat sich verschoben.
Ein kleines Stück Kontrolle weniger.
Ein kleines Stück Vertrauen mehr.
Und die leise Erinnerung daran,
dass das Leben oft genau dann trägt,
wenn wir aufhören, es festzuhalten.
