Tag 32 Vom Außen ins Innen. Oder: Wir haben jetzt Improvisationstheater zu Hause
Früher sind wir viel ins Theater gegangen.
Ins Kino.
Nach draußen.
Dorthin, wo etwas passiert.
Und ich merke heute:
Wir hatten das Theater damals nicht nur gesucht,
wir brauchten es.
Für mich war lange Zeit klar, was ein guter Tag ist:
Ein Tag, an dem ich etwas geleistet habe.
An dem ich meine Komfortzone verlassen habe.
An dem etwas schwierig war
und ich es trotzdem gemacht habe.
Leistung war mein Maßstab.
Anstrengung mein Beweis.
Wachstum etwas, das weh tun musste, damit es zählt.
Heute ist das anders.
Nicht leichter.
Aber anders.
Vom Vergleichen zum Betrachten
Was sich verändert hat, ist weniger das Tun
als die innere Haltung.
Ich vergleiche weniger.
Ich beweise weniger.
Ich beobachte mehr.
Vor ein paar Tagen hatte ich in einem Coaching ein Gespräch, das mir selbst noch lange nachging.
Meine Klientin sagte:
„Das verstehe ich nicht.“
Und ich sagte:
Dass vor jeder Veränderung die Akzeptanz des Ist-Zustandes stehen muss.
Dass Kampf gegen die Realität keine Ideen hervorbringt.
Dass Widerstand Energie bindet.
Und dass erst dann etwas Neues entstehen kann,
wenn man aufhört, das Aktuelle innerlich zu negieren.
Wenn ich davon ausgehe,
dass sich etwas vielleicht nie ändert
und das wirklich akzeptiere,
dann entsteht plötzlich Raum.
Für Kreativität.
Für Neugier.
Für Möglichkeiten.
Ich selbst übe mich täglich darin, Erwartungen zu reduzieren.
Zu akzeptieren, was da ist.
So, wie es ist.
Mit Chaos.
Das klappt nicht immer.
Überraschung.
Improvisationstheater statt Drehbuch
Was wir jetzt haben, ist kein Theater mehr mit festem Spielplan.
Kein Kino mit klarer Dramaturgie.
Wir haben Improvisationstheater.
Live.
In der Wohnung.
Im Garten.
Und sehr oft in meinem Kopf.
Ich erlebe mich immer wieder dabei,
wie ich einen Moment innehalte
und staunend in meinem eigenen Leben verweile.
Nicht, weil es so perfekt ist.
Sondern weil es so ungewöhnlich im Kleinen ist.
Ich bin Protagonistin in einem Stück,
das sich während des Spielens schreibt.
Hundeschule als Bühne des Alltags
Hundeschule.
18 Uhr.
Eine Uhrzeit, zu der Enjah normalerweise schon deutlich signalisiert:
Nach müde kommt blöd.
Und sie war ruhig.
Bei mir.
Ansprechbar.
Bis sie irgendwann ein riesiges Stück Moos im Maul hatte
und sich direkt vor mich setzte mit diesem Blick:
Hey.
Tauschen.
Bitte tauschen.
Guck mal, was ich Tolles gefunden habe.
Wie passend.
Denn genau Tauschen war gestern Thema in der Welpengruppe.
Enjah konnte glänzen.
Natürlich.
Und ich saß da
und musste innerlich lachen.
Nicht, weil alles perfekt lief.
Sondern weil es sich stimmig anfühlte.
Die kleinen Momente, die nichts mit Status zu tun haben
Es gibt sie jeden Tag.
Diese Momente, in denen ich merke,
dass mir heute etwas anderes wichtig ist als früher.
Morgens der Lauf mit Flusen.
Unser Moment.
Das Nach-Hause-Kommen
und Enjah freut sich,
als wäre ich wochenlang weg gewesen.
Der Augenblick,
in dem sie sich selbst korrigiert,
wenn meine Hand wieder in ihrem Maul landet.
Die eine Sekunde,
in der sie ruhig neben Flusen liegt,
ohne ihn zu attackieren.
Das sind keine Leistungen.
Das sind Begegnungen.
Und vielleicht ist genau das die Verschiebung,
die gerade passiert.
Weg vom Außen.
Hin zum Innen.
Weg von der Frage:
Was habe ich heute geschafft?
Hin zu der Frage:
Wie habe ich heute gelebt?