Tag 31 Müdigkeit, Kontrolle und warum Training manchmal rettet
Irgendwann ist es so weit.
Da ist man einfach nur noch genervt.
Bei mir ist das kein Charakterfehler, sondern Biologie.
Ich habe das schon immer sehr klar formuliert:
Nach müde kommt blöd. Auch bei mir. Oder gerade bei mir. Richtig blöd.
Mit neun Stunden Schlaf bin ich lebendig, gelassen, kreativ.
Mit acht Stunden stabil.
Mit sieben Stunden schon deutlich dünnhäutiger.
Und mit weniger als sieben Stunden bin ich morgens bereits genervt, bevor der Tag überhaupt angefangen hat.
Seit vier Wochen schlafe ich, wenn es gut läuft, sechs Stunden.
Unterbrochen.
Unruhig.
Nie tief.
Das Ergebnis ist vorhersehbar:
Ich bin müde.
Ich bin gereizt.
Ich sehe Dinge dramatischer, als sie sind.
Und dann kommt der zweite Faktor dazu:
Ein überdrehter manchmal sehr müder Welpe.
Das heißt Chaos in Reinform.
Wenn nichts mehr funktioniert und Kontrolle verloren geht
Es gibt diese Momente, in denen plötzlich nichts mehr greift.
Keine Übung.
Kein Wort.
Kein Blick.
Das Gefühl entsteht, keinen Einfluss mehr zu haben.
Und Kontrollverlust ist für viele Menschen schwer auszuhalten.
Für mich ganz besonders.
Dann kommen oft gut gemeinte Ratschläge:
Atmen.
Loslassen.
Annehmen.
Fließen lassen.
Ja.
Theoretisch.
Sag das mal jemandem, dessen Nervensystem gerade auf Alarm steht.
Ich habe für mich eine andere Strategie entwickelt.
Wenn ich merke, dass mir Kontrolle entgleitet, sorge ich aktiv dafür, dass ich wieder Selbstwirksamkeit erlebe.
Selbstwirksamkeit versus erlernte Hilflosigkeit
Aus psychologischer Sicht ist das ein zentraler Unterschied.
Selbstwirksamkeit beschreibt die Erfahrung:
Ich kann etwas bewirken.
Mein Handeln hat Einfluss.
Ich bin nicht ausgeliefert.
Erlernte Hilflosigkeit entsteht genau dort, wo dieses Erleben fehlt.
Wenn Menschen wiederholt erfahren, dass ihr Verhalten nichts verändert, ziehen sie sich zurück, werden passiv, resignieren oder reagieren über.
Mit Enjah heißt Selbstwirksamkeit für mich:
Training.
Nicht kompliziert.
Nicht perfekt.
Sondern klar.
Mini Einheiten.
Sehr einfache Übungen.
Auch dann, wenn sie müde ist.
Gerade dann.
Ein paar Sekunden Fokus.
Dann spielen.
Dann wieder kurz trainieren.
Dann wieder Spiel.
Was passiert ist zweierlei:
Enjah bekommt Orientierung.
Und ich bekomme mein Selbstwirksamkeitserleben zurück.
Stellvertreterkonflikte als Trainingsraum
Und dann gibt es da noch etwas, das mir sehr hilft: Stellvertreterkonflikte.
Ich nenne sie so, weil es im Kern egal ist, worum es geht.
Wichtig ist nur, dass wir den Konflikt austragen.
Im Garten weiß Enjah inzwischen sehr genau:
Wenn ich hierhin gehe, reagiert Dagmar.
Die Pflanzen zum Beispiel.
Es ist Herbst.
Ich könnte sie auch selbst rausreißen.
Aber sie eignen sich hervorragend als Trainingsfläche.
Enjah läuft hin.
Schaut mich an.
Testet.
Diskutiert.
Und wir klären das.
Immer wieder.
Ruhig.
Konsequent.
Dasselbe gilt für den Teich.
Sie balanciert mutig am Rand entlang.
Und wir verhandeln.
Ich weiß, das Schlimmste, was passieren kann, ist ein nasser Hund und eine sehr nasse Dagmar.
Also kann ich ruhig bleiben.
Und genau deshalb ist es ein guter Stellvertreterkonflikt.
Hier lernt sie Grenzen.
Und ich lerne, sie zu halten.
Und manchmal darf sie auch gewinnen
Natürlich lasse ich sie nicht immer verlieren.
Ihr Lieblingsspiel ist Tauschen.
Sie hatte es am ersten Tag verstanden.
Sie hat etwas im Maul, das sie nicht fressen soll.
Ich sage: Tauschen.
Sie spuckt es aus.
Sie bekommt einen Keks.
Grandios aus ihrer Sicht.
Also sucht sie ständig Dinge, mit denen man tauschen könnte.
Steht schmatzend vor mir und sagt sinngemäß:
Schau mal, ich hab was. Tauschen?
Sie ist unfassbar klug.
Und unfassbar konsequent in ihren Strategien.