Montag.
Der erste Arbeitstag mit zwei Hunden, einem übermüdeten Flusen und einer welpenhaften Systemsprengerin namens Enjah.
Ich wünschte, ich könnte sagen, ich sei entspannt in den Tag gestartet.
Aber die Wahrheit?
Ich war ab 3 Uhr wach.
Weil mein Kopf schon wieder sein „Das wird alles nicht funktionieren!!!“Karussell angeworfen hat.
Diese innere Stimme, die sich immer meldet, wenn Kontrolle bröckelt.
Oder wenn sie merkt, dass sie sowieso nie existiert hat.
Um 4 Uhr hatte ich offiziell genug „Schlaf“ (im weitesten Sinne).
Also aufgestanden, Enjah raus zum Lösen, dann mit Flusen joggen, wie jeden Morgen.
Ich, die Augen halb zu.
Flusen, der Blick: „Warum tun wir das? Es ist noch viel zu früh.“
Und Enjah? Die hatte einfach Spaß. Natürlich.
Und dann – Überraschung aller Überraschungen – funktioniert alles.
Ich startete um 6:30 Uhr in den Arbeitstag.
Mit mulmigem Gefühl.
Mit der Frage:
„Wie soll ich arbeiten, wenn hier zwei Hunde liegen, die beide irgendwie ihre eigenen Serien im Kopf laufen haben?“
Und dann geschah das Undenkbare:
Es. lief. perfekt.
- Enjah schlief selig in ihrer Box.
- Flusen schlief auf dem Sofa oder im Wohnzimmer.
- Ich arbeitete in Ruhe.
- Selbst Meetings, kein Problem. Enjah schnarchte über meinen Redebeiträgen hinweg.
Irgendwann meldete sie sich, ich ging mit ihr raus, ließ sie und Flusen kurz spielen, und wieder ab in die Box.
Sie fühlt sich dort so wohl, dass sie bevorzugt auf dem Rücken schläft wie ein winziger Flausch-Käfer.
Ein gutes Zeichen. Ein sehr gutes.
Mittags Runde im Garten.
Füttern.
Spielen.
Wieder schlafen.
Ich war fast schon stolz:
„Schau mal, ich habe alles voll im Griff!“
sagte mein Gehirn, während das Universum wahrscheinlich leise kicherte.
Nachmittags: Der Moment, an dem das Universum laut lachte
Im Wohnzimmer spielten die beiden.
Oder sagen wir:
Enjah spielte, Flusen duldete.
Sie ist ihm gegenüber sehr dreist.
Er lässt unglaublich viel durchgehen.
Aber irgendwann reicht es ihm dann doch und er knurrt, fletscht die Zähne, schnappt in die Luft.
Und sie?
Versteht es.
Für exakt drei Minuten.
Dann stürmt sie wieder auf ihn los wie ein Flummi auf Speed.
Irgendwann jagte Flusen sie sogar.
Da musste ich STOPP! rufen.
Beide frieren ein.
Ich fühle mich wie ein nervöser Hundetrainer aus einer schlechten RTL-Doku.
Aber es wirkt.
Abends: Der Spaziergang, der mich Demut gelehrt hat
Flusen war auf 180.
Dämmerung, Müdigkeit, Stress der letzten Tage.
Als wir einem Hund begegneten, der sowieso sein natürlicher „Erzfeind“ ist, ist Flusen komplett eskaliert.
So heftig wie noch nie.
Und natürlich kamen sie wieder:
Die Urteile in meinem Kopf.
„Super. Das ganze Dorf denkt jetzt, ich habe nicht mehr alle Latten am Zaun.“
„Die glauben bestimmt, ich hätte null Kontrolle.“
„Die denken, ich erziehe schlecht.“
„Toll, Dagmar. Wirklich toll.“
Und im ersten Moment war da Ärger.
Dann kam der Blick auf Flusen.
Auf seinen Stress.
Auf seine Überforderung.
Und plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag aufs Herz:
Er kann nichts dafür.
WIR sind beide müde.
WIR haben die letzten drei Tage kaum geschlafen.
WIR sind im Ausnahmezustand.
Wenn ich so müde wäre wie er
ich wäre vermutlich auch kurz davor, Menschen anzuknurren, die einfach nur Hallo sagen wollen.
Und was das Dorf denkt?
Ganz ehrlich:
Mir macht’s nur Stress, weil ich selbst noch glaube, alles kontrollieren zu müssen.
Ein alter Reflex.
Ein altes Muster.
Ein Urteil gegen mich selbst.
Ja, wir begegneten einem dicken Kampfhund und natürlich dachte ich:
„Hoffentlich können die den halten… der würde Flusen töten…“
Konnten sie.
Meine Nerven nicht.
Aber der restliche Spaziergang lief gut.
Abends haben beide beim Essen ein bisschen testen wollen.
Einmal klare Ansage, keine Interaktion jetzt.
Und beide waren ruhig.
Ich war beeindruckt.
Und dann: früh ins Bett.
Völlig erschöpft.
Ein Team aus einer übermüdeten Frau, einem überforderten Ersthund und einem selbstbewussten Mini-Wirbelwind.
Und am Ende des Tages merke ich:
Ich lerne gerade so viel wie meine Hunde.
Über Kontrolle.
Über Kontrollverlust.
Über Urteile, die äußeren, vor allem aber die inneren.
Und darüber, wie man trotzdem liebevoll durch den Tag navigiert.
Es ist chaotisch.
Es ist anstrengend.
Es ist wunderschön.
Und ich würde keinen einzigen dieser Momente eintauschen.