Tag 29 Urlaub der keiner ist und Glück das bleibt
Eigentlich hätten wir jetzt Urlaub.
So richtig.
Meer.
Sauna.
Nichts tun.
Seit über einem Jahr hatten wir keinen Urlaub mehr. Und dann kam Enjah.
Das Haus am Meer ließ sich nicht mehr stornieren. Und natürlich fährt man mit einem Welpen nicht einfach in den Urlaub. Also sagten wir ab, mit dem optimistischen Gedanken: Dann machen wir eben hier Urlaub.
Ich lächle kurz, während ich das schreibe.
Denn das hier ist vieles.
Aber Urlaub ist es nicht.
Wenn nichts mehr dir gehört nicht einmal die Zeit
Vormittags versuche ich so viel wie möglich an meinen Hausarbeiten zu schreiben. Bis etwa 15 Uhr funktioniert das auch. Danach ist klar: Ab jetzt gehört meine Aufmerksamkeit Enjah. Und Flusen. Und allem dazwischen.
Ab 15 Uhr bleibt kein Raum mehr für mich. Keine Konzentration. Kein eigener Rhythmus. Nur noch Dasein.
Und ja, es gibt diese Momente, da denke ich:
Wie konnte ich nur so bescheuert sein?
Flusen war unkompliziert. Wirklich.
Und jetzt beginnt alles wieder von vorne.
Die Nächte sind kurz. Ruhe gibt es eigentlich nur, wenn man selbst mit ruht. Manchmal tut das gut. Manchmal macht es müde.
Zwei Hunde zwei Welten und ein Kopf der beides halten soll
Was erstaunlich gut funktioniert, ist gemeinsames Training. Und was erstaunlich schwer ist: Dass beide völlig unterschiedlich angesprochen werden müssen.
Ich übe mit ihnen:
Flusen bleibt auf der Decke.
Enjah kommt zu mir.
Dann umgekehrt.
Und plötzlich heißen beide Enjah. Oder beide Flusen. Oder keiner hört mehr auf irgendetwas. Ihre Namen scheinen sie kollektiv vergessen zu haben.
Abends sorgt die Schleckmatte für ungefähr zehn Minuten Ruhe. Danach beginnt die Phase: Was kann man kaputt machen oder wie sehr kann man den Bruder ärgern.
Flusen will seine Ruhe. Will aber nicht aufs Sofa. Weil es ihm wichtig ist zu zeigen: Ich weiche nicht. Alles hier ist genauso meins wie deins.
Draußen läuft das Leben weiter und Enjah schaut Kino
Der Garten ist für Enjah ein Abenteuerfilm. Vor allem die Hühner beim Nachbarn. Nicht Fernsehen. Kino. Mittendrin. Getrennt nur durch den Zaun.
Hinten im Garten ist ein kleines Agility Feld für Flusen. Sand. Sand ist offenbar das Beste, was es gibt. Buddeln. Springen. Leben.
Und dann ist da diese andere Seite von Enjah. Die scheue. Die ängstliche. Vor allem in der Dämmerung. Ein Geräusch, das sie nicht einordnen kann, und sie will sofort rein. So auch heute Nacht um drei. Drinnen dann Erleichterung. Gerettet. Überlebt.
Ich musste dabei an Flusen als Welpen denken. Spät abends im Dunkeln. Ich blieb mit meiner Jacke in einem Busch hängen und kam gefühlt ewig nicht mehr heraus. Flusen stand da mit riesigen Augen, fest davon überzeugt, dass dieser Busch lebensgefährlich ist. Als ich mich endlich befreite, begrüßte er mich, als hätte ich gerade einen Dinosaurier bekämpft.
Ich lache heute noch, wenn ich daran denke.
Ambivalenz und warum genau das Leben ist
Und genau das ist es gerade mit den beiden.
Es ist anstrengend.
Es ist alles vereinnahmend.
Es bleibt kaum Raum für uns.
Und gleichzeitig gibt es diese Momente, in denen wir laut lachen müssen, weil es so unfassbar schön ist. So absurd. So lebendig.
Beides ist da. Gleichzeitig.
Überforderung und Glück.
Müdigkeit und Nähe.
Zweifel und Dankbarkeit.
Vielleicht ist das gerade meine tägliche Übung in Ambiguitätstoleranz.
Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und Widersprüchlichkeit auszuhalten, ohne sofort zu bewerten oder eine eindeutige Lösung erzwingen zu wollen. Nicht alles sofort einordnen zu müssen. Nicht alles kontrollieren zu wollen.
Ambiguitätstoleranz heißt, mehrere Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen. Gelassen zu bleiben, obwohl Informationen unvollständig sind. Handlungsfähig zu bleiben, auch wenn noch nicht alles klar ist.
In einer Welt, die komplexer, schneller und widersprüchlicher wird, ist das keine weiche Fähigkeit. Es ist eine zentrale Kompetenz. Für Zusammenarbeit. Für Führung. Für Beziehungen. Für innere Stabilität.
Menschen mit geringer Ambiguitätstoleranz suchen schnelle Antworten, klare Schuldige, einfache Lösungen. Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz halten Unsicherheit aus, bleiben neugierig, dialogfähig und präsent.
Und genau das erlebe ich hier täglich.
Es gibt keinen perfekten Tagesablauf.
Kein eindeutiges Gefühl.
Kein klares Urteil.
Nur dieses gleichzeitige Erleben.
Kein Urlaub. Und trotzdem Leben.
Keine Leichtigkeit. Und trotzdem Nähe.
Ambiguitätstoleranz bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder passiv zu werden. Sie bedeutet, auszuhalten, dass etwas noch nicht eindeutig ist und trotzdem in Beziehung zu bleiben. Zu mir. Zu den beiden. Zum Leben.
Und vielleicht ist genau das der wahre Urlaub gerade. Auch wenn er ganz anders aussieht als geplant.