Tag 28 Warum wir so gern wollen, dass sich andere ändern

Es gibt einen Satz, an dem ich in meiner Arbeit sehr schnell erkenne,
wie reflexionsfähig jemand gerade ist.

Er lautet ungefähr so:

„Ich habe ja schon alles versucht,
aber der andere müsste sich endlich ändern.“

Und jedes Mal denke ich still:
Ah. Da sind wir.

Nicht im Konflikt.
Nicht im Problem.
Sondern mitten im menschlichen Dilemma.

Der Wunsch nach Veränderung, nur bitte nicht bei mir

Viele Menschen kommen in Supervision, Mediation oder Coaching
mit einer klaren Erwartung:

Ich bezahle dich,
also sorge dafür,
dass die Situation für mich wieder gut wird.

Was dabei oft gemeint ist:

Mach, dass der andere anders wird.
Kooperativer.
Einsichtiger.
Leiser.
Oder zumindest so, dass es für mich erträglicher ist.

Dass das so nicht funktioniert,
wird häufig erst sehr spät sichtbar.

Nicht aus Bosheit.
Sondern aus einem zutiefst menschlichen Bedürfnis heraus:

Wir wollen Recht behalten.

Warum Selbstveränderung so weh tut

Psychologisch ist das gut erklärbar.

Wir sind Meister darin, unsere eigenen Entscheidungen,
Haltungen und Wege zu rechtfertigen.
Nicht, weil wir unehrlich sind,
sondern weil unser Gehirn auf Konsistenz programmiert ist.

Ein paar der Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen:

  • Bestätigungsfehler
    Wir nehmen bevorzugt Informationen wahr,
    die das bestätigen, was wir ohnehin glauben.
  • Kognitive Dissonanz
    Widersprüche zwischen Handeln und Einsicht
    erzeugen Spannung – und die wird vermieden.
  • Selbstwertschutz
    Einzugestehen, dass ein anderer Weg sinnvoller gewesen wäre,
    fühlt sich schnell an wie Selbstverrat.
  • Egozentrische Verzerrung
    Wir überschätzen unseren Anteil an Erfolg
    und unterschätzen unseren Anteil an Problemen.

All das ist normal.
Menschlich.
Und unfassbar wirksam.

Während ich darüber nachdenke, wie schwer es uns fällt,
den eigenen Anteil zu sehen,
fällt mir ein Satz aus meinem

Urteile-Detox-Adventskalender Türchen 5 ein:

Rechthaben ist teuer.

Teuer an Verbindung.
Teuer an Nähe.
Teuer an Entwicklung.

Sir E.GO liebt dieses Spiel.
Beziehungen meistens nicht.

Warum genau das die Zusammenarbeit so schwer macht

In heterogenen Teams, Beziehungen oder Familien
liegt eigentlich eine enorme Kraft.

Unterschiedliche Perspektiven.
Verschiedene Denkstile.
Andere Erfahrungen.

Doch statt diese Vielfalt zu nutzen,
kippt es oft in ein simples Schema:

Wenn du nicht so denkst wie ich,
bist du gegen mich.

Dieses Entweder-oder strengt mich manchmal sehr an.
Nicht, weil Menschen schwierig sind.
Sondern, weil sie sich selbst keinen Raum mehr lassen.

Entwicklung beginnt nämlich nicht dort,
wo der andere endlich einlenkt.

Sondern dort,
wo jemand sagt:

Vielleicht habe ich auch einen Anteil.
Vielleicht kann ich mich bewegen.
Vielleicht muss nicht alles so bleiben, wie ich es kenne.

Und dann ist da Enjah

Enjah hat keinerlei Interesse daran,
dass irgendjemand anders sich ändern müsste.

Sie ist einfach… sie.

Unfassbar offen.
Neugierig.
Gut gelaunt.
Und vor allem: unglaublich witzig.

Sie grunzt,
meckert,
diskutiert,
kommentiert die Welt akustisch
und stolpert regelmäßig über sich selbst.

Gestern habe ich sie im Garten gerufen.
Sie kam angerast wie ein kleiner Tornado,
merkte zu spät, dass Bremsen vielleicht sinnvoll gewesen wäre,
und rutschte bäuchlings über die Wiese.

Ich habe Tränen gelacht.
Und sie?
Stand auf, schüttelte sich
und war sofort wieder bereit fürs Leben.

Kein Drama.
Keine Selbstanklage.
Kein inneres Protokoll darüber,
wie man das hätte besser machen können.

Veränderung beginnt nicht im Gegenüber

Abends konnte sie nicht einschlafen.
Quengelte.
Kam nicht zur Ruhe.

Ich hätte denken können:
Sie muss schlafen, sie ist drüber.

Stattdessen habe ich sie aus ihrem Bett geholt,
noch eine Stunde mit ihr geschmust
und erst dann ist sie eingeschlafen,
bis heute Morgen kurz vor fünf.

Nicht, weil sie sich geändert hat.
Sondern, weil ich etwas anders gemacht habe.

Und genau da liegt der Punkt.

Wir überschätzen oft,
wie viel Einfluss wir auf andere haben
und unterschätzen massiv,
wie viel Wirkung eine kleine eigene Veränderung entfalten kann.

Verantwortung statt Veränderungsfantasien

Ich erkenne Reflexionsfähigkeit nicht daran,
wie klug jemand argumentiert.

Sondern daran,
ob irgendwann dieser Satz auftaucht:

Was ist eigentlich mein Anteil daran?

Nicht aus Schuld.
Nicht aus Selbstkritik.
Sondern aus Verantwortung.

Denn wir können andere nicht ändern.
Aber wir können den Raum verändern,
in dem etwas entsteht.

Und manchmal reicht genau das.