Tag 26 Wenn Hilfeschreie wie Angriffe klingen
und warum Entpersonalisieren eine Form von Professionalität ist
Gestern war wieder Hundeschule.
Und wie so oft habe ich weniger über Hunde gelernt
als über Menschen.
Nicht, weil etwas eskaliert wäre.
Sondern, weil etwas nicht eskaliert ist.
Die Trainerin erklärt ruhig das Deckentraining.
Strukturiert. Klar. Zugewandt.
Eine Halterin kommt nicht zurecht.
Erst Unsicherheit.
Dann Ungeduld.
Dann dieser Ton, den man schwer greifen kann
und der trotzdem sofort im Raum steht.
„Wie soll ich das denn machen?“
„Das geht doch so gar nicht.“
„Ich hab jetzt kein Leckerchen mehr.“
Der Satzinhalt ist banal.
Die Energie dahinter nicht.
Ich merke, wie mein eigener Körper reagiert.
Leichte Spannung.
Innere Wachsamkeit.
Ein feines Ziehen im Brustkorb.
Und die Trainerin?
Bleibt freundlich.
Bleibt ruhig.
Bleibt klar.
Nicht kühl.
Nicht distanziert.
Sondern präsent.
Und wieder denke ich:
Das ist eine hohe Kunst.
Angriff oder Hilfeschrei?
Die Frage entscheidet alles
Was sie tut, ist etwas, das wir in Supervision und GFK ständig trainieren:
Sie entpersonalisiert.
Sie hört nicht:
Du bist unfähig.
Du erklärst schlecht.
Du nervst.
Sie hört:
Ich bin überfordert.
Ich weiß gerade nicht weiter.
Mein Nervensystem ist am Anschlag.
In der Sprache der Gewaltfreien Kommunikation:
Ein unerfülltes Bedürfnis, das gerade keine elegante Form mehr findet.
Oder, neurobiologisch betrachtet:
Ein dysreguliertes System, das nach Halt sucht.
Und genau deshalb reagiert sie nicht auf den Ton,
sondern auf den Inhalt.
Sie bleibt auf der Sachebene,
ohne die Beziehungsebene zu verlieren.
Das ist keine Technik.
Das ist innere Differenzierungsfähigkeit.
Die Fähigkeit, beim Gegenüber zu bleiben
ohne innerlich zu verschmelzen.
Warum mich das so berührt
und warum es ein Wertethema ist
Je länger ich darüber nachdenke,
desto klarer wird mir:
Das triggert mich nicht zufällig.
Einer meiner zentralen Werte ist Freundlichkeit.
Und damit wird es spannend.
Ist Freundlichkeit mein Wert,
weil mich Unfreundlichkeit anstrengt?
Oder strengt mich Unfreundlichkeit an,
weil Freundlichkeit mein Wert ist?
Wahrscheinlich beides.
Und die Spur führt ziemlich schnell zurück in die Biografie.
Für ein Kind bedeutet Unfreundlichkeit oft mehr als schlechte Laune.
Sie kann Liebesentzug bedeuten.
Kälte.
Abwendung.
Bindungstheoretisch ist das kein Drama,
sondern logisch.
Ein Kind lernt sehr früh:
Beziehung sichert Überleben.
Also entwickelt es Strategien:
Anpassen.
Ruhig sein.
Besonders freundlich sein.
Sich entschuldigen, bevor jemand es verlangt.
Die Stimmung retten.
Nicht, weil es falsch ist.
Sondern weil es einmal sinnvoll war.
Und genau deshalb nehmen viele von uns Unfreundlichkeit bis heute persönlich.
Nicht auf der Sachebene.
Sondern tief im Nervensystem.
Enjah, die andere Seite der Medaille
In der Hundeschule zeigt sich Enjah ganz anders.
Zurückhaltend.
Beobachtend.
Kaum Spiel.
Viel Abstand.
Ein älterer schwarzer Hund ist sehr körperlich, sehr direkt.
Enjah zieht sich zurück.
Plötzlich sehe ich:
Sie kennt dieses Muster.
Sie weiß, wie sich Übergriffigkeit anfühlt.
Und ich sehe den Bogen:
Flusen zu Hause.
Enjah in der Schule.
Zwei Wesen mit feiner Wahrnehmung.
Führung heißt manchmal:
übersetzen, nicht korrigieren
Die Trainerin sagt einen Satz, der hängen bleibt:
Flusen kann das nicht allein.
Du musst ihn unterstützen.
Und sofort springt in mir etwas an.
Diese alte Angst:
Mache ich etwas falsch?
Übersehe ich etwas?
Gibt es einen richtigen Weg, den ich nicht kenne?
Und dann halte ich inne.
Niemand kennt Flusen so gut wie ich.
Ich war fast jede Minute seines Lebens dabei.
Ich kenne seine Geschichte, seine Trigger, seine Entwicklung.
Und Enjah kenne ich nun seit drei Wochen.
Drei dichte, intensive Wochen.
Expertinnen bringen Perspektiven.
Das ist wertvoll.
Unverzichtbar sogar.
Aber es gibt keinen Guru.
Keine absolute Wahrheit.
Keinen einen richtigen Weg.
Und während ich das denke,
muss ich über mich selbst schmunzeln.
Ich, die in Trainings immer wieder sagt:
„Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort.
Dort treffen wir uns.“ (frei nach Dschalal ad Din Rumi, 1207–1273)
Und dann meldet sich doch wieder die alte Stimme.
Mein Vater.
Der immer recht hatte.
Bis heute.
Auch wenn er nicht recht hat.
Professionalität bedeutet nicht
keine Zweifel zu haben.
Professionalität bedeutet,
zu wissen, wo man hinschaut,
wie man zuhört
und wann man sich selbst aus dem Weg geht.
Hilfeschreie nicht persönlich zu nehmen,
auch wenn sie scharf verpackt sind.
Morgen schreibe ich weiter darüber,
wie sich diese Muster in Führung zeigen.
Bei Hunden.
Und bei Menschen.
Und warum genau dort Entwicklung beginnt.