Tag 24 Bias, Blind Spots und ein Welpe, der mir erklärt, wie Statistik wirklich funktioniert
Zurzeit befinde ich mich im sogenannten Hausarbeitsurlaub.
Das klingt entspannter, als es ist.
In Wirklichkeit bedeutet es:
Zwei Hausarbeiten bis Ende des Jahres schreiben,
damit ich im Januar endlich mit der Masterarbeit beginnen kann.
Und dazwischen versuchen, nicht von Enjah gebissen, abgelenkt oder intellektuell überfahren zu werden.
Zum Glück habe ich einen Professor, der nicht nur brillant ist, sondern auch unfassbar offen für Vorschläge.
Dadurch kann ich ein Thema bearbeiten, das mich wirklich fasziniert.
Während ich mich gestern mit dem Thema Bias und Noise in der Datenwissenschaft beschäftigt habe, dachte ich an ein Beispiel, das mein Professor in einem Podcast geteilt hat.
Eines, das man in jeder Statistikvorlesung lehren sollte.
Das berühmte Beispiel der Kampfflugzeuge
und der Punkt, an dem fehlende Daten tödlich werden
Während des Zweiten Weltkriegs betrachteten die Amerikaner heimkehrende Flugzeuge,
zählten die Einschusslöcher und folgerten:
Diese Bereiche müssen wir verstärken.
Da trifft der Feind am meisten.
Klingt logisch.
War aber falsch.
Denn:
Die Datenbasis war nicht vollständig.
Es wurden nur Flugzeuge ausgewertet, die zurückgekehrt waren.
Die Maschinen, die an anderen Stellen getroffen wurden,
kamen nie wieder zurück
und fehlten in der Stichprobe.
Der Statistiker formulierte sehr nüchtern, was heute ein Klassiker der Statistik ist:
„Schützt die Stellen, an denen die Einschüsse fehlen.“
Denn dort führten Treffer zum Absturz.
Es war ein Paradebeispiel für Survivorship Bias,
also für eine systematisch verzerrte Wahrnehmung,
weil wir nur die Überlebenden betrachten
nicht die, die fehlen.
Und ich stand gestern im Wald, mit Flusen an der Leine,
und dachte:
Wie oft passiert mir genau das?
Wie oft interpretiere ich nur aus dem, was ich sehe?
Wie oft fehlt mir der entscheidende Datenpunkt,
der die ganze Situation anders aussehen ließe?
Willkommen bei den Blind Spots des Lebens
oder: Wie man einen Gorilla übersieht, der durchs Bild läuft
Mein Lieblingsbeispiel für Aufmerksamkeitsblindheit
ist das Invisible Gorilla Experiment.
Du zählst konzentriert Pässe eines Basketballteams
und währenddessen läuft ein Mensch im Gorilla Kostüm durchs Bild.
Mitten durch.
Und die meisten sehen ihn nicht.
Ich auch nicht.
Ich habe dieses Experiment im Psychologiestudium durchgeführt.
Ich habe ihn nicht gesehen.
Ich hätte schwören können, dass ich aufmerksam und objektiv bin.
Manchmal bin ich es.
Manchmal nicht.
Und genau da beginnt die philosophische Frage:
Was sehe ich eigentlich nicht?
Und welche Konsequenzen hat das?
Was ich bei Flusen nicht gesehen habe
und warum Enjah mir das gerade sehr deutlich macht
Mit Flusen hatten wir eine extrem traditionelle Welpenzeit.
Viele Fehler.
Wenig Wissen.
Wenig Datenpunkte.
Heute weiß ich:
Wir haben vieles richtig gemacht.
Viele Dinge falsch.
Und einiges schlicht nicht gesehen,
weil es jenseits unseres Wahrnehmungsfeldes lag.
Mit Enjah beginnt das Spiel nun von vorne,
nur auf einem komplett anderen Level.
Sie ist schneller, sensibler, reaktiver,
reizoffener, komplexer
und vor allem biomechanisch und kognitiv darauf programmiert,
alles zu sehen, alles zu hören und auf alles zu reagieren.
Wenn man es sehr technisch ausdrücken will:
Enjah ist ein Hochfrequenzsensor mit emotionaler Selbstständigkeits-Latenz.
Flusen dagegen war, und ist, eher das zuverlässige, leicht nachdenkliche Modell
mit guter Fehlerkorrektur, aber langsamer Reizverarbeitung.
Und so lassen wir Enjah jetzt im Garten frei laufen.
Ohne Leine.
Ohne Geschirr.
Mit 1000 Quadratmetern Möglichkeiten für Chaos.
Es funktioniert.
Warum?
Weil wir mit ihr anders kommunizieren.
Weil wir mehr Daten gesammelt haben.
Weil wir Muster erkennen.
Weil wir unseren eigenen Bias zunehmend sehen.
Ich erinnere mich genau an meinen Satz zur Trainerin damals, als Flusen ein Welpe war:
„Ganz ehrlich, ich verstehe gar nicht, warum er überhaupt auf mich hören soll.“
Ihre Antwort werde ich nie vergessen:
„Weil Hunde hören wollen.
Weil sie geführt werden wollen.
Weil sie entspannen möchten,
wenn jemand anderes die Verantwortung übernimmt.“
Ein Satz, der heute alles ändert.
Bias, Hundeerziehung und der Mensch, der ich werde
Mein Professor sagte gestern im Podcast:
„Erfahrung ist ein zentrales Mittel, um Bias zu reduzieren.“
Und plötzlich ergibt alles Sinn.
Jeder Tag mit Enjah und Flusen
erweitert meinen Datensatz.
Jeder Fehler ist ein neuer Datenpunkt.
Jeder Erfolg ein Hinweis auf ein Muster.
Jeder Konflikt eine neue Hypothese.
Jede Beobachtung ein Schritt zu mehr Präzision.
Wir lernen.
Wir justieren.
Wir reduzieren Bias.
Wir verstehen Zusammenhänge.
Und wir handeln immer adäquater.
Das ist Statistik.
Das ist Psychologie.
Und das ist Erziehung.
Und gleichzeitig ist es das pure Leben:
Wir sehen nie das ganze Bild.
Aber wir können jeden Tag ein Pixel mehr erkennen.
Enjah hilft mir gerade,
das Unsichtbare sichtbar zu machen.
Und Flusen zeigt mir jeden Tag,
dass Erfahrung die eleganteste Form der Weisheit ist.