Tag 23 Wenn die Welt laut wird und ich leise
… oder warum ich plötzlich über Expertise, KI und einen kleinen Hund nachdenke
Es gibt Tage, an denen man sich fragt, wann genau die Welt eigentlich absurd geworden ist.
Und dann fällt einem ein: Ach ja, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als plötzlich jeder glaubte, ein Experte zu sein, weil er eine KI fragen kann, die so tut, als wüsste sie alles.
Ich sehe es überall:
Menschen, die dank künstlicher Intelligenz scheinbar über Nacht Kompetenzen erwerben, für die andere jahrelang studiert, gearbeitet, geforscht und gelitten haben.
Menschen, die Ergebnisse präsentieren, die klingen wie Wissen, sich lesen wie Wissen, aber keine echte Tiefe haben.
Menschen, die überzeugt auftreten, weil die KI ihnen hilft, ihre Unsicherheit zu verstecken.
Und dann sind da diejenigen, die wirklich Expertise haben.
Die, die den langen Weg gegangen sind.
Die die Grundlagen kennen, bevor sie sich an die Höhe wagen.
Die verstehen, was sie tun.
Und genau diese Menschen erleben gerade einen ganz besonderen Schmerz:
Nach jahrzehntelanger Erfahrung von jemandem überholt zu werden,
der einfach nur schneller tippt als man selbst.
Es ist, als würde ein Koch mit Michelin Stern daneben stehen und zuschauen müssen,
wie jemand eine Tiefkühlpizza in den Ofen schiebt und sagt:
Schau mal, geht auch.
Irgendwann habe ich gemerkt, wie sehr mich das verletzt hat.
Nicht, weil ich anderen etwas nicht gönne,
sondern weil es sich anfühlt, als hätte Expertise plötzlich keinen Wert mehr.
Als ginge es nicht mehr um Qualität, sondern nur noch um Lautstärke.
Nicht mehr um Wahrheit, sondern um Reichweite.
Nicht mehr um Tiefe, sondern um Tempo.
Und ja, ich war wütend.
Frustriert.
Gekränkt.
Ich habe gedacht:
Wie kann es sein, dass Schein so viel leichter hat als Sein?
Aber dann habe ich gemerkt:
Meine Reaktion ist auch nur ein Schutzmechanismus.
Der Wunsch, im Recht zu sein.
Der Wunsch, gesehen zu werden.
Der Wunsch, dass Kompetenz zählt.
Und genau da habe ich mich gefragt:
Mache ich mich nicht selbst kleiner, wenn ich mich so definieren lasse?
Wenn ich mich dagegenstemmen muss?
Wenn ich krampfhaft beweisen möchte, dass ich es besser kann?
Ich habe zwei Schritte zurück gemacht.
Und in diesem Rückzug wurde plötzlich etwas wieder klar:
Nicht alles muss zu mir passen.
Und ich muss nicht zu allem passen.
Und dann steht plötzlich ein kleiner Hund im Raum meiner Erkenntnisse
Denn wenn ich etwas in den letzten drei Wochen gelernt habe, dann das:
Ich weiß noch gar nicht, wer sie wirklich ist.
Ihr Charakter ist eine Skizze in Bewegung.
Ein Rohbau.
Eine Möglichkeit.
Ein kleines Kunstwerk, das sich jeden Tag neu erfindet.
Und genau deshalb wäre es absurd,
sie in irgendeine Form pressen zu wollen.
Oder zu erwarten, dass sie so wird, wie ich es gern hätte.
Der brave Hund.
Der kontrollierbare Hund.
Die kleine Stofftierversion eines perfekten Wesens.
Der Hund, der keine Fehler macht und meinen Alltag nicht durcheinander bringt.
So einen Hund wollte ich nie.
Und so einen Hund würde ich niemals bekommen.
Nicht von dieser Rasse
und nicht von dieser Persönlichkeit.
Was ich möchte ist etwas ganz anderes:
Ich will sie verstehen.
Ich will sie lesen.
Ich will hören, was sie braucht, um sich sicher zu fühlen.
Und Freiheit geben, wenn sie diese tragen kann.
Ich will Konsequenz ohne Härte.
Klarheit ohne Druck.
Führung ohne Formung.
Und es wäre vermessen zu sagen,
Enjah passe perfekt zu mir.
Vielleicht tut sie das noch gar nicht.
Vielleicht tut sie es irgendwann.
Vielleicht passt sie zu dem Menschen, der ich gerade werde
und nicht zu dem, der ich vor einem Jahr war.
Vielleicht ist das das Geheimnis:
Ich muss gar nicht wissen, ob sie zu mir passt.
Ich muss nur bereit sein, mich selbst so zu verändern,
dass ich ihr gerecht werde.
Zurücktreten.
Beobachten.
Da sein.
Anbieten.
Und eine Konsequenz entwickeln, die so still ist,
dass sie mehr sagt als jede laute Welt es je könnte.