Tag 22 Die andere Seite von Enjah
… und warum wir Menschen manchmal gar nicht so anders sind als ein Australian Shepherd
Heute möchte ich über die Seite von Enjah schreiben, die man beim ersten Blick gar nicht sieht.
Die Seite, die sich hinter dem Karacho, der Attacke, der Energie und dem „Ich-regel-das-alles“-Modus versteckt.
Die Seite, die wir erst nach drei Wochen langsam zu verstehen beginnen.
Und vielleicht ist es zu früh, den Charakter eines Welpen zu deuten.
Vielleicht sollte man noch nichts über Persönlichkeitsmerkmale sagen.
Aber dann kommt Enjah.
Und sagt:
„Ja klar könnt ihr das. Hallo? Ich lebe meine Persönlichkeit seit Tag eins mit voller Lautstärke.“
Australian Shepherd, Handbuch für Anfänger:
Stellen Sie sich einen Ferrari vor, aber mit Fell und Emotionen
Enjah ist ein Aussie.
Und wer schon einmal mit einem Aussie zusammengelebt hat, weiß:
Diese Hunde wurden nicht dafür gezüchtet, dekorativ auf Sofas herumzuliegen oder gemütlich über den Sinn des Lebens nachzudenken.
Nein.
Australian Shepherds stammen aus den USA und wurden als Hütehunde für große Viehbetriebe eingesetzt, und „groß“ bedeutet nicht fünf Kühe, sondern Herden von 80, 120, manchmal sogar über 200 Tieren, die in Bewegung gehalten, sortiert, umgelenkt und beschützt werden mussten.
Und das alles von einem Hund, der im Zweifel nur 16 bis 20 Kilo wiegt.
Ein kleines Wesen mit dem Auftrag, eine stampfende Masse von Riesen im Griff zu behalten.
Ihr Job war es:
– Bewegungen zu erkennen, bevor sie passieren
– Geräusche zu hören, bevor sie entstehen
– Entscheidungen zu treffen, lange bevor der Mensch überhaupt merkt, dass eine Situation entsteht
– 200 Kühe gleichzeitig im Auge zu behalten, ohne ein einziges davon persönlich zu kennen
– und nebenbei: das Universum vor dem Untergang zu bewahren, falls eine einzige Kuh beschließt, aus der Reihe zu tanzen
Ein Aussie ist streng genommen kein Hund.
Es ist ein Hochleistungs-Frühwarnsystem im Kompaktformat, gebaut für Reaktionsschnelligkeit, Selbstständigkeit und Notfallmanagement auf olympischem Niveau.
Wenn ein Aussie ein Motto hätte, dann wäre es:
„Immer bereit. Nie abschalten. Schlaf ist Schwäche.“
Und ganz ehrlich:
Wenn man Enjah so anschaut, könnte man glauben, dass sie auf einem inneren Hügel steht, mit einer kleinen imaginären Flagge in der Luft wedelt und ruft:
„Ich hab euch alle im Blick!
Ich hör alles!
Ich seh alles!
Ich spüre alles!
Ich reagiere auf alles!
Ich weiß nichts damit anzufangen – aber ich REAGIERE!“
Die tapfere Seite: Mut als Tarnung für Überforderung
Was wir in den letzten Tagen verstärkt sehen:
Enjah ist nicht nur draufgängerisch.
Sie ist SEHR sensibel.
Reizoffen.
Scheu, manchmal.
Feinfühlig bis in die kleinste Faser ihres Wesens.
Sie wirkt mutig, selbstbewusst, unerschrocken
und gleichzeitig sehen wir:
Oft ist es keine Angstfreiheit.
Es ist Vermeidung durch Vorwärtsbewegung.
Als würde sie sagen:
„Wenn ich drüber bin, muss ich nicht fühlen, dass ich unsicher bin.“
Und ja
wie viele von uns kennen genau dieses Muster?
Und dann kommt die Box, der einzige Ort, an dem die Welt endlich still wird
Gestern ist etwas passiert, das uns berührt hat:
Enjah ist selbstständig in die Schlafbox gegangen.
Ihre abgedunkelte Höhle.
Der einzige Ort, an dem keine Geräusche, keine Bewegungen, keine Eindrücke an sie herankrachen.
Dort kann sie atmen.
Dort fällt sie in Ruhe.
Dort kann sie schlafen, tief und sicher.
Aber:
Sie hört trotzdem alles.
Und sie hört vor allem uns.
Und wenn wir den Raum auch nur drei Sekunden verlassen, kommt ein Aufbellen.
Ein kleines „Hey! Ich hab euch bemerkt! Wo geht ihr hin? Wir sind ein Team!“
Es ist sensibel.
Es ist hilflos.
Es ist rührend.
Und es ist eine Erinnerung daran, wie fein sie diese Welt wahrnimmt.
Und jetzt der Teil, der weh tut: Wir Menschen sind nicht anders
Wenn wir uns diese Feinfühligkeit anschauen
diesen Kampf zwischen Mut und Überforderung
dann sehen wir plötzlich sehr vertraute Muster.
Unsere eigenen Muster.
Unsere gelernten Schutzstrategien.
Unsere Glaubenssätze aus Kindheit, System, Beziehungen.
Der Mini Aussie in uns erkennt alles:
Kontrolle
„Wenn ich nur alles im Blick habe, passiert mir nichts.
Wenn ich alles kontrolliere, werde ich nicht verletzt.“
Vermeiden und Verdrängen
„Ich tu so, als wäre nichts.
Ich funktioniere einfach weiter.“
Regression
„Ich kann das nicht. Ich will nicht. Kann jemand anderes bitte übernehmen?“
Opferrolle
„Warum passiert das immer mir?
Ich hab doch schon alles gegeben.“
Aggression / Kampfmodus
„Bevor mich jemand trifft, gehe ich lieber in die Gegenwehr.“
(Die Mini-Aussie-Version hiervon heißt: „Ich bell dich an, bevor du mich anschaust.“)
Anerkennungshunger / Will to Please
„Wenn ich alles perfekt mache, werde ich nicht abgelehnt.“
Beim Aussie bedeutet das:
„Sag mir, was ich tun soll, ich gebe 200 Prozent.“
Dieses Will-to-Please macht sie so lernfreudig
und gleichzeitig so schnell überfordert:
Nichts stresst Enjah mehr als der Moment,
in dem sie gefallen will,
aber nicht weiß wie.
Harmoniesucht
„Bitte keinen Streit.
Bitte alle lieb sein.
Bitte nicht bellen.
Bitte nicht knurren.
Bitte emotional auf der gleichen Matratze liegen wie ich.“
Und dann sehen wir plötzlich:
Enjah tut nichts anderes.
Nur ohne Filter.
Ohne Psychologie.
Ohne Höflichkeit.
Ihr System sagt:
„Zuviel. Ich mach lauter. Ich mach schneller. Ich mach vorne rum.“
Unser System sagt:
„Zuviel. Ich mach innen zu.“