Tag 2 mit Enjah – oder: Wenn das Leben dir zeigt, wie wenig du wirklich kontrollierst

Die erste Nacht mit Enjah war überraschend ruhig. Fast zu ruhig, so ruhig, dass mein innerer Kontroll-Freak sofort misstrauisch wurde.

Wir waren früh im Bett.
Flusen im Wanderzirkus-Schlafmodus irgendwo zwischen Bett, Boden und „ich leg mich mal hier hin“.
Enjah in ihrer Box neben meinem Bett, geschlossen, sicher, ordentlich.
Alles unter Kontrolle.
Dachte ich.

Kontrolle? Ein kurzer, lauter Reality-Check.

Es dauerte nicht lange, bis ich das nächtliche „Schmatz-Schmatz-Knirsch“ hörte. Dieser Sound, der dir sofort sagt:
Irgendwas wird gerade zerstört, das nicht zerstört werden sollte.

Ich schaltete das Licht an, und da lag sie:
Enjah, 11 Wochen alt, vernichtungsbereit.
Die Unterlage, die ich für „Was-wenn-sie-muss“ Notfälle hineingelegt hatte, war ihr erster nächtlicher Snack geworden.

Ich schimpfte ein wenig, nahm ihr die Reste weg, und in diesem Moment:

Enjah blickte hoch: „Also echt, hier läuft ja gar nichts. Nicht mal zerfetzen darf man.“

Flusen schaute runter: „Reiß dich zusammen. Hier gibt’s Regeln. Du nervst!“

Und ich stand da, halb schlafend, und dachte:
„Das mit der Kontrolle war wohl ein netter Versuch…“

Licht aus, Laptop kurz an, beide Hunde schlafen.
So viel zur Kontrolle.

04:45 Uhr: Ein neuer Morgen – und ein neuer Spiegel

Um kurz vor 5 stand ich auf und ging mit Enjah raus.
Perfekt. Lösen. Fertig.
So weit, so kontrolliert.

Dann die Morgenrunde mit Flusen.
Und plötzlich war da dieses Gefühl:
Überforderung.
Ganz klar und ehrlich: Ich schaff das nicht. Oder? Doch? Aber wie?

Dieses Gefühl zeigt mir:
Wenn Kontrolle wegrutscht, kommt das zum Vorschein, was wir am liebsten mit ihr zudecken, Unsicherheit. Alte Urteile über uns selbst. Erwartungen, die uns festhalten.

Die milde Form von Fremdurteilen

Kurz bei meinen Eltern:
„Ach ist die süß! So ein entzückendes Welpi!“
Ja. Klar. Süß.
Und gleichzeitig ein kleiner Tasmanischer Teufel mit Ohrenentzündung.

Die Außenwelt urteilt immer gern mit.
Mal liebevoll, mal kritisch, mal komplett weltfremd.

Und ich merke:
Wenn ich selbst unsicher bin, treffen mich diese Urteile stärker.
Wenn ich klar bin, können sie reden, was sie wollen.

Kontakt, Nähe, und die Frage: Wer bestimmt hier eigentlich?

Als später ein Freund vorbeikam, begrüßten ihn beide Hunde freundlich.
Unter dem Tisch schliefen sie dann, mit 50 cm Abstand.
Eine Art „Friedensvertrag auf Zeit“.

Aber immer wieder spüre ich:
Kontrolle funktioniert nur bedingt.
Vor allem mit Lebewesen, die eigene Persönlichkeiten haben.
Egal ob Mensch oder Mini-Aussie.

Und dann kam der Punkt, an dem alles zusammenfloss

Heute war sie wieder extrem unruhig.
Trotz Spiel. Trotz Auslauf. Trotz meinem gut gemeinten Versuch, den Tag „richtig“ zu managen.

Also: Box. Musik. Ruhe.
Und plötzlich funktionierte es.

Nicht, weil ich Kontrolle hatte.
Sondern weil ich Klarheit hatte.

Kontrolle ist:
„Ich bestimme, wie du zu sein hast.“

Klarheit ist:
„Ich zeige dir, was der Rahmen ist, und du darfst lernen.“

Was mich Enjah heute über Urteile lehrt

Ich ertappe mich ständig dabei:

Wie ich darüber urteile, wie ich sein sollte.

Wie ich versuche, das Chaos zu kontrollieren, statt es zu begleiten.

Und wenn ich dieses innere Urteil loslasse:

Werde ich ruhiger.
Wird sie ruhiger.
Und Flusen sowieso.

Enjah bringt mich an meine Grenzen.
Und genau dort beginnt das, was ich eigentlich vor Weihnachten thematisieren möchte:

Urteile loslassen.
Kontrolle loslassen.
Präsenz finden.
Und sehen, was wirklich da ist.

Morgen geht’s weiter

Heute Abend steht noch die Ohrenpflege an – und ich bin sehr gespannt, wie viele meiner Illusionen von Kontrolle dabei erneut liebevoll zerlegt werden.

Tag 3 wird ein weiterer Schritt in Richtung:
Weniger kontrollieren. Weniger urteilen. Mehr wahrnehmen