Tag 19 Hundeschule, Herzmomente und die Wahrheit über meinen inneren Kontrollfreak
Gestern war unser erstes Mal in der Hundeschule.
Fünf Welpen, fünf Welpenhalter, fünfmal aufgeregte Erwartung, was da wohl gleich passieren würde.
Ich war der Meinung, Enjah würde die Gruppe in den ersten Minuten dominieren, überrollen oder zumindest unhöflich begrüßen.
Aber nein.
Sie war… überraschend normal.
Nicht schüchtern, nicht eingeschüchtert, aber eben auch nicht das kleine Bulldozer Mädchen, das ich befürchtet hatte.
Zweimal wurde sie von anderen etwas rüde angegangen, sie quietschte kurz, suchte Schutz bei mir und ich schickte sie wieder zurück ins Getümmel.
Ein kleiner Moment von Mut, Vertrauen und, ja, einem gewissen Herzkrampf.
Aber sie hat es gemeistert.
Der emotionalste Moment aber war ein anderer.
Als die Hunde frei liefen, musste ich etwas am anderen Ende des Platzes abgeben.
Ich ging los.
Und plötzlich sah ich sie:
Enjah, die kleine Rakete, wie sie mich über das gesamte Gelände verfolgte.
Sie sah mich Richtung Ausgang gehen und traf eine klare Entscheidung:
Die Meute ist nett, aber du bist wichtiger.
Ich gebe zu, an dieser Stelle hätte ich fast feierlich „Ich bin gewählt worden!“ gerufen.
Die Stunde selbst: Konzentration, Fokus und ein kleines Genie im Fellmantel
Während der Trainingseinheit war sie unglaublich konzentriert.
Mitte, Sitz, Platz, lockere Leine, alles machte sie mit einer Ernsthaftigkeit, als würde sie sich für eine Hundeversion von Harvard bewerben.
Und dann kam der Moment, in dem ich lernte, dass wir Leinenführigkeit zwar fleißig geübt haben, aber falsch.
Nicht dramatisch falsch, nur klassisch menschlich falsch.
Ich dachte, lockere Leine bedeutet:
„Wenn sie zieht, ein bisschen warten.“
Die Trainerin sagte:
„Wenn sie zieht, sofort zurückholen und inflationär das Wort Leine sagen, wenn diese nicht spannt.“
Nun gut.
Wir starten also in die Phase der permanenten Wortwiederholungen.
Der Morgen danach: Der Kater nach dem Welpenrausch
Nach der Rückkehr fiel Enjah sofort in den Tiefschlaf.
Raubtierfütterung, Kopf auf den Boden, Licht aus.
Und sie blieb so bis vier Uhr.
Danach allerdings war sie wieder wie am ersten Tag:
überdreht, bissig, laut, fordernd.
Es war klar:
Gestern war viel zu viel Input für ihr kleines Welpenhirn.
Heute ist ein absoluter Ruhetag.
Ein „Bitte nichts von mir verlangen“ Tag.
Ein „Ich befehle ein mentales Detox“ Tag.
Damit wir sie wieder auf ein normales überdrehtes Welpenniveau bringen können.
Und ich? Ich habe wieder eine unangenehme Wahrheit entdeckt
Ich bin noch lange nicht so weit, Hundekommunikation entspannt auszuhalten.
Diese Körperlichkeit.
Dieses wilde Miteinander.
Das Anrempeln.
Das Hochfahren.
Das Beißen.
Das Jagdspiel.
Ich stehe daneben und lächle verkrampft, während mein Nervensystem ruft:
„Hört sofort damit auf!“
Ich habe so eine tiefe innere Harmonie Sehnsucht,
dass mich diese natürliche Hundlichkeit fast überfordert.
Ich weiß, dass es normal ist.
Ich weiß, dass es gut ist.
Ich weiß, dass Welpen daraus lernen.
Ich weiß, dass die kleinen Seelen das verarbeiten können.
Und trotzdem…
bin ich innerlich in Alarmbereitschaft.
Das gilt auch für Flusen
Flusen hat eine unfassbar klare, ruhige, sozial hochfeine Kommunikation,
wenn er nicht an der Leine ist.
Er ist weich, höflich, souverän.
Er kann spielen, regulieren, anpassen.
Und trotzdem halte ich bei jeder Begegnung die Luft an.
Ich vertraue nicht.
Ich übersehe seine Kompetenz,
weil mein innerer Kontrollfreak in mir ruft:
„Was, wenn etwas passiert?“
„Was, wenn du es übersiehst?“
„Was, wenn du zu spät reagierst?“
Dabei ist Flusen mein größter Lehrer.
Sein Kommunikationshandwerk ist sauberer als meines.
Gebildeter als meines.
Souveräner als meines.