Tag 18 Raumbegrenzung, Staubkornpädagogik und die hohe Kunst, nicht wegzulächeln
Letzter Arbeitstag vor den Weihnachtsferien.
Und der Tag begann mit einem Ritual, das inzwischen fester Bestandteil unseres Zusammenlebens geworden ist:
Boxtraining mit dem kleinen Genie, das ständig nach Schlupflöchern sucht.
Enjah durfte heute nicht aus der Box.
Box offen, ja.
Aber rausgehen?
Nein.
Und sie wusste das.
Und trotzdem begann sie ihr persönliches Forschungsprojekt:
Wie viel Pfote darf raus?
Eine? Zwei?
Wie weit darf die Schnauze über der Grenze schweben, bevor die „Ah ah“ Instanz eingreift?
Und was, wenn ich einfach ganz lieb gucke – löst das vielleicht die Regeln auf?
Ich saß am Schreibtisch, sie tastete sich heran.
Pfote raus.
Pfote rein.
Pfote raus.
Schnauze hinterher.
Ich stand auf, begrenzte.
Sie wieder rein.
Nach 15 Minuten wurde ihr klar:
Dieses Spiel gewinne ich heute nicht.
Und dann, als wäre ein Schalter umgelegt
legte sie sich hin, atmete aus und schlief friedlich ein.
Und das Schönste:
Nach dem Aufwachen kam kein neuer Versuch.
Ruhig.
Akzeptierend.
Bei sich.
Ein kleiner Sieg.
Nicht über sie, sondern für uns beide.
Der Rest des Tages: Ein Opa, ein Flummi und eine Wohnzimmerexpedition
Der Tag verlief dann unspektakulär, was in unserem Haushalt bereits als „meditativer Zustand“ gilt.
Abends durften beide ins Wohnzimmer.
Enjah entdeckte jeden Staubkorn, jedes Buch, jede winzige Ecke.
Wenn man es anfassen, ansaugen oder klauen konnte:
Sie fand es.
Sie nahm es.
Sie probierte es.
Manches ließen wir zu.
Manches nicht.
Ihr war es egal, denn sie war bereits müde.
Müde Welpen sind eine ganz eigene Spezies.
Flusen betrachtete das Schauspiel in der Geschwindigkeit eines alten Schwarzweißfilms.
Er wirkt derzeit wie ein sehr alter Mann, der sich fragt, wer dieses vibrierende Jungvolk in sein Wohnzimmer gelassen hat.
Sein Energielevel liegt irgendwo zwischen Pension und Stehlampe.
Draußen ist es etwas besser, aber insgesamt hat er beschlossen, dass man Enjahs Tempo am sinnvollsten dadurch ausgleicht, dass man seines auf minus 100 reduziert.
Rechnet man beide Energielevel zusammen, sind wir übrigens noch immer überdurchschnittlich lebendig.
Und ich? Ich trainiere an mir. Härter als je zuvor.
Ich beobachte im Moment sehr bewusst, was in mir passiert:
Wann ich genervt bin.
Wann ich gerührt bin.
Wann ich beeindruckt bin.
Wann ich am liebsten flüchten würde.
Ich versuche nichts wegzudrücken.
Nichts schön zu reden.
Nichts weglächeln, was eigentlich gesagt werden müsste.
Ich kommuniziere direkter.
Klarer.
Ehrlicher.
Und ja, manchmal rutscht trotzdem ein „Bist du süß“ raus, obwohl die Situation eigentlich nach einer pädagogischen Ansage verlangt hätte.
Aber ich merke:
Meine alte Strategie des innerlichen Kofferpackens und äußerlichen Lächelns funktioniert im Rudel nicht.
Nicht mit Enjah.
Nicht mit Flusen.
Nicht mit uns.
Sie halten nichts aus.
Sie warten nicht.
Sie machen alles sofort klar.
Sie diskutieren, ja.
Aber sie drängen nichts runter.
Sie zeigen mir:
Authentisch sein ist der einzige funktionierende Weg.
Und ich…
ich übe.