Tag 171, 172 und 173: Wenn aus Tageszahlen kleine Fenster werden
Eine leise Grenze am Morgen
Puh.
Ich merke gerade, dass ich an eine Grenze komme.
Nicht an eine dramatische Grenze mit Pauken, Tränen und innerem Geigenorchester.
Eher an so eine leise Alltagsgrenze, die morgens neben einem steht, während man Kaffee macht, und sagt:
„Du, ganz ehrlich, das mit dem täglichen Schreiben schaffen wir gerade nicht.“
Und sie hat recht.
Wenn alles mit am Tisch sitzt
Gerade ist viel.
Meine Masterthesis liegt nicht mehr irgendwo am Horizont, sondern sitzt mit am Tisch, schaut mich streng an und fragt, ob wir heute vielleicht auch einmal produktiv sein könnten.
Die Arbeit will mich.
Meine Eltern brauchen mich.
Die Hunde brauchen mich sowieso, wobei Enjah inzwischen immerhin manchmal so tut, als sei sie ein zivilisiertes Familienmitglied und nicht mehr die Pressesprecherin des inneren Tornados.
Und irgendwo dazwischen bin noch ich.
Mit einem Kopf voller Gedanken.
Einem Herzen voller Hundehaare.
Und einer To-do-Liste, die vermutlich inzwischen eigene Pläne für mein Leben hat.
Die Tageszählung war ein Anker
Ich habe in den letzten Tagen gemerkt:
Die Tageszählung war schön.
Sie war ein Anker.
Tag für Tag konnte ich festhalten, was hier geschieht.
Das Chaos.
Die kleinen Wunder.
Die Rückschritte.
Die Fortschritte.
Die Momente, in denen ich dachte: Wir schaffen das.
Und die anderen, in denen ich eher dachte: Hat jemand die Bedienungsanleitung für dieses Rudel gesehen?
Aber jetzt verändert sich etwas
Aber jetzt verändert sich etwas.
Nicht nur bei Enjah.
Auch bei mir.
Das Leben lässt sich gerade nicht mehr täglich in kleine Kapitel sortieren.
Manchmal passieren an einem Tag zwei Dinge, über die ich schreiben möchte.
Manchmal passiert tagelang nichts, außer dass ich funktioniere, denke, programmiere, arbeite, organisiere, versorge, atme und zwischendurch versuche, nicht versehentlich den Hundekeks in meinen Kaffee zu tunken.
Nicht mehr schreiben, weil eine Zahl dran ist
Deshalb werde ich die Tageszählung vermutlich langsam loslassen.
Nicht ganz vielleicht.
Oder doch.
Ich weiß es noch nicht.
Das klingt passend für mich, denn klare Entscheidungen treffe ich gern erst, nachdem ich sie innerlich 47 Mal in beide Richtungen getragen habe.
Aber ich spüre:
Ich möchte nicht mehr schreiben, weil eine Zahl dran ist.
Ich möchte schreiben, wenn etwas da ist.
Wenn etwas da ist
Ein Moment.
Eine Frage.
Eine kleine Szene.
Ein Gedanke, der nicht mehr still sein möchte.
Ein Enjah Blick.
Ein Flusen Kommentar ohne Worte.
Ein Gespräch mit meinen Eltern, das nachhallt.
Ein Satz aus meiner Masterthesis, der plötzlich mehr mit dem Leben zu tun hat als mit Code.
Mehr Fenster als Tagesberichte
Vielleicht werden es also weniger Tagesberichte.
Und mehr Fenster.
Kleine Fenster in dieses Leben hier.
Mit Hunden.
Mit Müdigkeit.
Mit Lernen.
Mit Eltern.
Mit Arbeit.
Mit Scheitern in Zeile 247.
Mit Kaffee.
Mit Liebe.
Mit diesem ganzen unordentlichen Versuch, ein echtes Leben nicht nur zu bewältigen, sondern auch zu bemerken.
Ich gehe nicht weg
Und falls du hier mitliest und dich fragst, ob du jetzt weniger mitgenommen wirst:
Nein.
Nur anders.
Ich gehe nicht weg.
Ich schreibe nicht weniger, weil mir das hier weniger bedeutet.
Ich schreibe anders, weil mir das Leben gerade viel bedeutet.
Und weil ich nicht anfangen möchte, Texte zu produzieren, nur damit eine Lücke gefüllt ist.
Das wäre nicht ehrlich.
Und ehrlich möchte ich bleiben.
Ein kleines Zeichen aus dem Rudel
Auch wenn ehrlich manchmal bedeutet:
Heute gibt es keinen großen Text.
Nur ein kleines Zeichen aus dem Rudel.
Ein Pfotenabdruck.
Ein Satz.
Ein Bild.
Ein „Wir sind noch da.“
Vielleicht ist das sogar schöner.
Nicht jeden Tag ein Bericht.
Sondern dann, wenn das Leben kurz die Hand hebt und sagt:
„Darüber könntest du schreiben.“