Tag 169 und 170: Die Decke, der Code und die sokratische Frage

Tag 169 und 170.

Ich schreibe das so hin, als hätte ich einen Überblick.

Habe ich nicht.

Ich habe nur eine Zahl, zwei Hunde und das leise Erstaunen darüber, dass aus manchen Dingen tatsächlich Alltag wird, obwohl sie am Anfang eher nach betreutem Ausnahmezustand aussahen.

Enjah muss nicht mehr in die Box, wenn wir da sind.

Dieser Satz sieht harmlos aus.

Fast langweilig.

Dabei hätte ich ihn vor ein paar Monaten vermutlich eingerahmt, mit Goldrand versehen und meiner gesamten Kontaktliste geschickt.

Sie liegt auf ihrer Decke.

Nicht immer wie ein buddhistisches Rehkitz.

Aber sie liegt.

Sie steht manchmal auf, trägt etwas durch die Gegend, prüft kurz, ob irgendwo eine Welt gerettet werden muss, und legt sich wieder hin.

Flusen bleibt ruhig.

Enjah lässt Flusen in Ruhe.

Flusen lässt Enjah sowieso in Ruhe.

Und ich stehe innerlich daneben wie eine Frau, die nicht ganz sicher ist, ob sie gerade einen Entwicklungsschritt beobachtet oder ob die Hunde heimlich etwas planen.

Wer hätte das gedacht?

Am Anfang sicher nicht ich.

Am Anfang dachte ich eher, unser zukünftiges Familienmodell bestünde aus Schleusen, Raumtrennung und einem sehr ausgeklügelten Ampelsystem.

Rot: Enjah sehr wach.

Gelb: Enjah wach.

Grün: Enjah schläft. Nicht atmen.

Jetzt ist da diese neue Normalität.

Leise.

Unaufgeregt.

Fast frech in ihrer Schlichtheit.

Und natürlich hat Enjah gerade kugelrunde Augen.

Diese Augen, die aussehen, als hätte jemand innen das Hormonlicht angeschaltet.

Sie schaut manchmal, als würde sie gleichzeitig alles fühlen, nichts verstehen und trotzdem kooperieren wollen.

Das Erstaunliche ist:

Sie hört unfassbar gut.

Ausgerechnet jetzt.

Während ihr Körper offenbar ein kleines internes Symposium veranstaltet, ist ihr Kopf erstaunlich klar.

Oder vielleicht ist das gar kein Widerspruch.

Vielleicht ist Entwicklung genau das.

Nicht: Alles ist ruhig.

Sondern: Es ist viel los, und trotzdem entsteht ein kleiner Raum, in dem eine Antwort möglich wird.

Ich denke darüber nach, während ich wieder einmal in meiner Masterthesis verschwinde.

Verschwinden ist hier kein poetisches Bild.

Es ist ein Zustand.

Ich sitze vor Code, Daten, Konzepten und diesem seltsamen Gemisch aus Faszination und geistigem Muskelkater.

Und irgendwann merke ich:

Ich mag das.

Ich mag Programmieren wieder.

Nicht nur, weil es funktioniert.

Gerade nicht.

Oft funktioniert es ja erst einmal nicht.

Code ist in dieser Hinsicht sehr ehrlich. Er sagt nicht: „Interessanter Gedanke.“

Er sagt: Fehler.

Manchmal sagt er auch Fehler in Zeile 247, obwohl die eigentliche Kränkung in Zeile 13 begonnen hat.

Ein bisschen wie Familienaufstellungen, nur mit Semikolons.

Aber genau darin liegt etwas, das mich gerade wach macht.

Ich baue nicht nur etwas für die Thesis.

Ich baue im Prinzip etwas, das ich selbst gern hätte.

Ein Produkt, das beim Lernen begleitet.

Nicht noch ein Kurs.

Nicht noch ein Abo.

Nicht noch ein „In 30 Tagen zur neuen Version deiner selbst“, bei dem ich spätestens an Tag 4 meine alte Version vermisse, weil sie wenigstens wusste, wo der Kaffee steht.

Da draußen gibt es genug Wissen.

Zu viel sogar.

Wissen liegt überall herum wie Hundespielzeug in unserem Wohnzimmer.

Man stolpert darüber, hebt es auf, denkt kurz: Das könnte wichtig sein, und legt es dann auf einen Stapel namens später.

Ich bin nicht mehr bereit, Geld dafür auszugeben, dass mir jemand noch mehr Wissen vor die Füße kippt.

Ich brauche keinen weiteren Berg.

Ich brauche einen Weg.

Oder vielleicht noch genauer:

Ich brauche eine gute Frage.

Was willst du wirklich lernen?

Woran würdest du merken, dass du es verstanden hast?

Was ist der kleinste nächste Schritt?

Was hält dich davon ab, ihn zu gehen?

Und stimmt das wirklich?

Da beginnt für mich das Sokratische.

Nicht als kluger Begriff.

Nicht als antikes Deko Element für eine moderne App.

Sondern als Haltung.

Nicht sofort antworten.

Nicht sofort optimieren.

Nicht sofort retten.

Erst fragen.

Dann aushalten, dass die Antwort nicht sofort hübsch ist.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich Enjahs Decke und mein Code heimlich die Pfote reichen.

Denn auch Enjah lernt nicht, weil ich ihr erkläre, warum Ruhe langfristig sinnvoll für ihre Persönlichkeitsentwicklung ist.

Schade eigentlich.