Tag 167 Flusens Vorstellungsgespräch im Altenheim
Heute war Flusens Vorstellungsgespräch.
Allein dieses Wort.
Vorstellungsgespräch.
Als hätte er vorher seinen Lebenslauf ausgedruckt, die Pfoten poliert und innerlich drei Stärken und eine charmante Schwäche vorbereitet.
Seine Schwäche wäre vermutlich:
„Ich neige dazu, Herzen ungefragt zu öffnen.“
Ich war aufgeregt.
Natürlich war ich aufgeregt.
Flusen auch, spätestens als wir das Altenheim betraten und die Welt plötzlich anders roch.
Nach fremden Händen.
Nach langen Leben.
Nach Fluren, in denen Geschichten wohnen.
Nach Türen, hinter denen Menschen warten, manchmal auf Besuch, manchmal auf ein Geräusch, manchmal vielleicht nur darauf, dass jemand kurz bleibt.
Flusen kannte so etwas bisher nur aus dem Eingangsbereich vom Klinikum.
Aber das hier war dichter.
Weicher.
Menschlicher.
Und gleichzeitig voll von allem.
Geräusche, Schritte, Stimmen, Blicke.
Er wollte am Anfang springen, aus reiner Höflichkeitsüberforderung vermutlich.
So ein kleines:
„Guten Tag, ich bin Flusen, ich bringe Fell und Gefühl mit.“
Ich konnte ihn bremsen.
Er sammelte sich.
Wir gingen in einen Raum.
Und dort passierte etwas, das mich sehr berührt hat.
Er wurde langsam still.
Nicht sofort.
Nicht perfekt.
Aber ehrlich.
Er schaute aus dem Fenster, als müsste er erst einmal mit der Welt da draußen verhandeln.
Dann legte er sich hin.
Schlief ein bisschen.
Ließ sich streicheln.
Nahm die Hände an, die ihn fanden.
Und ich saß daneben und dachte:
Vielleicht ist genau das sein Talent.
Nicht spektakulär zu sein.
Sondern da.
Ein kleiner weicher Anker mit Ohren.
Ein Fellkomma in einem Satz, der für manche Menschen vielleicht schon sehr lange geworden ist.
Danach liefen wir noch durch das Heim.
Ein schönes Haus.
Offen.
Warm.
Sogar Besucherhunde dürfen kommen, nur nicht in die Essbereiche.
Ich mochte das sofort.
Ein Ort, der Hunde nicht als Störung sieht, sondern als Erinnerung daran, dass Leben manchmal vier Pfoten hat und ungefragt neben einem stehen bleibt.
Ab Anfang Juni gehen wir nun zweimal im Monat hin.
Erst kleine Gruppen.
Bis zu acht Personen.
Drei Gruppen im Wechsel.
Und später vielleicht auch Zimmerbesuche bei denen, die nicht mehr selbst herauskommen können.
Ich habe gesagt, wir müssen schauen.
Ob Flusen das mag.
Ob es ihm gut tut.
Ob er diesen Dienst nicht nur leistet, sondern auch leben kann.
Denn so sehr ich daran glaube, dass er Herzen berührt, so sehr weiß ich auch:
Sein Herz zählt mit.
Nach gut einer Dreiviertelstunde war er müde.
Nicht kaputt.
Aber voll.
Voll mit Gerüchen, Stimmen, Erwartungen, Händen, Höflichkeit.
Am Eingang, beim Verabschieden, merkte ich es deutlich.
Er wollte raus.
Und ich war stolz auf ihn.
Nicht, weil er funktioniert hat.
Sondern weil er mir gezeigt hat, wo seine Grenze liegt.
Weil er lieb war, ohne sich zu verlieren.
Weil er gegeben hat und trotzdem bei sich blieb.
Vielleicht wird das viel mit uns machen.
Mit ihm.
Mit mir.
Vielleicht lerne ich dort wieder mehr Vertrauen.
In ihn.
In mich.
In dieses leise Wunder, dass Sinn manchmal nicht laut auftritt, sondern mit wedelndem Schwanz durch einen Flur läuft.
Flusen, mein kleiner Streichelwunderbeauftragter.
Mein Herzenspraktikant im Seniorenwesen.
Mein flauschiger Türöffner für Momente, in denen Worte vielleicht längst zu schwer geworden sind.
Anfang Juni geht es los.
Ich bin gespannt.
Ein bisschen ehrfürchtig.
Ein bisschen weich.
Und sehr dankbar.
Denn heute habe ich gesehen:
Manche Vorstellungsgespräche brauchen keine perfekten Antworten.
Manche bestehen einfach darin, dass ein Hund sich ans Fenster legt, atmet, bleibt
und ein Raum dadurch ein kleines bisschen heller wird.