Tag 165 Abendroutine, Königin der Schlafbox und Leiterin des Personals

Abends beginnt hier immer dasselbe Theater.

Erst werde ich noch einmal nach draußen geführt, damit ich mich lösen kann.

Natürlich mit Flusen.

Allein wäre ja möglich, aber warum sollte eine junge Dame von Welt bei Dunkelheit ohne Sicherheitsdienst rausgehen? Flusen ist mein persönlicher Nachtwächter. Ein bisschen langsam manchmal, aber zuverlässig. Außerdem sieht er aus, als hätte er schon viele Dinge gesehen. Vermutlich auch Dinge, die gar nicht da waren.

Dann geht es nach oben.

Und dort beginnt das große Pflegeprogramm.

Das Personal kontrolliert wieder alles

Erst Augen sauber machen.

Dann Ohren gucken.

Dann einmal komplett abfühlen.

Als wäre ich ein Gebrauchtwagen vor der Hauptuntersuchung.

„Ist da was? Ist dort was? Alles okay?“

Ja, alles okay.

Ich bin perfekt.

Danke der Nachfrage.

Dann bürsten.

Kann man machen.

Muss man nicht.

Aber wenn es dem Personal innere Stabilität gibt, lasse ich es zu. Ich bin ja großzügig.

Und dann kommt die Krönung:

Zähneputzen.

Ich weiß, das klingt nach Zumutung. Ist es aber nicht. Die Zahnpasta schmeckt nach Pute.

Pute!

Da komme ich selbstverständlich freiwillig.

Ich bin jung, nicht dumm.

Flusen kommt auch.

Er tut dabei immer so, als wäre das eine vernünftige Gesundheitsmaßnahme. In Wahrheit ist er genauso putenabhängig wie ich. Er tarnt es nur besser, weil er schon länger in diesem Haushalt arbeitet.

Mein Deckenkunstwerk und die Barbaren

Danach geht es in meine Schlafbox.

Dort liegt meine Decke.

Oder sagen wir: Dort sollte meine Decke liegen.

Denn zwei Mal pro Woche passiert hier ein Verbrechen gegen die Inneneinrichtung.

Die Putzkolonne kommt.

Und sie zerstört mein Werk.

Ich arrangiere diese Decke jeden Abend mit höchster Präzision. Ich nehme die Ecken, ziehe, schiebe, knautschen, falte, knautschfalte, eckveredele. Es ist keine Decke. Es ist ein Kopfkissenkonzept mit emotionaler Tiefenstruktur.

Und dann kommen diese Menschen.

Fassen alles an.

Legen es anders hin.

Einfach so.

Ohne Antrag.

Ohne Genehmigung.

Ohne Rücksprache mit der leitenden Boxarchitektin.

Unfassbar.

Ich muss dann natürlich alles neu machen.

Wieder Ecke nehmen.

Ziehen.

Umschichten.

Nachbessern.

Kopfprobe.

Nicht gut.

Noch mal.

So lange, bis es stimmt.

Ich möchte hier schlafen, nicht in einem textilen Verkehrsunfall liegen.

Die Nachtruhe wird konsequent missverstanden

Während ich also meine Deckenlandschaft wiederherstelle, benimmt sich das Personal oft völlig unangemessen.

Sie reden.

Abends.

Nach meinem offiziellen Schlafbeginn.

Hallo?

Geht es noch?

Ich muss dann stöhnen.

Einmal.

Zweimal.

Manchmal dreimal.

Nicht aus Müdigkeit.

Aus Führungsverantwortung.

Irgendjemand muss diesem Haushalt ja erklären, dass Nachtruhe kein unverbindlicher Vorschlag ist.

Und dann das Licht.

Das Licht ist auch oft noch an.

Warum?

Wer braucht Licht?

Ich sehe doch, dass alle da sind.

Flusen liegt irgendwo.

Dagmar atmet.

Annette existiert.

Alles erledigt.

Licht aus.

Personal schlafen.

Königin ruht.

So kompliziert ist das nicht.

Flusen, mein Bruder und gelegentlicher Platzbesetzer

Manchmal höre ich noch Dinge.

Verdächtige Dinge.

Wenn sie Flusen vertreiben, weil er irgendwo liegen möchte, wo er offenbar nicht liegen soll, nehme ich das mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis.

Nicht falsch verstehen.

Ich mag Flusen.

Sehr sogar.

Aber Ordnung muss sein.

Wenn er Grenzen bekommt, denke ich:

Aha.

Endlich wird hier einmal durchgegriffen.

Gut fürs Rudel.

Gut für seine Charakterbildung.

Aber wenn ich höre, dass sie mit ihm kuscheln?

Dann werde ich schon ein bisschen grummelig.

Nicht eifersüchtig.

Natürlich nicht.

Ich bin eine souveräne Persönlichkeit.

Ich registriere nur Ungleichgewichte in der Zuwendungsverteilung.

Sehr sachlich.

Sehr professionell.

Mit leichtem Knurranteil.

Morgens ist das Personal teilweise brauchbar

Zum Glück gibt es am Morgen Wiedergutmachung.

Massage.

Das ist schön.

Vor allem am Wochenende.

Annette kann das richtig gut.

Sie hat offenbar eine natürliche Begabung für die hohe Kunst der Junghundenentspannung. Druck, Tempo, Winkel, alles sehr solide. Ich würde ihr vier von fünf Pfoten geben. Vielleicht viereinhalb, wenn sie vorher nicht redet.

Dagmar ist auch okay.

Bemüht.

Herzlich.

Etwas improvisiert.

Sie streichelt so, als hätte sie das Konzept verstanden, aber das Handbuch nur überflogen.

Da wäre eine Einweisung durch Annette sicher sinnvoll.

Vielleicht ein Wochenendseminar.

„Massage am Mini Aussie, Grundlagen und Fortgeschrittene Techniken für überfordertes Personal.“

Ich würde mich als Übungsobjekt zur Verfügung stellen.

Großzügig, wie ich bin.

Fazit einer sehr geduldigen Chefin

Alles in allem läuft es hier akzeptabel.

Das Personal ist liebevoll, aber unfolgsam.

Die Putzkolonne ist kreativ zerstörerisch.

Flusen ist brauchbar als Nachtwächter und gelegentlich als großer Bruder.

Die Zahnpasta schmeckt nach Pute.

Und meine Decke bleibt ein tägliches Kunstprojekt unter erschwerten Bedingungen.

Ich werde weiter führen.

Mit Blicken.

Mit Stöhnen.

Mit gelegentlichem Grummeln.

Und natürlich mit sehr präziser Deckentechnik.

Denn irgendjemand muss hier ja professionell bleiben.