Tag 164 Enjah, die Musterschülerin mit Gefahrenradar
Heute war unser erstes Training in Richtung Therapiehundeausbildung.
Und ich sage es gleich:
Ich war bereit für alles.
Für Chaos.
Für Bellen.
Für „Entschuldigung, mein Hund wollte nur kurz den Dackel neu sortieren“.
Für einen Moment, in dem ich innerlich meinen Namen ändere und so tue, als gehöre ich gar nicht zu diesem kleinen Fellereignis.
Aber nein.
Enjah hatte offenbar beschlossen, heute ihre Bewerbungsmappe abzugeben.
Mit Foto.
In Farbe.
Und sehr viel Augenkontakt.
Die Übungsgruppe der Möglichkeiten
Neun andere Hunde waren da.
Pudel, Dackel, Labrador, Aussies, Mischlinge.
Also quasi ein kleines demokratisches Parlament auf Pfoten.
Jeder brachte sein eigenes Temperament mit.
Der Dackel vermutlich Meinung.
Der Labrador Stimme.
Sehr viel Stimme.
Er bellte in einer Tour und hatte Enjah auffällig im Blick. Irgendwas an ihr schien ihn zu beschäftigen. Vielleicht ihre Ausstrahlung. Vielleicht ihre Jugend. Vielleicht hatte sie ihm gedanklich sein Pausenbrot geklaut.
Ich hielt jedenfalls Abstand.
Nicht aus Angst.
Aus pädagogischer Eleganz.
Also gut, auch aus Angst.
Aber sehr elegant.
Die Königin der Komplimente
Direkt am Anfang kamen die ersten Stimmen:
„Boah, ist die hübsch.“
„Die würde ich klauen.“
„Die ist ja unfassbar süß.“
Und Enjah stand da wie eine kleine Miss Universum mit Fellkragen.
Ich daneben natürlich hochprofessionell.
Also innerlich eher:
„Ja, sehen Sie? Ich habe dieses Kunstwerk nicht gemacht, aber ich fühle mich trotzdem kurz verantwortlich für ihre Symmetrie.“
Sie war wirklich süß.
Leider wusste sie das auch ein bisschen.
Was gefährlich ist.
Ein Hund mit Schönheit, Intelligenz und Junghundeblick ist im Grunde ein vierbeiniger Steuerbetrug.
Man merkt erst später, was man alles unterschrieben hat.
Sitz, Platz, Fuß und mein pädagogisches Überraschungsei
Das eigentlich Absurde ist:
Ich übe diese klassischen Befehle mit ihr kaum.
Sitz, Platz, Fuß.
Das läuft bei uns eher unter:
„Wäre schön, wenn du es gelegentlich aus kulturellen Gründen anbietest.“
Und trotzdem konnte sie alles.
Sie führte es aus, wenn ich es wollte.
Schaute mir dabei die ganze Zeit in die Augen.
Als wollte sie sagen:
„Natürlich kann ich das. Ich wollte nur sehen, ob du bereit bist.“
Ich liebe ja dieses Wirksamkeitserleben.
Dieses Gefühl:
Oh, ich sage etwas, und ein anderes Lebewesen tut es.
Ein gefährlicher Stoff.
Macht süchtig.
Vor allem, wenn man sonst mit Hunden lebt, die auch gern mal fragen:
„Hast du das schriftlich?“
Das Ungetüm mit Verkleidung
Dann kam der große Moment.
Die Trainerin verkleidete sich.
Bedrohlich.
Unheimlich.
So eine Erscheinung, bei der selbst ich kurz dachte:
„Sehr schön, genau so stelle ich mir meine ungelesenen E Mails vor.“
Enjah fand das doof.
Richtig doof.
Sie bellte.
Wollte nicht hin.
Und ganz ehrlich:
Ich verstand sie.
Wenn plötzlich ein Mensch aussieht wie ein wandelnder Albtraum im Secondhand Mantel, darf ein junger Hund kurz Rücksprache mit dem Universum halten.
Ich ging also hin.
Mutig.
Oder zumindest äußerlich mutig.
Ich fasste dieses Ungetüm an.
Und dann kam Enjahs Blick.
Unbezahlbar.
Sie sah mich an, als hätte ich gerade freiwillig einen Drachen gestreichelt.
„Bist du wahnsinnig?“
„Das lebt.“
„Das beißt.“
„Warum berührst du das?“
„Wir hatten doch einen Fluchtplan.“
Die Trainerin musste lachen.
Ich auch.
Enjah weniger.
Aber sie ließ sich beruhigen.
Und genau das war schön.
Nicht, dass sie nichts unheimlich fand.
Sondern dass sie merkte:
Es ist unheimlich.
Und trotzdem geht es.
Mit mir.
Mit Zeit.
Mit ein bisschen Mut.
Und vermutlich ohne Drachenbiss.
Mein Ego macht kurz La Ola
Ich gebe es zu:
Der Termin hat mir unfassbar gut getan.
Wirksamkeitserleben pur.
Enjah, die in der Hundeschule plötzlich zur Musterschülerin wird.
Nicht Crazy Enjah.
Nicht Zahnfee mit Managementauftrag.
Sondern:
„Ich kenne die Aufgabe, ich halte Blickkontakt, ich lasse mich nicht ablenken, ich bin bereit für höhere Aufgaben.“
Und ich stehe daneben, versuche bescheiden zu wirken und strahle wahrscheinlich wie eine sehr müde Weihnachtskugel.
Innen natürlich sofort:
„Therapiehund. Mantrailing. Dogdance. Vielleicht promoviert sie nebenbei.“
Stopp.
Dagmar.
Atmen.
Sie ist acht Monate alt.
Und frisst vermutlich noch Erde, wenn niemand hinschaut.
Leckerlihaus und Wochenendpläne
Nächste Woche geht es weiter.
Wieder Training.
Und einmal Mantrailing.
Darauf freue ich mich sehr.
Dieses Wochenende machen wir es ruhiger.
Lange Spaziergänge.
Ein bisschen Leben.
Und natürlich der Besuch bei meinen Eltern.
Bei Enjah und Flusen heißt dieses Haus inzwischen vermutlich nicht „Oma und Opa“.
Es heißt:
Das Leckerlihaus.
Ein magischer Ort, an dem aus unerklärlichen Gründen überall Futter existiert.
In Taschen.
Auf Tischen.
In Händen.
In geheimnisvollen Seniorenritualen, die angeblich niemand kontrollieren kann.
Plötzlich landet etwas im Hundemaul.
Keiner war es.
Alle gucken unschuldig.
Flusen kennt das System längst.
Enjah analysiert es noch, aber ich sehe in ihren Augen bereits die ersten Businesspläne.
Und am Ende
Heute war schön.
Leicht.
Lustig.
Ein bisschen aufregend.
Ein bisschen rührend.
Enjah durfte zeigen, wie viel in ihr steckt.
Nicht nur Energie.
Nicht nur Tempo.
Nicht nur kleine Rakete mit eingebautem Gefahrenmelder.
Sondern auch Konzentration.
Vertrauen.
Feinheit.
Und dieser Blick zu mir, immer wieder.
Als würde sie fragen:
„Machen wir das zusammen?“
Ja, kleine Enjah.
Machen wir.
Aber Drachen fasse ich trotzdem nur nach vorheriger Risikoanalyse an.