Tag 163 Mantrailing, Meisterleistung und Menschen mit eingebautem Hochsitz

Heute war ein guter Tag.

Erst programmiert.

Dann eine Retrospektive moderiert.

Und abends noch Mantrailing mit Enjah und Flusen.

Also im Grunde ein Tag, an dem mein Gehirn erst Code sortieren, dann Menschen sortieren und anschließend Hundespuren interpretieren durfte.

Ein ganz normales Wellnessprogramm für Menschen, die offenbar Erholung hassen.

Enjah, die kleine Spurenrakete

Mantrailing war faszinierend.

Flusen war gut, aber in der dritten Runde war sein innerer Akku leer. Komplett. Da stand nicht mehr „Therapiehund mit Suchauftrag“, da stand nur noch:

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin heute nicht mehr zuständig.“

Und ehrlich gesagt konnte ich ihn verstehen.

Ich wäre nach der zweiten Runde vermutlich auch nur noch einer Wurstspur gefolgt. Richtung Sofa.

Enjah dagegen.

Enjah!

Dieses acht Monate alte kleine Fellwunder ist beim Trailen offenbar nicht einfach motiviert. Sie ist eine Mischung aus Sherlock Holmes, Satellitenschüssel und sehr ehrgeiziger Praktikantin im Geruchslabor.

Neue Spuren von alten Spuren unterscheiden?

Kein Problem.

Straße mit Ampel, warten, anhalten, wieder aufnehmen?

Bitte, nächstes Level.

Extreme Verwirbelungen?

Enjah so:

„Interessant. Kurz die Nase neu kalibrieren. Weiter geht’s.“

Ich stand daneben und war wieder einmal völlig gerührt. Und auch ein bisschen beleidigt, weil sie offensichtlich in acht Monaten mehr natürliche Begabung aufgebaut hat als ich in meinem gesamten Erwachsenenleben im Bereich Orientierung.

Ich verlaufe mich ja schon in Parkhäusern.

Enjah dagegen liest Gerüche wie andere Menschen WhatsApp Nachrichten.

Und dann war da wieder dieser Mensch

Es gibt Menschen, die betreten keinen Raum.

Sie betreten eine Rangordnung.

Man merkt es sofort.

Der Blick.

Die Haltung.

Dieses feine, kaum sichtbare „Ich bin hier oben und ihr seid dort unten“.

So eine Ausstrahlung wie ein sehr kleiner Thron auf Wanderschaft.

Beim letzten Mal hatte sie schon gesagt, ihr Hund habe Probleme mit Aussies.

Ich hatte ehrlich gesagt weniger das Gefühl, der Hund habe ein Problem mit Aussies.

Ich hatte eher das Gefühl, sie hat ein Problem mit Aussies.

Oder mit Enjah.

Oder mit mir.

Oder mit der Tatsache, dass wir atmen.

Schwer zu sagen.

Wenn Enjah beim Warten kurz quengelig war, weil sie acht Monate alt ist und ihr Geduldsfaden ungefähr die Länge eines sehr beleidigten Spaghettis hat, kam dieses Augenverdrehen.

Dieses „Puh“.

Dieses stille Urteil aus der oberen Etage.

Und ich merke sofort:

Ich mag das nicht.

Ich mag es wirklich nicht.

Mein Nervensystem klappt dann innerlich die Serviette zusammen und sagt:

„Hier esse ich nicht.“

Der psychologische Hochsitz

Psychologisch betrachtet ist dieses Sich über andere Stellen ziemlich spannend.

Und ziemlich durchsichtig.

Wenn ein Mensch andere abwertet, stellt er sich innerlich auf einen kleinen Stuhl. Nicht unbedingt, weil er wirklich größer ist. Sondern weil er sich sonst zu klein fühlt.

Abwertung ist oft ein Aufwertungsversuch mit schlechten Schuhen.

Man hebt sich selbst, indem man jemanden anders kleiner macht.

Das ist ein bisschen wie emotionales Plateauschuhwerk.

Von außen wirkt es souverän.

Innen ist es meistens wackelig.

Ein wirklich sicherer Mensch muss niemanden klein gucken, um sich groß zu fühlen. Der steht einfach. Ohne inneren Hochsitz. Ohne Augenrollkrone. Ohne dieses Bedürfnis, die Welt in „ich richtig“ und „du peinlich“ zu sortieren.

Souveränität ist leise.

Sie muss nicht pusten, damit andere umfallen.

Wer wirklich bei sich ist, kann sehen:

Ein junger Hund quengelt.

Eine Halterin lernt.

Ein Moment ist ein Moment.

Mehr nicht.

Aber wer innerlich unsicher ist, braucht manchmal aus jedem kleinen Welpenfiepen ein Beweisstück für die eigene Überlegenheit.

„Seht ihr? Ich hätte das besser im Griff.“

Ja, Karin. „Keine Ahnung, wie sie wirklich heißt“

Ganz sicher.

Dein innerer Gerichtssaal ist beeindruckend möbliert.

Und warum trifft mich das überhaupt?

Das wirklich Ärgerliche ist ja:

Ich kenne diesen Mechanismus.

Ich kann ihn psychologisch einordnen.

Ich könnte mit kluger Stimme sagen:

„Ach, da reguliert sich jemand über Abwertung.“

Und dann innerlich weitergehen wie eine sehr reife Frau mit stabiler Mitte.

Könnte ich.

Theoretisch.

Praktisch steht in mir sofort ein kleines Empfangskomitee auf und ruft:

„Oh nein! Jemand mag uns nicht! Sofort alle Systeme prüfen! Haltung korrigieren! Enjah höflicher machen! Flusen dekorativ platzieren! Bitte lächeln!“

Da ist es wieder.

Dieses alte Bedürfnis, gemocht zu werden.

Von allen.

Auch von Menschen, die ich selbst gar nicht mag.

Was für ein grandioses Konzept.

Ich möchte also bitte Anerkennung von jemandem, dessen Ausstrahlung mich nervt, dessen Verhalten mich verletzt und dessen Augenrollen ich am liebsten in einen kleinen Karton packen und unfrei zurücksenden würde.

Sehr logisch.

Applaus für mein Bindungssystem.

Es macht wieder Makramee aus Widersprüchen.

Psychologisch ist das natürlich ein Zugehörigkeitsthema. Der Wunsch, nicht ausgeschlossen, nicht beschämt, nicht falsch zu sein. Eine alte innere Stelle, die bei Ablehnung sofort denkt:

„Gefahr. Wir werden aus der Gruppe verbannt. Ohne Leckerli. Ohne Decke. Ohne soziale Wärme.“

Und mein erwachsener Teil sagt:

„Dagmar, es ist nur eine Frau beim Mantrailing.“

Mein inneres Steinzeitmeerschweinchen sagt:

„Aber sie hat geguckt.“

Und schon sitze ich da.

Reflektiert wie ein Fachbuch.

Getroffen wie ein Toastbrot im Hagel.

Enjah trailt, ich stolpere

Vielleicht ist das der eigentliche Witz des Tages.

Enjah kann alte von neuen Spuren unterscheiden.

Ich dagegen rieche eine alte Ablehnung aus meiner Biografie und renne sofort hinterher.

Sie bleibt auf der richtigen Spur.

Ich nehme innerlich die von 1998.

Sehr professionell.

Vielleicht sollte Enjah mich mal trailen.

Nicht im Wald.

In mir.

Sie würde vermutlich kurz schnüffeln, sich setzen und sagen:

„Hier riecht es nach Anerkennungshunger, alter Scham und einem Hauch beleidigter Würde.“

Dann würde sie mich zur nächsten Leckerli Tasche führen.

Therapeutisch völlig angemessen.

Am Ende bleibt ein guter Tag

Und trotzdem.

Es war ein guter Tag.

Ein richtig guter.

Flusen hat gearbeitet, bis sein System sagte:

„Danke, Feierabend.“

Enjah hat geglänzt, als hätte jemand in ihrer Nase ein kleines Navigationssystem aus Sternenstaub eingebaut.

Und ich habe wieder einmal gemerkt, wie viel gleichzeitig wahr sein kann.

Ich kann stolz sein.

Ich kann verletzt sein.

Ich kann lachen.

Ich kann mich über andere ärgern und gleichzeitig sehen, was das mit mir macht.

Ich kann psychologisch alles verstehen und trotzdem innerlich kurz aussehen wie ein nasser Pudel im Kritikregen.

Vielleicht ist genau das Entwicklung.

Nicht unantastbar werden.

Sondern schneller merken, wann ich mich selbst verlasse, nur weil jemand anders die Augen verdreht.

Enjah hat heute ihre Spur gehalten.

Vielleicht übe ich das auch.

Meine eigene.

Ohne Hochsitz.

Ohne Klemmbrett.

Mit Würde.

Und vermutlich mit Leckerli in der Jackentasche.