Tag 162 Flusen, der Seniorenflüsterer und meine sehr seriöse Mission

Heute war ein guter Tag.

So ein guter Tag, dass ich ihm erst einmal misstrauisch gegenüberstand.

Ich kenne das Leben ja inzwischen. Kaum läuft es rund, sucht irgendwo im Hintergrund ein kleines Chaoswesen nach einer Steckdose für die nächste Eskalation. Meistens heißt es Enjah. Manchmal bin ich es selbst.

Aber heute war wirklich gut.

Ich hatte mal wieder einen Einsatz mit Flusen.

Und Flusen war nicht einfach gut.

Flusen war Flusen.

Dieser Hund betritt einen Raum nicht. Er sickert hinein wie warme Butter in ein noch warmes Brötchen. Leise. Weich. Unaufhaltsam.

Er muss nichts machen.

Er muss nur da sein.

Und plötzlich verändern sich Gesichter.

Schultern sinken.

Stimmen werden wärmer.

Menschen, die vorher kritisch schauen, als hätten sie innerlich schon drei Einwände laminiert, werden weicher. Gesprächiger. Fast zart.

Flusen kann das.

Er wickelt Menschen um den Finger, ohne Finger zu besitzen.

Mich übrigens auch.

Ich bin da keine Ausnahme. Ich bin eher sein leichtestes Opfer. Einmal Blick von unten, einmal Flausch in strategischer Nähe, und ich unterschreibe vermutlich Dinge, die ich nicht gelesen habe.

„Ja Flusen, natürlich bekommst du ein Leckerli. Und mein Erbe. Und den Vorsitz im Familienrat.“

Und dann kam diese Nachricht

Später erfuhr ich, dass aktuell ein Altenheim ein Therapiehund Team sucht.

Meine damalige Ausbilderin hatte unter anderem auch mich angeschrieben.

Und ich musste lachen.

Nicht so ein kleines höfliches Lachen.

Eher dieses Lachen, bei dem das Leben neben mir sitzt, die Augenbrauen hebt und sagt:

„Na? Merkste selber, oder?“

Denn vor ein paar Tagen hatte ich noch mit Annette darüber gesprochen.

Dass ich genau das so gern mit Flusen machen würde.

Einfach ein paar Stunden im Monat.

Nicht groß.

Nicht als Projekt mit Fähnchen, Flipchart und meiner bekannten Fähigkeit, aus einem kleinen Impuls direkt ein Lebenskonzept mit Unterordnern zu bauen.

Sondern einfach.

Mit Flusen zu alten Menschen gehen.

Weil er so gut mit ihnen ist.

Weil er langsam werden kann.

Weil er nicht drängt.

Weil er dieses stille Talent hat, genau dort weich zu sein, wo Menschen vielleicht lange nicht mehr berührt wurden.

Und weil ich wirklich finde:

Jeder Mensch hat das Recht, mindestens einmal im Leben von Flusen um den Finger gewickelt zu werden.

Das sollte eigentlich im Grundgesetz stehen.

Direkt neben Würde.

Vielleicht als Flausch Ergänzung.

Meine innere Projektmaschine springt natürlich sofort an

Kaum war der Gedanke da, war ich natürlich schon drei Schritte weiter.

Wenn Flusen das macht und Enjah irgendwann auch so weit ist, könnten wir vielleicht mit beiden…

STOPP.

Wirklich.

Stopp.

Dagmar, leg den Zukunftsmarker hin.

Enjah ist aktuell noch in der Ausbildungsphase „Ich entdecke die Welt und manchmal auch Zähne“.

Nächste Woche geht es erst einmal zur Vorstellung.

Wir fahren dafür durch halb Deutschland.

Also gut, objektiv betrachtet nicht halb Deutschland.

Aber emotional schon.

Emotional packe ich Reiseproviant, Ersatznerven und ein kleines Schild mit der Aufschrift:

„Wir sind sehr nett, manchmal nur etwas lebendig.“

Ich bin gespannt.

Sehr gespannt.

Natürlich auch ein bisschen aufgeregt.

Und natürlich hat mein Kopf bereits Plan B, C und D gebastelt, weil er offenbar nie einfach nur eine Tür sehen kann, ohne daneben ein komplettes Fluchtwegkonzept zu zeichnen.

Falls es dort nicht klappt, telefoniere ich eben die Heime hier in der Gegend ab.

Ganz einfach.

Ich sage dann:

„Guten Tag, hätten Sie Interesse an einem sehr charmanten Therapiehund, der ältere Menschen glücklich macht, und einer Frau, die versucht, dabei nicht vor Rührung in ihre Jackentasche zu weinen?“

Klingt doch professionell.

Gute Gefühle auslösen

Vielleicht ist es genau das, was mich daran so berührt.

Nicht die große Mission.

Nicht der perfekte Plan.

Nicht mein inneres Organisationsbüro, das schon wieder mit Headset durch meine Psyche rennt und Termine koordinieren möchte.

Sondern dieser einfache Gedanke:

Flusen bekommt Leckerli.

Menschen bekommen Nähe.

Und ich darf dabei zusehen, wie etwas weich wird.

Vielleicht reicht das manchmal schon.

Ein Hund, ein paar Stunden im Monat, ein bisschen Flausch an den richtigen Stellen.

Und ich, hochprofessionell daneben.

Mit feuchten Augen.

Und natürlich Leckerli in jeder Tasche.