Tag 161 Enjah, Flusen und mein Gehirn auf Betriebsfeier
Manchmal glaube ich ja, ich hätte einen klaren Blick.
Das ist natürlich schon der erste Witz.
Mein Gehirn steht dann mit Klemmbrett im Flur, trägt eine viel zu enge Objektivitätsweste und ruft: „Keine Sorge, ich bewerte das hier völlig neutral.“
Während Enjah gerade versucht, Flusen am Ohr zu entkorken.
Und ich sage:
„Sie ist halt lebendig.“
Wenn Flusen zwei Sekunden später atmet wie ein genervter Finanzbeamter, denke ich:
„Jetzt übertreib mal nicht.“
Willkommen in meinem Kopf.
Ein Ort, an dem Fairness wohnt, aber leider oft gerade beim Bäcker ist.
Die Welpenbrille mit eingebautem Weichzeichner
Der Halo Effekt bedeutet, dass eine schöne Eigenschaft alles andere überstrahlt.
Bei Enjah reicht ein schiefer Kopf, ein einziges Knopfauge, ein winziges „Ich bin doch nur ein Baby“ Gesicht, und schon vergesse ich, dass sie 30 Sekunden vorher meine Hand gelocht hat wie ein Bürohefter auf Espresso.
Ich sehe nicht mehr den kleinen Beißautomaten.
Ich sehe ein hochsensibles Wesen.
Mit Zähnen.
Sehr vielen Zähnen.
Flusen und die Akte Dorfpolizei
Der Horn Effekt ist das Gegenteil.
Ein negativer Eindruck färbt alles ein.
Wenn Flusen im Dorf bellt, ist er in meinem Kopf sofort „schwierig“.
Nicht müde.
Nicht gestresst.
Nicht überfordert.
Schwierig.
Während Enjah denselben Geräuschpegel produziert und ich innerlich ein TED Talk halte über Welpenentwicklung, Nervensysteme und die zarte Poesie des Zahnwechsels.
Flusen müsste sich vermutlich erst eine Brille aufsetzen, leise Jazz hören und Steuererklärungen ausfüllen, damit ich ihn wieder als „reguliert“ einstufe.
Mein Gedächtnis, dieses beleidigte Goldfischglas
Der Rezenz Effekt sorgt dafür, dass ich vor allem das erinnere, was zuletzt passiert ist.
Hat Enjah gerade fünf Minuten ruhig gelegen, denke ich:
„Wir haben es geschafft. Sie ist angekommen. Sie ist Zen. Sie ist quasi ein kleiner Dalai Lama mit Fell.“
Zehn Minuten später hängt sie im Teppich und versucht, das Wohnzimmer archäologisch zu öffnen.
Dann denke ich:
„Alles verloren.“
Mein Gedächtnis hat ungefähr die Stabilität eines nassen Post its.
Der erste Eindruck klebt wie Leberwurst
Der Primacy Effekt bedeutet, dass der erste Eindruck lange haften bleibt.
Enjah kam mit dem Etikett „zu wild, zu viel, zurückgegeben“.
Natürlich wollte ich sie nicht durch diese Geschichte sehen.
Natürlich tat ich es trotzdem.
Denn mein Gehirn ist nicht nur voreingenommen, es ist auch noch schlecht darin, sich dabei erwischen zu lassen.
Bei Flusen hängt dagegen der alte erste Eindruck an der Wand:
mein Seelenhund, mein Therapiehund, mein Flauschprofessor.
Und dann bin ich irritiert, wenn Professor Flausch plötzlich keine Lust hat, von einem roten Welpenkorken angesprungen zu werden.
Ich erkenne mich in Enjah und nenne es Bindung
Der Similar to me Effekt heißt, dass wir mögen, was uns ähnlich ist.
Enjah ist reizoffen, schnell, sensibel, drüber und gleichzeitig überzeugt, dass sie das Universum retten muss.
Kurz gesagt:
Sie ist mein Nervensystem auf vier Beinen.
Natürlich bin ich milde mit ihr.
Ich schaue sie an und denke:
„Ach, du kleine Überforderungspraline.“
Bei mir selbst nenne ich das Entwicklung.
Bei ihr nenne ich es Temperament.
Bei Flusen nenne ich es manchmal leider Verhalten.
Sehr professionell von mir.
Ein innerer Fachkongress der Doppelmoral.
Ich bin die Königin der Umstände
Der fundamentale Attributionsfehler ist besonders charmant.
Wenn ich genervt bin, liegt es an Müdigkeit, Stress, Schlafmangel, Welpenmanagement, Mondphase und vermutlich an der globalen Lage.
Wenn Enjah genervt ist, denke ich:
„Warum ist sie heute so anstrengend?“
Wenn Flusen ausrastet:
„Warum macht er das schon wieder?“
Bei mir sind es Umstände.
Bei den Hunden ist es Charakter.
Ich bin also nicht müde.
Ich bin komplex.
Die Hunde sind nicht komplex.
Die stören gerade mein Konzept von mir als ruhige, klare, souveräne Rudelführerin.
Dieses Konzept ist übrigens seit Wochen verschollen.
Vielleicht wurde es gefressen.
Der Bestätigungsdetektiv wohnt mietfrei in meinem Kopf
Der Bestätigungsfehler sucht nur nach Beweisen für das, was ich sowieso schon glaube.
Denke ich, Enjah sei genial, sehe ich jedes Sitz als Harvard Bewerbung.
Denke ich, Flusen sei im Dorf schwierig, sehe ich schon sein Ohrzucken als Vorstufe zum akustischen Weltuntergang.
Mein Kopf ist dann kein Beobachter.
Er ist ein schlecht bezahlter Privatdetektiv mit Taschenlampe und Vorurteilen.
Und leider sehr motiviert.
Erwartung macht aus mir eine schlechte Wetter-App
Der Pygmalion Effekt zeigt, dass Erwartungen Verhalten beeinflussen können.
Wenn ich Enjah zutraue, dass sie es schafft, werde ich ruhig, klar, geduldig.
Sie wird besser.
Ich denke:
„Siehst du, ich bin pädagogisch begabt.“
Wenn ich bei Flusen schon vor der Dorfstraße denke: „Gleich eskaliert es“, spanne ich mich an, halte die Leine fester, atme wie ein aufgeschrecktes Alpaka.
Flusen liest mich.
Und denkt vermutlich:
„Oh Gott. Sie weiß etwas. Ich belle lieber schon mal.“
Dann eskaliert es.
Und ich denke:
„Ich wusste es.“
Nein, Dagmar.
Du hast es nicht gewusst.
Du hast es mitproduziert.
Herzlichen Glückwunsch zur Eigenbeteiligung.
Meine Stimmung ist leider kein Messinstrument
Die Affektheuristik bedeutet, dass meine Stimmung mein Urteil färbt.
Ausgeschlafen ist Enjah „lebendig“.
Müde ist sie „unerträglich“.
Entspannt ist Flusen „feinfühlig“.
Gestresst ist er „anstrengend“.
Die Hunde verändern sich sicher auch.
Aber ich eben auch.
Nur leider halte ich meine Laune oft für Wirklichkeit.
Das ist ungefähr so sinnvoll, als würde man mit einem Fieberthermometer die Raumtemperatur messen und anschließend dem Sofa Vorwürfe machen.
Und am Ende sitzen wir alle im selben Rudel
Abends liegt Enjah in ihrer Box, eingerollt wie ein kleiner Sturm im Standby Modus.
Flusen liegt auf dem Sofa und sieht aus, als hätte er heute wieder sehr viel menschliche Inkompetenz ertragen.
Und ich sitze dazwischen.
Mit meinem überdurchschnittlich verzerrten Gehirn.
Mit meiner Welpenbrille.
Mit meiner Flusen Strenge.
Mit meinen Erwartungen, Projektionen und inneren Wetterkapriolen.
Und denke:
Vielleicht sind Wahrnehmungsverzerrungen keine Fehler, die man einfach abstellt.
Vielleicht sind sie eher kleine Stolperfallen im Kopf.
Und meine Hunde sind so freundlich, mich täglich mit Anlauf hineinzuschubsen.
Enjah macht das mit Zähnen.
Flusen mit Blicken.
Beide sehr effektiv.
Ich lerne also weiter.
Langsam.
Wackelig.
Mit viel Kaffee.
Und dem festen Vorsatz, morgen wieder vollkommen objektiv zu sein.
Was natürlich gelogen ist.
Aber immerhin schön formuliert.