Tag 160 oder: Unsere Hunde halten uns für deutlich therapiebedürftiger, als uns lieb ist
Die Sitzung ist eröffnet
Ich bin inzwischen ziemlich sicher, dass Flusen und Enjah uns nicht einfach nur beobachten.
Sie führen innerlich längst Fallakten.
Nicht besonders ordentlich, dafür aber mit hoher emotionaler Beteiligung und einer bemerkenswert klaren Einschätzung unserer Defizite.
Wenn unsere Hunde eine Paar oder Familientherapie für uns moderieren würden, säßen wir vermutlich sehr schnell an dem Punkt, an dem Flusen mit schwerem Seufzen auf seine Unterlagen blickt, Enjah einmal quer durch den Raum springt und dann beide gleichzeitig zu dem Schluss kommen:
Also grundsätzlich ist da Bindung.
Aber die Regulationsfähigkeit der Erwachsenen ist ausbaufähig.
Flusen wäre der stille Tiefenpsychologe
Flusen würde die Therapie nicht laut führen.
Er wäre keiner von diesen Moderatoren mit Leuchtstift, Flipchart und künstlich aktivierter Prozessfreude.
Er wäre eher der stille, tiefenpsychologisch ausgebildete Analytiker mit leichtem Kontrollthema und jener Art von Blick, bei der man sofort das Bedürfnis entwickelt, sich unaufgefordert zu erklären.
Er würde wahrscheinlich lange gar nichts sagen.
Nur schauen.
Einmal atmen.
Noch einmal schauen.
Und dann sehr langsam:
Sie sprechen viel von Struktur.
Aber ich sehe hier vor allem ein erhebliches Delta zwischen Anspruch und Leckerligabe.
Danach Stille.
Ich fange an, mich zu rechtfertigen.
Annette versucht, sachlich zu bleiben.
Flusen blickt aus dem Fenster, weil er es nicht nötig hat, uns mit unnötiger Direktheit zu entwerten.
Enjah wäre die systemische Eskalation mit Fell
Enjah dagegen wäre keine Therapeutin im klassischen Sinn.
Sie wäre eher ein sehr kleines, sehr kluges, sehr körperliches Störungsmuster in Person.
Also genau die Art Co Therapeutin, die nicht moderiert, sondern aufdeckt.
Nicht durch kluge Fragen.
Durch Aktion.
Sie würde mitten in einen sensiblen Moment hinein auf den Tisch springen, meine Unterlagen verschieben, einmal an meinem Ärmel ziehen und damit im Grunde die ganze Wahrheit des Systems sichtbar machen.
Nämlich, dass wir alle immer gern so tun, als hätten wir hier Dinge im Griff, während in Wahrheit schon ein mittelgroßes Gefühl oder ein Junghund genügt, um jede Form von innerer Ordnung in dekorative Einzelteile zu zerlegen.
Enjah würde wahrscheinlich sagen:
Ich finde interessant, wie stark hier mit Sprache gearbeitet wird, obwohl doch offensichtlich ist, dass niemand von euch bei echter Erregung noch sinnvoll zuhören kann.
Dann würde sie einen Kugelschreiber klauen und die Sitzung wäre für einen Moment unterbrochen.
Was, wenn man ehrlich ist, oft auch mein Zustand in anspruchsvollen Gesprächen ist.
Nicht äußerlich.
Innerlich.
Unsere Hauptthemen aus Hundesicht
Ich fürchte, unsere Hunde würden sehr schnell ein paar Kernprobleme benennen.
Erstens:
inkonsequente Grenzführung unter dem Einfluss großer Augen.
Zweitens:
ein auffälliges Helfersyndrom mit gleichzeitig latenter Erschöpfungsneigung.
Drittens:
eine dysfunktionale Neigung, menschliche Arbeitsprozesse wichtiger zu nehmen als das unmittelbare Bedürfnis nach Garten, Nähe oder Käse.
Viertens:
schwere Mängel in der Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment über digitale Geräte zu priorisieren.
Fünftens:
deutliche Defizite in Sachen Promptreaktion auf subtile, aber aus Hundesicht völlig eindeutige Signale.
Das Verstörende ist: Sie hätten vermutlich recht
Das eigentlich Unangenehme an dieser hypothetischen Hundetherapie wäre ja nicht, dass sie uns so gnadenlos analysieren würden.
Sondern dass ich währenddessen die ganze Zeit dächte:
Leider ist da etwas dran.
Denn natürlich würden Flusen und Enjah nicht nur irgendeinen Unsinn erzählen.
Sie würden genau die Punkte treffen, an denen wir uns selbst am liebsten für halbwegs vernünftig halten.
Unsere Struktur.
Unsere Klarheit.
Unsere pädagogische Überlegenheit.
Unser ganzes hübsch eingerahmtes Gefühl, dass wir hier doch im Großen und Ganzen die Erwachsenen im Raum sind.
Und dann säßen da diese zwei Fellwesen, von denen eines regelmäßig seine Gefühle über den Gartenzaun brüllt und das andere versucht, mit vollem Körpereinsatz in meinen Brustkorb zu ziehen, und würden uns mit bemerkenswerter Treffsicherheit erklären, wo unsere eigentlichen Baustellen liegen.
Ich finde das gleichzeitig demütigend und tröstlich.
Demütigend, weil ich ziemlich sicher bin, dass wir in dieser Sitzung nicht besonders gut wegkämen.
Tröstlich, weil es vielleicht auch etwas Schönes hat, von Wesen durchschaut zu werden, die einen trotzdem lieben.
Vielleicht ist das am Ende überhaupt die eigentliche Therapieform in diesem Haus:
Flusen seufzt.
Enjah springt.
Wir scheitern leicht an unserer eigenen Konsequenz.
Und alle bleiben trotzdem.