Tag 159 oder: Gerüche denken nicht. Sie treffen.

Die Nase macht keine Fallbesprechung

Heute war wieder Mantrailing.

Mit Flusen und Enjah.

Und während ich so dastand, mit Leckerli, Leine, Hundegehirnen und dieser sehr sympathisch unaufgeregten Gruppe, wurde mir etwas noch einmal sehr klar:

Gerüche sind psychologisch vollkommen unhöflich.

Sie klopfen nicht an.

Sie diskutieren nicht.

Sie machen keine Einordnung, keine Bewertung, keine kleine kognitive Teamsitzung mit Pro und Contra.

Da ist der Geruch und zack, da ist das Gefühl.

Auch bei uns Menschen.

Ein Geruch und plötzlich ist man wieder Kind, ist im Krankenhaus, in einem Sommer, in einer Küche, bei einem Abschied, in einem Urlaub oder in einer Liebe, die längst vorbei ist und trotzdem noch irgendwo nach Waschmittel und Hauttemperatur gespeichert wurde.

Der Geruch geht nicht über Los.

Er nimmt die Abkürzung ins Nervensystem.

Wie Mantrailing eigentlich funktioniert

Vielleicht mag ich Mantrailing auch deshalb so, weil es dieses alte Wissen so schön sichtbar macht.

Wir waren eine Gruppe von acht Personen.

Jede Person gibt etwas von ihrem Eigengeruch in eine kleine Dose ab.

Dann wird nach und nach immer eine dieser Personen von allen anderen Hunden gesucht.

Das heißt: Der Hund riecht an dem Döschen, in dem der Geruch einer bestimmten Person steckt, und sucht dann genau diese Person, die sich vorher versteckt hat.

Und das Faszinierende ist ja:

Der Geruch der Person ist am Anfang erst einmal neutral.

Einfach nur dieser Mensch.

Nicht gut, nicht schlecht, nicht emotional aufgeladen.

Aber dann findet der Hund die Person.

Und genau dort gibt es den Jackpot.

Denn vorher werden von allen Superleckerli eingesammelt, und wenn der Hund die richtige Person gefunden hat, bekommt er genau von ihr die große Belohnung.

Kekse sind ja bekanntlich Liebe in essbarer Form.

Also lernt der Hund gleich zwei Dinge.

Trailen ist großartig.

Und diese Person fühlt sich ebenfalls großartig an.

Ich finde das herrlich.

Fast so, als würde man emotionales Lernen einmal in ganz sauberer, hündischer Direktheit auf den Tisch legen:
Geruch, Suche, Fund, Freude.

Ende der Theorie.

Der große Showdown im Menschenpulk

Die letzte Übung war dann wirklich genial.

Flusen und Enjah waren da schon raus, sie hatten genug geleistet, und dann standen einfach alle Menschen als Gruppe herum.

Jeder Hundebesitzer durfte einen Geruch einer anderen Person ziehen, und dann sollte der Hund in diesem ganzen Menschenpulk genau die Person finden, von der er gerade gerochen hatte.

Und weil die Trainerin Humor hat und vermutlich gern kleine nervliche Zusatzgewürze verteilt, war auch ein Blindgänger dabei.

Also ein Geruch, der gar nicht gefunden werden konnte.

Ich fand das großartig.

So ein bisschen wie Geruchsroulette mit psychologischem Mehrwert.

Und die Hunde haben das wirklich beeindruckend gemacht.

Einfach hin.

Nase an.

Sortieren.

Finden.

Und sich dann vor die richtige Person setzen wie kleine, hochkompetente Ermittler mit Fell und eingebautem Belohnungssystem.

Natürlich wurden sie dafür groß gefeiert.

Zu Recht.

Warum Flusen beim Boxer schon ausrastet, wenn nur der Geruch da ist

Und dann war ich natürlich sofort bei Flusen.

Bei diesem einen Boxer aus unserem Dorf.

Dem Hund, bei dessen Geruch Flusen schon hochgeht, obwohl der Hund selbst noch gar nicht zu sehen ist.

Das finde ich psychologisch unglaublich spannend, weil es eigentlich so logisch ist.

Wenn Flusen diesen Geruch wahrnimmt, dann kommt nicht erst ein innerer Hundedialog in Gang.

Nicht:
Ach, warte, ich prüfe das noch einmal nüchtern.
Vielleicht ist die Lage heute anders.
Vielleicht bleibe ich diesmal reguliert.

Nein.

Der Geruch ist da, und mit ihm sofort die alte emotionale Verknüpfung.

Gefahr.

Schmerz.

Stress.

Alarm.

Und dann muss natürlich gepöbelt werden, noch bevor irgendetwas reflektiert werden könnte.

Die Nase macht keine Mediation.

Sie löst aus.

Und genau deshalb ist das so schwer zu durchbrechen.

Weil wir da nicht im Bereich von bewusster Entscheidung unterwegs sind, sondern in einer direkten Autobahn zwischen Reiz und Gefühl.

Wir arbeiten viel zu wenig mit Gerüchen

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir Menschen mit Gerüchen viel zu wenig arbeiten.

Dabei beeinflussen sie unser Erleben massiv.

Unser Gefühl.

Unsere Wachheit.

Unsere Sicherheit.

Unsere Erinnerung.

Unser ganzes inneres Klima.

Mit Musik arbeite ich schon lange in Trainings.

Sehr bewusst sogar.

Musik kann Räume öffnen, beruhigen, halten, Spannung verändern.

Aber Gerüche nutze ich bisher kaum.

Dabei wären sie eigentlich das naheliegendste zweite Instrument.

Ein Raum, der anders riecht, fühlt sich anders an.

Ein Geruch kann regulieren, weicher machen, erden oder eben alarmieren.

Vielleicht haben wir das nur ein bisschen vergessen, weil wir so sehr auf Sprache trainiert sind.

Auf Denken.

Auf Erklären.

Auf Worte.

Und während wir noch reden, hat die Nase längst entschieden, wie sich etwas anfühlt.

Ich finde, das ist eine ziemlich demütigende und ziemlich schöne Wahrheit.

Und ehrlich gesagt glaube ich, ich fange damit an.

Mehr mit Gerüchen zu arbeiten.

Weil manches eben nicht verstanden werden muss, um zu wirken.

Manches muss nur in die Luft.