Tag 158 oder: Die Schönheit alter Frauen und die Angst, eine zu werden
Ein Tag, an dem alles leicht war
Der 1. Mai war so schön, dass er fast unverschämt wirkte.
Sommerlich warm, aber nicht zu viel.
Blauer Himmel, leichter Wind, in der Sonne schon fast zu heiß, im Schatten genau richtig.
Morgens eine Runde laufen im Sonnenaufgang, dieses frühe Licht, das alles großzügiger aussehen lässt, selbst mich. Später ein langer Spaziergang mit einer Freundin. Viel geredet, viel Wald, kaum Begegnungen, beide Hunde erstaunlich vorzeigbar. Flusen musste nur einmal pöbeln, was für seine Verhältnisse ungefähr als staatsmännische Zurückhaltung gilt. Enjah auch wunderbar.
Danach Garten.
Dann zu meinen Eltern grillen.
Die Hunde glücklich, wir auch, beide mit reichlich Menschenessen versorgt, weil ja wohl klar ist, dass ein Feiertag nicht an der Napfgrenze enden darf.
Jetzt liegen sie beide da wie zwei kleine, gut gefütterte Fellruinen, und der Tag klappt langsam zu wie ein warmes Buch.
Und dann lese ich plötzlich von alten Frauen
Gestern habe ich eher zufällig einen Blog über das Älterwerden als Frau entdeckt.
Und irgendetwas daran hat mich tief berührt.
Nicht einmal nur die Texte.
Vor allem die Bilder.
Diese alten Frauen.
Diese Gesichter.
Diese Schönheit, die nicht geschniegelt ist, nicht glatt, nicht jugendlich, nicht auf irgendeine bemühte Art optimiert.
Sondern schön in ihrer Unperfektheit.
Schön, weil das Leben darin zu sehen ist.
Schön, weil da nichts mehr geschniegelt werden muss, um zu wirken.
Ich saß da und merkte, wie sehr mich das trifft. Vielleicht auch, weil ich dieses Thema längst in mir trage.
Nicht täglich dramatisch.
Aber doch als leise Begleitmusik.
Ich finde Alter schön. Ich finde nur nicht, dass Frauen im Alter schön behandelt werden.
Das ist vielleicht der eigentliche Knoten.
Ich finde ältere Frauen oft wunderschön.
Wirklich.
Interessanter, tiefer, eigensinniger, wahrer als vieles, was die Welt sonst so als begehrenswert und glänzend vor sich herträgt.
Und gleichzeitig spüre ich beruflich längst, dass Alter bei Frauen anders gelesen wird.
Nicht immer offen.
Nicht plump.
Eher als Atmosphäre.
Als Unterton.
Als feine Verschiebung.
Dass man nicht mehr ganz als Versprechen gilt.
Nicht mehr als Zukunft.
Nicht mehr als aufregende Möglichkeit.
Sondern eher als vorhanden.
Brauchbar.
Nützlich, solange man funktioniert.
Ich merke das.
Und ja, es trifft mich.
Geduldet ist etwas anderes als gemeint
Das Gute bei mir ist wirklich, dass ich durch mein ständiges Studieren fachlich immer auf Stand bleibe. Vielleicht sogar mehr als manche, die sich längst gemütlich in ihrem Wissenssessel eingerichtet haben. Und gerade durch die verschiedenen Studiengänge kann ich interdisziplinär denken, Dinge verbinden, Perspektiven zusammenbringen. Das macht mich wertvoll.
Aber nicht überall fühlt sich Wert auch wie Wertschätzung an.
Manchmal eher wie Duldung.
So ein stilles: Es ist schon praktisch, dass du da bist.
Aber tun würden wir für dich nichts mehr.
Fördern, investieren, entwickeln, wirklich wollen, nein, eher nicht.
Und wehe, ich bin mal nicht ganz auf der Höhe.
Wehe, ich zeige Grenzen.
Wehe, ich bin nicht komplett funktional, freundlich, tragfähig, souverän und bitte ohne sichtbare Abnutzung.
Das geht nicht.
Weder als Frau noch in meinem Alter.
Und ja, ich merke auch, dass Männer da anders gelesen werden. Ich habe einen Kollegen, der mir in vielem sehr ähnlich ist, und trotzdem wird er als Mann ganz anders behandelt. Nicht subtiler. Anders.
Wohlwollender.
Selbstverständlicher.
Weniger unter Vorbehalt.
Zum Glück gibt es Gegenwelten
Ohne meine Nebentätigkeit wäre ich wahrscheinlich deutlich frustrierter.
Denn dort ist es anders.
Dort sind genau die Dinge wertvoll, die mich andernorts fast ein bisschen aus der Kurve kippen lassen könnten:
mein Alter
meine Erfahrung
meine Vielseitigkeit
mein interdisziplinäres Denken
Dort bin ich nicht Restgröße, sondern Profil.
Nicht geduldet, sondern gefragt.
Und dass ich mir diese berufliche Bestätigung dort holen kann, ist ein Geschenk.
Aber dass ich sie mir überhaupt woanders holen muss, sagt auch schon einiges.
Vielleicht hat mich genau deshalb dieser Blog so berührt
Weil er etwas gezeigt hat, das ich selbst oft ahne und gleichzeitig gegen die Welt verteidigen muss:
dass Alter nicht Verlust sein muss
dass Unperfektheit nicht weniger schön ist
dass ein gelebtes Gesicht mehr Wahrheit haben kann als jede geglättete Version von Weiblichkeit
Und vielleicht liegt genau darin auch die Angst.
Nicht davor, älter zu werden.
Sondern davor, in einer Welt älter zu werden, die Frauen so oft nur so lange begeistert anschaut, wie sie nach Aufbruch aussehen.
Der 1. Mai war wunderschön.
Voll Licht, Wald, Hunden, Gesprächen, Grillgeruch und diesem weichen Gefühl, dass für einen Moment alles stimmt.
Und vielleicht war es genau deshalb der richtige Tag für diesen Gedanken.
Weil sich an schönen Tagen manchmal besonders klar zeigt, was trotzdem weh tut.