Für alle, die heute lieber lauschen als lesen:

Diesen Text gibt es auch als Audio.

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Tag 157 oder: Enjah apportiert, die anderen staunen und ich sitze daneben wie eine sehr stolze Praktikantin meines eigenen Hundes

Die Junghundegruppe als kleine Talentshow mit Fell

Unsere Trainerin hat in die Junghundegruppe inzwischen richtige Themenfelder eingebaut.

Einmal Tricksen.

Einmal Mantrailing.

Und gestern: Apportieren.

Ich mag das sehr, weil es die Hunde nicht nur beschäftigt, sondern ihre sehr unterschiedlichen kleinen Hundehirne so schön sichtbar macht. Gestern waren wir nur zu dritt. Ein Ridgeback, ein anderer Junghund, den wir schon von Anfang an kennen, und Enjah. Der Ridgeback ist schon zwei Jahre alt, also gewissermaßen der Oberstufenschüler unter den Fellwesen.

Und Enjah natürlich wie immer im Modus: Ich bin bereit, die Veranstaltung intellektuell an mich zu reißen.

Dagmar bastelt. Enjah brilliert.

Mit Enjah hatte ich ganz am Anfang mal ein bisschen Apportieren ausprobiert. Also eigentlich eher gespielt, weil Flusen es auch durfte und ich bei Enjah grundsätzlich immer sofort in Versuchung gerate zu testen, ob unter ihrem Fell noch ein zweites Gehirn liegt.

Dummerweise hatte ich gestern den Futterbeutel vergessen.

Was macht ein erwachsener Mensch in so einem Fall?

Genau.

Er bastelt mit einem Tuch, einer Knistertüte und ein paar Leckerlis eine Art improvisierten Apportierbeutel zusammen, der aussah, als hätte ein Waschbär mit pädagogischem Anspruch ihn in einer dunklen Ecke zusammengenäht.

Und natürlich war Enjah trotzdem wieder Musterschülerin.

Was mich am meisten verblüfft hat: Sie ist sitzen geblieben, während ich quer über den Platz marschiert bin und meinen sehr diskussionswürdigen Basteldummy versteckt habe.

Sie hat mich genau beobachtet.

Sie wusste alles.

Und blieb trotzdem sitzen.

Allein das war schon bemerkenswert genug.

Noch bemerkenswerter wurde es, als die beiden anderen fanden, dass Sitzen grundsätzlich überschätzt sei und zwischendurch lieber eine kleine unerlaubte Spielrunde einlegten, während Enjah brav bei mir sitzen blieb.

Gut, da war ich in ihrer Nähe, also will ich jetzt nicht so tun, als hätte ich einen kleinen Mönch mit Ohren gezüchtet. Aber trotzdem. Ich war beeindruckt.

Der Ridgeback kommt. Enjah wählt Diplomatie mit Rückversicherung

Einmal kam dann der große Ridgeback auf sie zugetrabt.

Enjah guckt.

Dreht sich um.

Kommt zu mir.

Und das, obwohl sie in dem Moment eigentlich gerade suchen durfte und der Ridgeback beim Herrchen hätte bleiben sollen.

Die Trainerin war richtig baff und meinte, das sei perfektes Verhalten. Nicht Drama, nicht Gegenoffensive, nicht jugendlicher Größenwahn, sondern: Ich komme zu Dagmar, die regelt das schon.

Was für ein schönes Kompliment.

Für Enjah.

Und, in meinem sehr objektiven Empfinden, auch ein bisschen für mich.

Denn wenn ein Hund so klein und klug entscheidet, dass ich offenbar die örtliche Sicherheitsbehörde bin, hat das schon etwas Rührendes.

Vermutlich denkt Enjah tatsächlich, ich würde im Zweifel mein Leben mit letzter Kraft gegen alles verteidigen, was ihr schief entgegenläuft.

Keine Ahnung, wie ich diesen Ruf bekommen habe.

Aber ich nehme ihn.

Bring. Bring drunter. Bring oben. Bring überhaupt alles.

Besonders toll fand ich die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade.

Die anderen beiden konnten irgendwann nicht mehr alles mitmachen, weil die Übungen zum Schluss ziemlich anspruchsvoll wurden.

Es gab Bring.

Bring drunter, also unter etwas versteckt.

Bring oben, also irgendwo höher platziert.

Und Enjah hat wirklich alles gefunden.

Mit einer Selbstverständlichkeit, als würde sie innerlich sagen: Ja natürlich. Gibt es auch noch eine schwierigere Kategorie oder bleibt es heute bei Anfängerfragen.

Die Krönung kam dann am Schluss.

Sie sollte Fuß gehen, was ich mit ihr nie übe, sie wusste aber trotzdem ungefähr, worum es ging, weil sie leider auch ohne Kurs oft erschreckend schnell versteht, was Menschen von ihr wollen.

Dann sollte ich während des Laufens den Dummy verlieren, so dass sie ihn sieht.

Sie durfte aber nicht sofort hin, weil sie ja im Fuß-Befehl war.

Dann ein paar Schritte weiter, umdrehen, sagen: Verloren.

Und sie durfte los.

Natürlich hat sie auch das gemacht.

Als hätte sie sich innerlich schon vor Stunden den Ablaufplan der Stunde geben lassen.

Der Preis der Brillanz ist leider kein Mittagsschlaf

Die Ridgeback-Mama fragte dann, warum ihrer nicht so aufmerksam sei und das alles könne.

Und die Trainerin sagte etwas sehr Wahres.

Hunde unterschiedlicher Rassen sind eben für unterschiedliche Dinge empfänglich.

Und Hunde wie Enjah haben dafür einen Preis.

Sie sind die ganze Zeit aufmerksam.

Sie beobachten alles.

Sie wollen alles.

Sie sind innerlich selten im Energiesparmodus.

Und genau so ist es ja auch.

Natürlich denke ich manchmal: Ach, so eine Schlaftablette mit Fell, unser ursprünglicher Wunsch, hätte schon auch seine Qualitäten gehabt.

Ein Hund, der emotional ungefähr auf dem Niveau einer gut temperierten Wärmflasche lebt, hat sicher Charme.

Stattdessen haben wir Enjah.

Ein hochbegabtes kleines Aufmerksamkeitskraftwerk mit eingebauter Projektleitung.

Die Box, der Hase und meine professionelle Fassung

Gerade liegt sie wieder in ihrer Box vor mir, damit sie tagsüber auch wirklich zur Ruhe kommt.

Es ist eine riesige Box, sie kann darin laufen, sich drehen, sich ausstrecken, also kein Drama, sondern eher ein kleines Wellnesszentrum mit Begrenzungsfunktion.

Und genau diese Begrenzung hilft ihr, wirklich runterzufahren und zu schlafen, obwohl es hell ist und das Leben in ihrer Wahrnehmung vermutlich an jeder Zimmerecke neue Großereignisse bereithält.

Das Witzigste ist allerdings ihr Hase.

Dieser Hase quietscht, wenn sie ihn an einer ganz bestimmten Stelle beißt.

Ja, ich weiß, so etwas soll man eigentlich nicht machen.

Und ja, natürlich liebt sie ausgerechnet diesen Hasen abgöttisch.

Am besten ist es, wenn ich in Meetings sitze. Nicht in netten, lockeren Plauderrunden, nein. In hoch anspruchsvollen, sehr ernsten, professionell aufgeladenen Meetings, in denen Menschen große Sätze über wichtige Dinge sagen.

Und genau dann beginnt Enjah in ihrer Box, ihren Hasen mit größter Zärtlichkeit und maximaler Konsequenz zu bearbeiten, so dass im Hintergrund in schöner Regelmäßigkeit dieses Quietschen ertönt.

Ein kleines akustisches Statement aus dem Off.

Fast so, als hätte mein Alltag beschlossen, mir in den ernstesten Momenten ein persönliches Clownshorn zur Seite zu stellen.

Und ehrlich gesagt passt das ziemlich gut zu uns.

Denn so sitze ich selbst in den seriösesten Besprechungen da, professionell von außen und innerlich leicht grinsend, weil neben mir ein kleiner Hundegeist gerade mit einem Quietschhasen über den Sinn des Lebens verhandelt.