Tag 156 oder: Enjah hat bestanden und natürlich nicht auf eine normale Art
Ich war ein bisschen aufgeregter als sie
Heute hatte Enjah ihre Eignungsprüfung.
Schon dieses Wort klingt, als würde meine kleine Hündin gleich mit Aktenmappe und leicht verspätetem Lebenslauf bei einer sehr strengen Personalabteilung vorsprechen.
Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mir sehr gewünscht, dass sie besteht.
Nicht geschniegelt ehrgeizig.
Eher auf diese weiche, hoffende Weise, in der man sich etwas für ein Wesen wünscht, das man sehr liebt und bei dem man längst ahnt, dass in ihm sehr viel steckt.
Also waren wir bei der Therapiehundausbilderin, bei der Flusen damals seine Ausbildung gemacht hat, und ich merkte schon auf dem Hinweg, dass ich deutlich mehr innere Prüfungsatmosphäre hatte als Enjah.
Enjah selbst war einfach Enjah.
Aus Enjahs Sicht vermutlich: Erst mal den Raum lesen
Ich stelle mir vor, aus Enjahs Sicht lief das ungefähr so:
Aha.
Ein neuer Ort.
Interessant.
Hier riecht es nach Möglichkeiten, Regeln, Keksen, Erwartungen und vermutlich noch nach mindestens drei Hunden, die vor mir hier waren und auch alle dachten, sie seien etwas Besonderes.
Dann die Trainerin.
Die wurde von Enjah natürlich erst einmal ignoriert.
Nicht aus Unhöflichkeit.
Eher aus einer sehr eigenen Form von Souveränität.
So nach dem Motto: Ich habe Sie durchaus registriert, aber ich entscheide selbst, wann ich Ihre Existenz offiziell anerkenne.
Sie sah sich alles an.
Las den Raum.
Hatte die Trainerin aber längst aus dem Augenwinkel im Blick, was ich bei Enjah ja inzwischen gut kenne. Sie wirkt oft, als sei sie woanders, und hat trotzdem alles mitgeschnitten wie ein kleiner pelziger Geheimdienst.
Irgendwann sprang sie die Trainerin dann ohne jede Vorwarnung voll an.
Einfach so.
Wie ein sehr spontaner, körperbetonter Erstkontakt.
Und ging danach wieder weg, als wolle sie sagen: So. Sie sind jetzt eingeordnet. Wir können fortfahren.
Später ging sie noch einmal hin, ließ sich kurz streicheln, nahm Blickkontakt auf, und auch das war wieder sehr Enjah.
Nicht anbiedernd.
Nicht will to please auf Vorrat.
Nicht dieses „Hallo, ich bin für alle da“.
Sondern: Wenn ich möchte, bekommst du Nähe. Und wenn nicht, dann eben nicht.
Und genau das war offenbar richtig
Das Interessante war, dass die Trainerin genau das gut fand.
Sie meinte, Enjah sei super für die Ausbildung.
Sie lasse sich streicheln, wenn sie es wolle, halte aber nichts unnötig aus.
Ich mochte diesen Satz sehr.
Weil er so viel über sie sagt.
Enjah ist kein Hund, der sich aus falscher Freundlichkeit verfügbar macht.
Sie ist neugierig, selbstbewusst und vor allem voller Handlungswillen.
Sie will etwas tun.
Nicht vielleicht.
Nicht gelegentlich.
Sie fordert es regelrecht.
Bitte beschäftige mich.
Bitte gib mir eine Aufgabe.
Bitte tu nicht so, als sei ich für dekoratives Herumsitzen gedacht.
Und ich saß da und dachte, ja, das ist sie.
Eine kleine Hündin mit sehr klarer innerer Personalpolitik.
Therapiehund ja. Agility eher nein.
Die Trainerin meinte, für Enjah wäre die Ausbildung zum Therapiebegleithund sehr passend.
Und dazu Rally Obedience.
Diese Kombination fand ich sofort schön.
Rally Obedience klingt für mich ein bisschen so, als hätte jemand Unterordnung genommen und beschlossen, dass sie auch mit Freude, Teamgefühl und freundlicher Kommunikation stattfinden darf.
Also genau die Version, die ich mag.
Wir durften es dort auch einmal ausprobieren und Enjah hat das richtig toll gemacht.
Sie war aufmerksam, ganz bei mir, wollte mich verstehen, hat sichtbar versucht, die Welt der Schilder und Übungen in ihr kleines kluges Gehirn zu sortieren. Man sah dabei allerdings auch immer mal wieder deutliche Fragezeichen in ihrem Fang.
Wobei, fairerweise, bei mir ebenfalls.
Wir waren also zeitweise beide ein Mensch Hund Team mit gegenseitigem Bemühen und leichtem Ausdruck von: Aha. Und was genau ist jetzt hier die Idee.
Agility hingegen würde die Trainerin eher nicht empfehlen.
Wegen des Springens, das körperlich nicht ideal sei, und vor allem, weil es Enjah noch weiter hochdrehen würde.
Und ganz ehrlich, noch weiter hochdrehen klingt bei Enjah ungefähr so vernünftig wie einem kleinen Lagerfeuer mit Benzin beim Wachsen helfen zu wollen.
Ein Hund, der wie eine Katze streicht
Was mich am meisten berührt hat, war aber etwas anderes.
Die Trainerin sagte, sie habe so etwas noch nie bei einem Hund erlebt: dass Enjah so nah an einem entlangstreicht wie eine Katze.
Und ja.
Das ist wirklich etwas sehr Eigenes an ihr.
Diese Nähe.
Dieses Anschmiegen.
Nicht unterwürfig, nicht unsicher, sondern ganz bewusst, fast intim.
Als würde sie nicht einfach Kontakt aufnehmen, sondern sagen: Ich bin jetzt wirklich hier bei dir.
Dass ausgerechnet das jemand bemerkt hat, hat mich sehr gefreut.
Weil es so typisch Enjah ist.
Sie ist kein einfacher Hund, das hat die Trainerin auch ganz klar gesagt. Sie müsse geführt werden.
Auch das stimmt.
Sie ist nicht die Sorte Hund, die man einfach laufen lässt und dann hofft, dass ihre Intelligenz schon irgendwie den Rest übernimmt.
Aber genau diese Mischung scheint ihr Wesen auszumachen: viel Charakter, viel Wille, viel Nähe, viel Meinung und darunter etwas sehr Schönes.
Aus meiner Sicht: Ich freue mich einfach
Ich bin ehrlich einfach froh.
Weil ich es mir gewünscht habe.
Weil ich sie so gern in dieser Ausbildung sehen möchte.
Weil ich Lust auf diesen Weg mit ihr habe.
Freitag abends Therapiebegleithundausbildung.
Montag abends vielleicht Rally Obedience.
Und irgendwann vielleicht noch Mantrailing mit beiden.
Es klingt ein bisschen, als hätte ich aus Versehen eine kleine private Hundesportakademie eröffnet, aber leider finde ich das sehr überzeugend.
Und Enjah vermutlich auch.
Aus ihrer Sicht ist der heutige Tag wahrscheinlich ziemlich einfach zusammenzufassen:
Ich war dort.
Ich war interessant.
Ich habe nicht jedem gefallen wollen und wurde gerade deshalb genommen.
Ich durfte etwas machen.
Alle fanden mich gut.
Zu Recht.
Und ehrlich gesagt:
Ganz Unrecht hätte sie damit nicht.