Tag 155 oder: Flusen und die nächtliche Alpenüberquerung ins Bett
Der Steg als architektonisches Großprojekt
Wir haben für Flusen einen kleinen Steg gebaut, damit er einfacher in unser Bett kommt.
Nicht, weil er alt wäre.
Nicht, weil er gebrechlich wäre.
Sondern weil er es auf normalem Weg erstaunlich lange nicht geschafft hat, an der sinnvollen Stelle ins Bett zu kommen.
Enjah hatte das sofort verstanden.
Ohne Einweisung.
Ohne Probelauf.
Ohne innere Klausurtagung.
Flusen nicht.
Manchmal ist er wirklich kompliziert wie ein hochsensibler Altbau mit denkmalgeschützter Eigenlogik.
Jedenfalls schläft er mal in seinem Bett, mal bei uns, mal wieder draußen, mal wieder drin, als würde er nachts eine kleine private Immobilienbesichtigung veranstalten.
Und letzte Nacht hörte ich schon, wie er aufstand.
Dieses langsame Erheben.
Dieses ausgedehnte Strecken.
Dieses Geräusch, das klingt, als hätte ein sehr kleiner Beamter im Ruhestand beschlossen, doch noch einmal zur Nachtinspektion aufzubrechen.
Der Moment, in dem die Nacht kurz kippte
Dann tappte er los.
Halb wach.
Halb Traum.
Mit genau dieser schlaftrunkenen Ernsthaftigkeit, mit der man sich nur dann fortbewegt, wenn der Körper längst unterwegs ist, das Gehirn aber noch im Pyjama an der Bettkante sitzt.
Er geht auf den Steg.
Und rutscht erst einmal ab.
Nicht schlimm.
Nicht dramatisch.
Aber dramatisch genug für Flusen.
Er blieb einen winzigen Moment stehen, schüttelte sich mit der Haltung eines Wesens, dem die Nacht gerade eine unerwartete Demütigung zugemutet hatte, sammelte seine würdevolle Reststatik wieder ein und setzte erneut an.
Beim zweiten Versuch schaffte er es.
Stieg ins Bett.
Drehte sich.
Und ließ sich mit einem so tiefen, opernreifen Seufzer fallen, als hätte er nicht gerade zwei Holzschritte überwunden, sondern bei Schneetreiben die Alpen überquert.
Die stille Komik des Glücks
Annette und ich lachten nicht laut.
Eher dieses leise innere Lachen, das einen im Dunkeln ganz warm macht.
Dieses kleine gemeinsame Verstehen der Absurdität.
Dass da ein Hund im Halbschlaf von seinem eigenen Steg rutscht, sich schüttelt wie ein beleidigter Kurgast und dann mit tragischem Heldenatem ins Bett sinkt, als sei ihm das Schicksal persönlich begegnet.
Und vielleicht war genau das der schönste Teil daran.
Dass es so lächerlich war.
So zart.
So völlig unnötig komisch.
Wir lagen da, beide still, beide glücklich über diese kleine nächtliche Szene, und schliefen mit dem Gefühl wieder ein, dass das Leben manchmal einfach einen schlaftrunkenen Hund über einen Holzsteg schickt, nur damit man merkt, wie herrlich absurd alles sein kann.