Tag 154 oder: Juchhuuu, die Pubertät ist da
Der feierliche Auftakt: Rindenmulch mit Ansage
Nun ist es also so weit.
Die Pubertät ist da.
Nicht still. Nicht schleichend. Nicht mit einem kleinen inneren Reifungsprozess, den man nur an subtilen Nuancen erkennt.
Nein.
Mit Rindenmulch.
Gestern stand ich mit Enjah im Garten, und Enjah weiß sehr genau, dass sie nicht das Rindenmulch aus den Beeten holen und fressen soll. Wirklich sehr genau. Das ist kein Graubereich. Kein offenes pädagogisches Feld. Kein Missverständnis zwischen Hund und Mensch.
Und was macht sie?
Rennt ins Beet, holt sich demonstrativ ein Stück heraus, stellt sich ungefähr einen halben Meter vor mich und zerkaut es mit dem Ausdruck einer jungen Hündin, die gerade entdeckt hat, dass Regelbruch deutlich mehr Aroma hat als Kooperation.
Glücklich.
Genüsslich.
Fast feierlich.
Ich rufe sie zu mir.
Sie kommt.
Also fast.
Bis auf ungefähr zwanzig Zentimeter.
Und läuft dann wieder weg.
Bellt noch zwei, drei Mal, einfach um dem Ganzen die richtige Theaterqualität zu verleihen, und zieht das Spielchen mit einer solchen charmanten Frechheit in die Länge, dass ich kurz nicht wusste, ob ich erziehen oder applaudieren soll.
Irgendwann hatte ich sie dann bei mir, habe mit ihr geschimpft und bin mit ihr zum Beet gegangen. Sie sah mich an, und ich schwöre, ich konnte ihr beim Denken zusehen:
Ja, ich weiß.
Ich weiß, dass ich das nicht soll.
Aber es macht eben einfach unfassbar viel Spaß.
Dazu dieses Augenklimpern.
Diese wunderschönen Augen.
Auf einer Seite weiße Wimpern, auf der anderen schwarze, als hätte selbst ihre Mimik beschlossen, dass Eindeutigkeit wirklich völlig überschätzt ist.
Ich sagte noch einmal klar nein, das will ich nicht, und ließ sie wieder laufen.
Ein paar Stunden später waren wir wieder draußen.
Selbes Spiel.
Pubertät ist offenbar vor allem die Kunst, Bekanntes noch einmal mit frischer Begeisterung falsch zu machen.
Die Sache mit dem Spray und der Freiheitsbewegung
Vor dem Spaziergang muss sie ja eingesprüht werden.
Dieses herrlich riechende Spray gegen Zecken, das nach Zitrone, Nelken, Teebaumöl und vermutlich noch nach drei weiteren Stoffen riecht, die in Hundekreisen offiziell als persönliche Beleidigung gelten.
Flusen und Enjah finden es beide abscheulich.
Ich hingegen finde, es riecht wie ein sehr ambitionierter Kräutergarten mit Schutzauftrag.
Das Problem ist nur: Bis ich Enjah habe, vergeht durchaus etwas Zeit.
Sie hebt, wenn ich sie dann endlich erwischt habe, sogar freiwillig die Pfoten.
Das ist ja das eigentlich Unverschämte.
Sie kooperiert am Ende durchaus.
Aber eben nicht, ohne vorher noch eine kleine Verhandlung über Freiheit, Würde und körperliche Selbstbestimmung eröffnet zu haben.
Sie lässt sich nicht einfach einfangen.
Sie möchte, dass ich mir diese Nähe moralisch verdiene.
Und ich mag sie ja auch gar nicht fangen wie einen kleinen flauschigen Taschendieb.
Ich will, dass sie versteht: Wenn ich rufe, kommt sie.
Auch in der Pubertät.
Gerade in der Pubertät.
Was Enjah offenbar so interpretiert:
Ja, natürlich komme ich.
Aber erst nachdem wir gemeinsam geprüft haben, wie ernst du das heute wirklich meinst.
Flusen läuft aus Solidarität einfach mit durch
Das Schönste an all dem ist ja, dass Flusen aus einer Art rührender Rudeltreue beschlossen hat, die Pubertät einfach noch einmal mit durchzulaufen.
Nicht voll.
Nur so ein bisschen.
Aus Loyalität.
Aus Mitgefühl.
Oder weil er sich denkt, wenn hier schon einer jeden Tag frech glitzert, kann ich auch noch mal an meine alten Erregungslevel erinnern.
Jedenfalls wirkt er gelegentlich, als wolle er Enjah zeigen, dass man Reifung auch gemeinschaftlich sabotieren kann.
Ein Team.
Eine Mission.
Zwei Hunde und ein inneres Manifest gegen allzu lineare Entwicklung.
Immerhin: Autos laufen weiter erstaunlich gut
Was mich dabei fast am meisten amüsiert: Das mit den Autos klappt weiterhin super.
Da, wo ich wirklich dachte, jetzt müssen wir geduldig generalisieren, wiederholen, fein aufbauen, scheint ihr kleines Gehirn längst eine saubere Verbindung gebaut zu haben.
Auto kommt.
Gewünschtes Verhalten zeigen.
Leckerli kassieren.
Verstanden.
Aber beim Rindenmulch und beim Einsprühen hat sie nun offenbar beschlossen, dass wir das Thema Regelverständnis noch einmal auf einer kreativeren Ebene verhandeln.
Und wahrscheinlich ist genau das Pubertät.
Nicht, dass plötzlich alles vergessen ist.
Sondern dass sehr selektiv entschieden wird, wo Kooperation heute mit dem eigenen Lebensgefühl vereinbar ist und wo nicht.
Ich finde das, bei aller Anstrengung, unfassbar charmant.
Leicht unerquicklich.
Aber charmant.
Und wenn ich ehrlich bin, ist genau das vermutlich der offizielle Startschuss:
Der Moment, in dem ein Hund dich anschaut mit diesem glasklaren Ich weiß genau, was du willst und ich prüfe trotzdem kurz die Alternativen.