Tag 153 oder: Wie berechenbar ist Flusen eigentlich

Die leise Irritation

Im Moment sind wir beide etwas irritiert von Flusen.

Nicht wegen eines großen Vorfalls. Eher wegen dieser kleinen Momente, in denen plötzlich ein Gefühl auftaucht, das ich gar nicht gern habe: Ich weiß gerade nicht sicher, ob ich dir in dieser Situation wirklich vertrauen kann.

Das ist ein merkwürdiger Gedanke bei einem Hund, der am 21. Mai vier wird und mit dem ich seit Jahren lebe, trainiere, arbeite, denke, liebe und auch leide.

Und trotzdem ist da gerade wieder dieses Hm.

War das schon immer so und ich habe es nicht sehen wollen.

Oder hat sich etwas verändert.

Freundlich ist nicht dasselbe wie souverän

Flusen war schon immer ein Hund mit sehr hohem Erregungslevel.

Schon immer einer, der fand, dass ziemlich viel in der Welt dringend kontrolliert werden müsste.

Schon immer freundlich, will to please, charmant.

Und gleichzeitig schnell drüber.

Vielleicht ist genau das der Punkt, der mich so verwirrt: Flusen ist kein unfreundlicher Hund. Im Gegenteil. Er ist oft unfassbar sozial, offen, zugewandt. Aber Freundlichkeit ist eben nicht automatisch Souveränität.

Er ist in vielem liebenswert und in manchem trotzdem schwer zu lesen.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich selbst in seiner Jugend immer wieder Momente hatte, in denen ich dachte: Was war das jetzt.

Einmal schnappte er in der Pubertät nach mir, und ich fand das fast bedrohlich. Das Verrückte ist ja, dass Enjah schon unzählige Male nach uns geschnappt hat und ich es bei ihr nie so erlebt habe.

Ich glaube, der Unterschied liegt nicht im Schnappen.

Sondern in dem Gefühl dahinter.

Bei Enjah habe ich nie erlebt, dass sie weg war.

Nie diesen Tunnel.

Nie diesen Moment, in dem ich denke: Ich komme gerade nicht mehr zu dir durch.

Bei Flusen schon.

Und genau das macht ihn für mich manchmal unberechenbarer, obwohl er nach außen oft viel braver wirkt.

Der Hund, der er auch hätte werden können

Manchmal denke ich, dass Flusen nur durch unfassbar viel Training und Ausbildung so allgemeinverträglich geworden ist, wie er heute oft erscheint.

Und selbst dann ist er ja nicht einfach unkompliziert.

Wenn ich mir eine Parallelwelt vorstelle, in der er nicht so viel Training gehabt hätte, sehe ich keinen entspannteren Flusen.

Ich sehe eher einen Hund, der deutlich schwieriger geworden wäre.

Mehr Jagdthema.

Mehr Kontrollverhalten.

Mehr Stress mit fremden Hunden.

Mehr Situationen, in denen Menschen gesagt hätten: Der ist aber speziell.

Und vielleicht hatte die Züchterin genau deshalb am Anfang den richtigen Instinkt. Eigentlich sollte Flusen ja in eine Familie mit Kind gehen, und sie hat sich dann dagegen entschieden.

Das hatte sicher Gründe.

Zu wild.

Zu schnell.

Zu unberechenbar.

Zu anspruchsvoll.

Zu sehr kleiner Nerd im Fell.

Je älter er wird, desto mehr glaube ich, dass das keine Kleinigkeit war, sondern eine ziemlich kluge Entscheidung.

Wofür ich mir bis heute die Schuld gebe

Und natürlich komme ich dann sofort bei mir raus.

Habe ich alles richtig gemacht.

Habe ich etwas übersehen.

War ich zu weich, zu spät, zu unklar, zu angespannt.

Ist er noch immer so anstrengend mit fremden Hunden, weil ich an irgendeiner Stelle nicht sauber genug geführt habe.

Ist das Jagen mein Fehler.

Der hohe Erregungslevel.

Diese Momente, in denen ich ihm nicht ganz traue.

Ich gebe mir für vieles die Schuld.

Wahrscheinlich für zu vieles.

Und gleichzeitig weiß ich, dass das die Sache nicht einfacher macht, sondern nur enger.

Denn Flusen ist nicht nur das Ergebnis meiner Fehler.

Er ist auch einfach Flusen.

Mit seiner Art.

Seinem Temperament.

Seiner Schnelligkeit.

Seiner ständigen inneren Betriebsamkeit.

Seiner Mischung aus Charme, Kontrolllust und Überhitzungsbereitschaft.

Vielleicht ist genau das das Schwierige an Liebe

Vielleicht ist die ehrlichste Wahrheit weder, dass ich alles falsch gemacht habe, noch, dass alles einfach nur Rasse ist.

Wahrscheinlich ist es viel unangenehmer dazwischen.

Ein Hund mit Veranlagung.

Ein Mensch mit Unsicherheit.

Viel Training.

Viel Liebe.

Viele Fehler.

Viel Lernen.

Und trotzdem bleibt ein Wesen, das sich nicht ganz glatt trainieren lässt.

Vielleicht ist genau das das Schwierige an Liebe.

Dass ich Flusen so sehr liebe und ihn trotzdem nicht in jeder Situation blind vertrauensvoll lesen kann.

Dass ich stolz auf ihn bin und gleichzeitig Angst habe, etwas Grundsätzliches über ihn immer noch nicht ganz verstanden zu haben.

Dass ich mich frage, was in ihm angelegt war, was wir geformt haben und was vielleicht immer ein Rest bleiben wird, der sich weder sauber erklären noch ganz beruhigen lässt.

Und vielleicht ist genau das seine Wahrheit.

Nicht der einfache Hund.

Nicht der problematische Hund.

Sondern dieser sehr besondere, sehr feine, sehr anstrengende, sehr liebenswerte Hund, bei dem ich bis heute nicht sagen kann: verstanden, erledigt.

Vielleicht ist Flusen nicht dafür da, dass ich mich mit ihm sicher fühle.

Vielleicht ist er dafür da, dass ich genau hinsehe.