Tag 152 oder: Enjah generalisiert. Ich bin irritiert und ein bisschen stolz.

Neulich dachte ich noch in aller fachlichen Bescheidenheit, dass wir das mit den Autos jetzt natürlich in Ruhe werden generalisieren müssen, weil Hunde ja nicht nach drei Wiederholungen mit innerem Notizbuch durchs Leben laufen und sagen: Ah ja, verstanden, das gilt ab sofort überall.

Tja.

Enjah offenbar schon.

Einen Tag später zeigte sie nicht nur an genau derselben Stelle sofort das gewünschte Verhalten, sondern auch an anderen Stellen, wenn ein Auto kam.

Auto.

Nicht losschießen.

Sondern gewünschtes Verhalten zeigen.

Leckerli kassieren.

Man konnte ihr beim Denken fast zusehen.

Es war einer dieser Momente, in denen ich kurz sehr professionell wirken wollte, innerlich aber eher dastand wie eine Mutter, deren Kind mit drei Jahren plötzlich die Relativitätstheorie andeutet.

Schnell im Kopf, schnell an den Pfoten

Was bei ihr wirklich auffällig ist: Wenn sie etwas verstanden hat, dann arbeitet es in ihr weiter.

Nicht geschniegelt brav.

Nicht mechanisch.

Sondern lebendig.

Als würde sie nicht einfach Verhalten abspeichern, sondern Zusammenhänge bauen.

Und genau das fasziniert mich an ihr gerade so.

Sie ist nicht nur klug.

Sie ist auf eine sehr eigene Weise beteiligt.

Fast so, als hätte sie bei manchen Dingen selbst ein Interesse daran, die Welt zu durchdringen, nur leider mit der Energie einer leicht überdrehten Praktikantin auf Koffein.

Das große Thema namens Hochspringen

Was bei ihr dafür noch ein echtes Thema ist: das Hochspringen.

Wenn sie sich freut, wenn sie Nähe will, wenn sie gestreichelt werden möchte, springt sie.

Zum Glück ist sie sehr wählerisch, von wem sie überhaupt gestreichelt werden will. Fremde Menschen werden nicht angesprungen. Auch Leute, die sie nicht gut kennt, können ganz beruhigt ihre Knie behalten.

Eigentlich macht sie das nur bei uns.

Und bei Flusen.

Was ich auf eine leicht peinliche Weise rührend finde.

Denn es heißt ja auch: Ihre große Begeisterung hebt sie sich nicht für die Welt auf.

Sondern für ihr Rudel.

Flusen ist Everybody’s Darling. Enjah nicht.

Eine Freundin von Annette sagte neulich zu ihr, sie finde Flusen toller.

Ich musste darüber lachen, weil ich sofort verstand, was gemeint war.

Flusen ist sozial gesehen ein Charmeur alter Schule.

Er geht zu jedem hin.

Lässt sich von jedem streicheln.

Hat dieses leicht diplomatische Will to please, mit dem er auch fremde Menschen sehr elegant in seine kleine Fellöffentlichkeit aufnimmt.

Enjah dagegen ist anders.

Sie ist nicht die freundliche Bürgermeisterin des Dorfes.

Sie ist eher exklusiv.

Fast ein bisschen elitär, wenn man so will.

Nicht im unangenehmen Sinn.

Eher im Sinne von: Mein Herz ist kein Streichelzoo, vielen Dank.

Uns gegenüber ist sie dafür umso besonderer.

So nah.

So eng.

So sehr auf Verbindung aus.

Sie kann oft gar nicht dicht genug bei uns sein, als wolle sie sicherstellen, dass zwischen ihr und uns nicht einmal ein Blatt Papier, ein Luftmolekül oder ein schlecht gelaunter Gedanke passt.

Enjah in der Schlafbox und die tägliche Siegesbilanz

Ich bin inzwischen außerdem ziemlich sicher, dass Enjah abends in ihrer Schlafbox eine kleine Auswertung macht.

Vielleicht ist das sogar der wahre Grund, warum wir sie dort manchmal so tief seufzen hören.

Nicht Erschöpfung.

Nicht Welpenmüdigkeit.

Mitleid.

Schlichtes, schweres Mitleid mit uns.

Ich stelle mir vor, wie sie da liegt wie eine sehr kleine Controllerin nach Feierabend, innerlich das Klemmbrett auspackt und den Tag bilanziert.

Hochgesprungen und trotzdem irgendwie Nähe, Aufmerksamkeit oder ein Leckerli abgestaubt: ein Strich für Enjah.

Lieb geguckt, sehr lieb geguckt, unanständig lieb geguckt, und jemand wurde weich: ein Strich für Enjah.

Dreimal aus der Küche geschickt worden und beim vierten Versuch wieder dekorativ mitten im Geschehen gestanden: ein weiterer Strich für Enjah.

Flusen kurz genervt, aber nicht nachhaltig vertrieben: halber Extrapunkt.

Menschen erfolgreich in dem Glauben gelassen, sie würden hier mit Klarheit, Konsequenz und guter Führung arbeiten: Tagesbonus.

Und dann dieses Seufzen aus der Box.

Dieses lange, tragische, fast erwachsene Ausatmen, bei dem man früher dachte: Ach, wie müde sie ist.

Inzwischen glaube ich eher, sie liegt da und denkt:
Es ist nicht leicht mit ihnen.
Sie geben sich Mühe.
Aber sie sind auch nur Menschen.

Bis jetzt sieht die Siegesliste jedenfalls recht eindeutig aus.

Und ich fürchte, sie weiß das sehr genau.

Therapiehund oder Tanzmaus

Und genau deshalb bin ich auf Mittwoch jetzt noch neugieriger.

Auf ihr kleines Vorstellungsgespräch, ob sie Therapiehund werden darf.

Wobei ich im Moment schon wieder anfange, in andere Richtungen zu denken.

Vielleicht doch Dogdancing.

Vielleicht doch erst einmal Tricksenkurs.

Viel Shaping.

Viel gemeinsames Tüfteln.

Viel von dieser Arbeit, die ihr kluges kleines Gehirn liebt und ihr gleichzeitig einen Rahmen gibt.

Die Vorstellung, mit ihr irgendwann Dogdancing zu machen, finde ich ehrlich gesagt ziemlich schön.

Auch, weil ich sie dann offiziell dafür bewundern dürfte, dass sie mich vermutlich in kürzester Zeit intellektuell deklassiert.

Und gleichzeitig hätte ich sie natürlich auch sehr gern bei meinen Workshops dabei.

Es bleibt also spannend.

Mit Enjah ist gerade vieles möglich.

Und das ist vermutlich genau das Schönste und Anstrengendste zugleich.

Dass man bei ihr nie ganz weiß, ob sie als Nächstes Therapiehund, Tanzpartnerin oder einfach wieder eine sehr liebevolle kleine Strategin mit Privatagenda sein wird.