Tag 151 oder: Wenn Enjah kurz den Verstand verliert, weil Flusen weg ist

Die Sache mit den Autos, Zügen und kleinen inneren Jagdprogrammen

Gestern habe ich mit Enjah auf dem gemeinsamen Nachmittagsspaziergang mit Flusen trainiert.

Im Moment hat sie dieses sehr spezielle Hobby, bei vorbeifahrenden Autos oder an der Bahnlinie beim Zug massiv in die Leine zu gehen. Nicht aus Bosheit. Nicht, weil sie mich demütigen will. Sondern weil Bewegung für so ein junges Aussie Gehirn ungefähr das ist, was für mich ein offener Gedanke ist: sofort interessant, sofort relevant, sofort mit vollem Körpereinsatz zu beantworten.

Natürlich ist sie an der Leine.

Und gleichzeitig mag ich mich darauf nicht ausruhen. Denn Leinen sind ja keine göttlichen Naturgesetze. Sie können reißen, aus der Hand rutschen, sich blöd verhaken, das Leben kann in genau dem Moment irgendeine absurde Improvisation einbauen. Und ich habe von einer Kollegin die Geschichte gehört, dass genau so etwas schlimm endete. Seitdem ist für mich klar: Das muss trainiert werden. Nicht hysterisch. Aber ernsthaft.

Was ich eigentlich gemacht habe

Also habe ich mich mit ihr an eine dosiert befahrene Straße gestellt. Nicht zu viel Verkehr, nicht zu wenig. Gerade so, dass immer wieder ein neues Auto auftaucht und damit auch immer wieder eine neue Gelegenheit, dieselbe Frage zu stellen.

Die Frage war nicht: Kannst du brav sein.

Die Frage war: Was machst du mit dir, wenn etwas dich maximal reizt.

Jedes Mal, wenn ein Auto kam und sie losschießen wollte, habe ich sie klar korrigiert. Antippen. Präsenz. Stimme. Haltung. Kein Drama, kein Geschimpfe, kein großer moralischer Vortrag. Einfach ein sehr deutliches: Das will ich nicht.

Das habe ich drei Mal wiederholt.

Dann kam der interessante Teil.

Beim nächsten Auto blieb sie stehen und sah mich an.

Jackpot.

Für sie.

Für Flusen gleich mit, denn Mitverdienen ist in unserem Rudel ein sehr beliebtes Konzept.

Beim nächsten Mal blieb sie sogar vor mir sitzen.

Wieder Jackpot.

Das haben wir dann noch ein paar Mal wiederholt und sind weitergegangen.

Wichtig ist dabei ja: Sie hat es nicht endgültig gelernt. Sie hat es in diesem Moment verstanden. Jetzt kommt das, was immer so unspektakulär klingt und in Wahrheit die eigentliche Arbeit ist: Generalisieren. Andere Straßen. Andere Situationen. Gleiche Idee. Gleiche Klarheit. Gleiche Frage an ihr kleines, sehr lebendiges Nervensystem.

Ein bisschen Shaping, ein bisschen Führung, kein Zauber

Im Prinzip habe ich etwas in Richtung Shaping gemacht, nur nicht in der geschniegelt reinen Lehrbuchvariante, bei der man still wartet, bis der Hund zufällig den Weg zur Erleuchtung findet.

Ich habe ihr erst deutlich gesagt, was ich nicht will.

Und dann habe ich sie selbst herausfinden lassen, welche Haltung für uns beide funktioniert.

Sie musste mich nicht anschauen.

Sie musste nicht geschniegelt neben mir sitzen wie eine kleine Hundediplomatin.

Sie durfte stehen.

Sie durfte sitzen.

Sie durfte atmen, denken, existieren.

Nur eines durfte sie nicht: auf das bewegte Objekt zustürmen.

Und genau das ist für mich oft der entscheidende Punkt. Nicht ein bestimmtes Bild erzwingen, sondern einen sinnvollen Rahmen setzen, in dem der Hund selbst eine gute Lösung finden kann.

Ich mag das, weil es nicht nur Gehorsam erzeugt, sondern Verstehen.

Was Erfahrung eigentlich ist

Und während ich das mit Enjah gemacht habe, wurde mir wieder klar, wie viel ich bei Flusen nicht wusste.

Nicht theoretisch nicht wusste.

Sondern praktisch.

Wie korrigiere ich so, dass der Hund es versteht und nicht einfach nur irgendetwas Unangenehmes erlebt.

Wie oft wiederhole ich etwas.

Wann ist schon der richtige Moment für den Jackpot.

Wann warte ich noch.

Wann helfe ich.

Wann nehme ich Druck raus.

Wann bleibe ich deutlicher.

Das klingt für Hundetrainer vermutlich wie Lektion eins.

Für mich fühlt es sich eher an wie: Ah, so fühlt sich also Erfahrung an, wenn sie nicht mehr geschniegelt Theorie heißt, sondern in den Händen sitzt.

Bei Flusen habe ich mich so oft verloren gefühlt.

Wirklich verloren.

Mein Selbstwirksamkeitserleben war damals nicht niedrig. Es war im Keller. Ohne Licht. Ohne WLAN. Ohne Notausgang.

Ich wusste oft nicht, was ich tun sollte. Ich verstand ihn nicht. Oder nicht schnell genug. Und das war frustrierend auf eine Weise, die nur Menschen kennen, die etwas sehr richtig machen wollen und trotzdem ständig das Gefühl haben, im falschen Film gelandet zu sein.

Ich glaube inzwischen wirklich, dass man manches nicht vollständig beigebracht bekommt.

Man kann Techniken lernen.

Man kann Prinzipien verstehen.

Aber dieses Wie geht es jetzt hier genau, mit genau diesem Hund, in genau diesem Moment, das lernt man wahrscheinlich nur mit Hunden. Mit Fehlern. Mit Wiederholungen. Mit peinlichen Irrtümern. Mit dem ersten Hund, an dem man innerlich fünfmal scheitert, um beim zweiten plötzlich zu merken, dass der eigene Blick ganz anders geworden ist.

Und dann kommt noch die Rasse dazu. Und die Frage, wie viel sie einem verzeiht.

Bei Flusen hatten wir Glück.

Und Beständigkeit.

Und einen gewissen Bildungswahnsinn, denn ich war mit ihm in den ersten drei Jahren gefühlt permanent in mindestens zwei Ausbildungen gleichzeitig. Rückblickend war ich also entweder sehr engagiert oder schon damals leicht trainingssüchtig. Vermutlich beides.

Bei Enjah wird manches leichter sein.

Nicht alles.

Aber manches.

Weil ich inzwischen mehr sehe.

Und weil sie auch einfach anders gebaut ist, innerlich wie äußerlich.

Mittwoch hat sie ihr Vorstellungsgespräch, ob sie Therapiehund werden darf. Allein dieser Satz klingt, als hätte mein Hund einen Termin beim Personalrat. Ich bin sehr gespannt.

Flusen ist weg. Das ist keine Übung.

Und dann gab es gestern noch diese eine Szene, die mein Herz gleichzeitig gerührt und zum Lachen gebracht hat.

Bei meinen Eltern gibt es diesen riesigen Garten. Ganz hinten steht ein Gartenhaus, um das man herumlaufen kann, dahinter Gestrüpp, Bäume, Nachbargrundstücke, und ganz hinten rechts wohnt Nelli.

Flusen lief nach hinten, Richtung Nelli.

Enjah natürlich hinterher.

Nur war sie nicht schnell genug und hat nicht gesehen, dass er ganz hinten rechts abgebogen ist. Sie dachte offenbar, er wäre einfach ums Gartenhaus gelaufen.

Dann begann ihr kleiner innerer Krisenstab zu arbeiten.

Sie lief allein ein paar Mal ums Gartenhaus.

Blieb stehen.

Guckte.

Lief wieder.

Sah zu uns rüber mit diesem sehr deutlichen Gesichtsausdruck von: Hallo? Flusen ist verschwunden. Warum handelt hier niemand? Ist das euer Ernst? Wir müssen Suchmaßnahmen einleiten.

Sie wirkte wirklich kurz verloren.

Nicht dramatisch im großen Sinn. Aber doch so, dass klar war: Der wichtige andere Hund ist weg, und das ist mit ihrer Vorstellung von Welt gerade nicht gut vereinbar.

Und als er dann wieder auftauchte, war die Freude riesig.

Diese ehrliche, ungefilterte, fast rührende Freude darüber, dass etwas, das kurz verloren schien, wieder da ist.

Ich fand das sehr süß.

Und auch sehr entlarvend.

Denn am Ende trainieren wir hier zwar Autos, Züge, Reize, Impulskontrolle und kleine Aussie Nervensysteme.

Aber darunter läuft die ganze Zeit ja noch etwas anderes.

Bindung.

Orientierung.

Dieses leise Rudelwissen, wer zu wem gehört.

Und manchmal zeigt sich das eben nicht in großen Momenten.

Sondern in einem Junghund, der ein paar Mal ums Gartenhaus läuft und sehr deutlich findet, dass Flusen jetzt bitte sofort wieder auftauchen sollte.