Tag 148 oder: Vielleicht ist ein perfekter Tag nur einer, der nichts von mir will
Ich frage mich, wie ein perfekter Tag eigentlich wäre.
Und schon bei der Frage merke ich, dass Perfektion bei mir erstaunlich wenig mit Glanz zu tun hat und sehr viel mit Erlaubnis.
Ein perfekter Tag würde nicht an mir zerren.
Er würde nicht mit To dos vor der Tür stehen wie ein schlecht gelaunter Paketbote des Erwachsenseins.
Er würde mich in Ruhe lassen.
Früh am Morgen wären wir schon draußen. Annette, Flusen, Enjah und ich. Sonnenaufgang. Dieses Licht, das noch nichts von einem will und gerade deshalb so großzügig wirkt.
Wir würden schweigend gehen.
Nicht, weil nichts zu sagen wäre, sondern weil nicht jedes Schöne sofort in Sprache überführt werden muss, um wahr zu sein.
Flusen wäre an diesem Tag nicht der kleine Innenminister am Gartenzaun, sondern weich. Fast jungenhaft. Einer, der nicht verwaltet, sondern einfach mitläuft.
Und Enjah wäre ausgerechnet dann überraschend, wenn sie nicht überrascht.
Nicht Rakete. Nicht kleine Anarchistin mit Fell. Sondern stiller, als sie es sonst ist. So, als hätte selbst in ihr etwas begriffen, dass ein perfekter Tag nicht davon lebt, dass immer etwas passiert, sondern davon, dass nichts weg muss.
Danach Frühstück.
Ein richtiges Frühstück.
Annettes Brot. Mein Lieblingsmüsli. Mein Lieblingskäse. Tee, natürlich Tee.
Und dieses seltene Gefühl, dass niemand gleich wieder aufspringen muss, um irgendwo nützlich zu sein.
Vielleicht ist das überhaupt der Kern.
Dass ein perfekter Tag keiner ist, an dem alles gelingt.
Sondern einer, an dem nichts bewiesen werden muss.
Später säße ich im Garten und hörte ein Hörbuch. Nicht nebenbei. Nicht als Geräuschkulisse für mein inneres Weiterarbeiten. Sondern wirklich. Ich würde hören und dabei die Hunde streicheln, als sei genau das eine vollwertige Tätigkeit und nicht bloß die Wartehalle zur Produktivität.
Irgendwann hätte ich Lust, etwas zu schreiben oder zu programmieren.
Nicht aus Druck.
Nicht, weil ich sollte.
Sondern weil die Freude irgendwann von selbst aufsteht und sagt: So, jetzt möchte ich auch noch kurz mitmachen.
Nachmittags gäbe es Lieblingseis.
Abends eine große Salatplatte mit allem.
Und später säßen wir wieder draußen und würden dem Tag dabei zusehen, wie er leise aus dem Licht geht.
So einfach wäre das.
Und gleichzeitig ist es gar nicht einfach.
Denn selbst dieser schlichte perfekte Tag braucht ja schon erstaunlich viel.
Wetter.
Zeit.
Ruhe.
Gesundheit.
Ein gutes Miteinander.
Keine schlechte Nachricht.
Kein inneres Ziehen.
Kein äußerer Lärm.
Vielleicht berührt mich genau das so.
Dass Perfektion oft gar nicht daran scheitert, dass sie zu groß wäre, sondern daran, dass Leben so viele kleine Bedingungen hat, unter denen es weich werden darf.
Und doch glaube ich, das ist nicht die ganze Wahrheit.
Denn wenn ich ehrlich bin, fehlen perfekte Momente nicht nur, weil die Umstände nicht stimmen.
Sie fehlen oft, weil ich nicht da bin.
Weil der Tag rast und ich mitraste.
Weil mein Kopf schon wieder im Danach sitzt.
Im Ich muss noch.
Im Wie war ich.
Im Was kommt als Nächstes.
Der Moment hat dann keine Chance.
Er steht kurz vor mir, ganz unspektakulär, mit Sonnenflecken auf dem Boden, einem Hundekopf auf meinem Knie und Tee in der Hand, und ich räume ihn weg, weil ich gedanklich schon beim Abend, beim Beruflichen, beim nächsten inneren Tagesordnungspunkt bin.
Vielleicht ist das das eigentliche Drama.
Nicht, dass das Schöne selten wäre.
Sondern dass es so leise eintritt.
Und dass wir Menschen auf laute Katastrophen und große Aufgaben viel besser trainiert sind als auf stilles Glück.
Stilles Glück hat keine Ellenbogen.
Es klopft nicht.
Es sitzt einfach schon da und hofft, dass wir es bemerken.
Vielleicht ist ein perfekter Tag deshalb auch so rührend, weil er uns zeigt, wie wenig wir in Wahrheit brauchen und wie schlecht wir oft darin sind, genau das gelten zu lassen.
Nicht mehr.
Nicht höher.
Nicht weiter.
Nur dies.
Das Rudel vollständig.
Zeit, die nicht drängt.
Ein Tag, der nicht genutzt werden will.
Und ich glaube, das Spannende ist: Gerade weil so ein Tag nicht festzuhalten ist, ist er vollkommen.
Er ist schön, weil er vergeht.
Er berührt, weil er nicht bleibt.
Vielleicht ist Perfektion nie Besitz.
Vielleicht ist sie immer nur Begegnung.
Ein kurzer Moment, in dem nichts fehlt und ich das ausnahmsweise auch merke.
Und vielleicht wäre das dann meine eigentliche Erkenntnis:
Dass ein perfekter Tag nicht dadurch perfekt wird, dass alles mitspielt.
Sondern dadurch, dass ich für ein paar Stunden aufhöre, gegen das Leben zu arbeiten.
Dass ich mich nicht zerstreue.
Nicht vorauseile.
Nicht innerlich schon wieder verschwinde.
Sondern bleibe.
Mit Annette.
Mit Flusen.
Mit Enjah.
Mit Tee.
Mit Himmel.
Und mit diesem schwer auszuhaltenden, wunderschönen Gefühl, dass es gerade reicht.
Vielleicht sogar mehr als reicht.