Tag 147 oder: Es gibt Räume, die einen anschauen

Mein Arbeitszimmer, in dem Müdigkeit und Größenwahn sich die Hand geben

Es gibt Räume, die betrete ich nicht einfach.

Ich werde von ihnen empfangen wie von einer alten Bekannten, die sehr genau weiß, wer ich bin, auch wenn ich mir morgens noch etwas vormache.

Mein Arbeitszimmer ist so ein Raum.

Von außen betrachtet vermutlich ein Zimmer mit Schreibtisch, Büchern, Laptop und jener Art von halbwegs ziviler Ordnung, die suggeriert, hier arbeite eine seriöse Frau an wichtigen Dingen.

Von innen betrachtet ist es eher die Zentrale meines gepflegten Wahnsinns.

Dort sitzen Denken, Schreiben, Masterarbeit, Workshops, Bücher, Müdigkeit und Größenwahn an einem Tisch und tun so, als seien sie ein Team.

Morgens gehe ich hinein mit dem Vorsatz, konzentriert zu arbeiten.

Zehn Minuten später starre ich abwechselnd auf Code, auf einen Satzanfang, auf ein offenes Buch, auf meinen Kalender und auf mein eigenes Leben, als hätte ich versehentlich fünf Berufe gleichzeitig begonnen.

Mein Arbeitszimmer kennt mich in meiner schönsten Selbsttäuschung.

Dieser Raum hat schon oft gesehen, wie ich mich mit der Würde einer intellektuellen Feldherrin an den Schreibtisch setze und innerlich sofort zu einer leicht überforderten Hamsterdame im Ideenrad werde.

Ich lese.

Ich denke.

Ich schreibe.

Ich google.

Ich lösche wieder.

Ich habe große Erkenntnisse, die sich zwölf Minuten später als übermüdete Luftnummern entpuppen.

Und mittendrin diese sehr besondere Arbeitszimmer Stimmung, in der ich mich regelmäßig für eine Mischung aus Virginia Woolf, IT Support und leicht erschöpfter Eule halte.

Mein Arbeitszimmer ist der einzige Ort, an dem ich gleichzeitig das Gefühl haben kann, Großes zu schaffen und komplett den Überblick verloren zu haben.

Es ist ein Raum zwischen Konzentration und innerem Zersiedeln.

Ein Zimmer, in dem mein Gehirn manchmal wie eine sehr ambitionierte Kleinstadt aussieht, in der alle Baustellen gleichzeitig eröffnet wurden.

Und trotzdem liebe ich es.

Vielleicht gerade deshalb.

Weil es keine glatte Bühne ist.

Eher ein ehrlicher Raum.

Einer, der mich nicht für geordneter hält, als ich bin.

Der Garten, in dem Flusen Innenminister ist und Enjah eher ein Naturereignis

Dann gibt es den Garten.

Ach, den Garten.

Wenn mein Arbeitszimmer die Zentrale meines Denkens ist, dann ist der Garten das Außenministerium unserer vierbeinigen Parallelgesellschaft.

Für Flusen ist der Garten nämlich nicht einfach ein Garten.

Er ist Zuständigkeitsbereich.

Grenzraum.

Territoriale Oper.

Ein kleines Königreich mit Zaun.

Flusen läuft dort mit der Ernsthaftigkeit eines Mannes, der sehr wichtige Staatsgeschäfte zu erledigen hat, obwohl sie im Kern daraus bestehen, nach links zu schauen, nach rechts zu schauen und dann sehr klar mitzuteilen, dass hier keinesfalls irgendeine Hecke spontan politische Eigenständigkeit entwickeln sollte.

Er bewegt sich dort nicht.

Er regiert.

Mit Fell.

Mit Pfote.

Mit jener stillen Entschlossenheit, die nur Wesen haben, die genau wissen, dass sie recht haben, auch wenn niemand gefragt hat.

Enjah dagegen liest denselben Garten völlig anders.

Wo Flusen Grenze sieht, sieht sie Gelegenheit.

Wo er Territorium sieht, sieht sie Actionfläche.

Wo er markiert, experimentiert sie.

Wo er kontrolliert, explodiert sie.

Für Enjah ist der Garten kein politischer Raum, sondern ein Abenteuerspielplatz mit eingebautem Überraschungsmanagement.

Sie bewegt sich durch dieses Grün wie eine, die von einem geheimen Ausschuss beauftragt wurde, jedem Blatt, jedem Schatten und jeder Bewegung sofort nachzugehen, falls das Universum irgendwo Spaß versteckt hat.

Flusen ist im Garten eine Mischung aus Sicherheitsdienst und beleidigtem Landadel.

Enjah eher ein Komet mit Pfoten.

Und ich stehe dazwischen.

Mit meinem Kaffee.

Mit meinen pädagogischen Ambitionen.

Mit dem festen Willen, ruhig und klar zu bleiben.

Und bin oft nur zwei Atemzüge davon entfernt, innerlich eine Pressekonferenz einzuberufen.

Es ist ein sehr demütigender Raum, dieser Garten.

Weil er kein bisschen daran interessiert ist, wie reflektiert ich bin.

Dort zählt nicht mein Innenleben.

Dort zählt Timing.

Grenze.

Aufmerksamkeit.

Und die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass zwei Hunde aus demselben Grundstück zwei völlig verschiedene Weltmodelle machen können.

Manchmal denke ich, der Garten weiß mehr über uns als jeder Persönlichkeitstest.

Flusen sagt dort: Ordnung.

Enjah sagt: Oh.

Und ich sage meistens: Bitte nicht gleichzeitig.

Annettes Werkstatt, in der Dinge ehrlicher werden als Worte

Und dann ist da noch Annettes Werkstatt.

Ich liebe diesen Raum auf eine ganz andere Weise.

Vielleicht, weil dort etwas geschieht, das mich tief beeindruckt und gleichzeitig leicht einschüchtert.

Dort entsteht Kunst.

Nicht in dieser aufgeräumten, dekorativen Form von ach wie schön.

Sondern in dieser echten, seltsamen, manchmal wilden Weise, in der Material plötzlich mehr Wahrhaftigkeit hat als ein ganzer Stapel kluger Sätze.

Ich habe ja beruflich ein sehr enges Verhältnis zu Sprache.

Ich rede.

Ich frage.

Ich formuliere.

Ich ordne.

Ich denke mich durch Dinge hindurch wie jemand, der überzeugt ist, dass man mit genügend Intelligenz und drei guten Metaphern fast alles irgendwie halten kann.

Und dann gibt es diese Werkstatt.

Dort stehen Dinge herum, aus denen etwas wird.

Nicht theoretisch.

Nicht konzeptionell geschniegelt.

Sondern wirklich.

Holz, Farbe, Material, Form, Spuren, Hände.

Während ich in meinem Arbeitszimmer oft stundenlang auf einen Absatz starre, als müsse ich ihn erst therapeutisch begleiten, bevor er sich zeigt, entsteht dort etwas auf eine viel körperlichere Art.

Das fasziniert mich.

Und macht mich nebenbei zu einem etwas lächerlichen Wesen, das in Gegenwart echter künstlerischer Arbeit sofort wirkt wie die Frau aus der Verwaltung des eigenen Innenlebens.

Annettes Werkstatt hat diese eigenartige Ruhe, die Räume haben, in denen nicht dauernd an der Selbstoptimierung herumgedoktert wird, sondern an einer Sache.

Dort ist nichts geschniegelt.

Dort wird gemacht.

Gesucht.

Verworfen.

Neu begonnen.

Und alles hat dabei mehr Würde als ich an einem Dienstagvormittag vor meinem Bildschirm.

Wenn ich diese Werkstatt betrete, merke ich immer wieder, dass auch Räume eine Haltung haben.

Mein Arbeitszimmer sagt: Denk noch mal.

Der Garten sagt: Reagiere sofort.

Die Werkstatt sagt: Hör auf, so kompliziert zu sein und nimm das Material ernst.

Das Kränkende ist leider, dass die Werkstatt damit oft recht hat.

Vielleicht verraten Räume uns, bevor wir selbst es tun

Vielleicht mag ich genau deshalb den Gedanken, dass Räume eine Persönlichkeit haben.

Weil sie nicht neutral sind.

Weil sie etwas aus uns machen.

Oder etwas aus uns herausholen, das ohnehin schon da war.

Mein Arbeitszimmer macht aus mir eine Frau mit offenen Tabs und geschlossenen Nerven.

Der Garten macht aus Flusen einen Innenminister und aus Enjah eine sehr kleine Form von Wetter.

Annettes Werkstatt macht sichtbar, dass Kunst vermutlich oft ehrlicher ist als mein ganzer innerer Erklärbär.

Und vielleicht ist das überhaupt das Schönste an Räumen.

Dass sie nicht nur Kulissen sind.

Sie schauen zurück.

Sie sehen uns in unseren Lieblingsrollen und in unserem lächerlichsten Ernst.

Sie wissen, wo wir groß werden und wo wir uns aufblasen.

Wo wir weich sind.

Wo wir schnell werden.

Wo wir uns wichtig nehmen und wo wir plötzlich echt sind.

Vielleicht habe ich deshalb so gern Räume mit Charakter.

Weil sie mich daran erinnern, dass auch ich einer bin.

Nicht immer souverän.

Nicht immer aufgeräumt.

Aber immerhin in guter Gesellschaft.

Mit einem Schreibtisch voller Größenwahn, einem Garten voller Fellpolitik und einer Werkstatt, in der Dinge entstehen, während ich noch über den richtigen Satz nachdenke.