Tag 146 oder: Wie ich mich in eine Hundepfote verliebe und dabei etwas über Freiheit lerne
Die Pfote
Wie verrückt man als Hundemensch sein kann, zeigt sich bei mir inzwischen an sehr kleinen Dingen.
An einer Pfote zum Beispiel.
Enjah hat diese eine Pfote, und jedes Mal, wenn sie vor mir steht, mich von unten mit ihren Augen ansieht und ich auf diese Pfote schaue, bin ich verloren. Nicht metaphorisch. Wirklich verloren. Mein Gehirn klappt dann ungefähr so elegant zusammen wie ein Gartenstuhl im falschen Moment.
Ich sehe diese kleine Pfote und denke: Wie ist es bitte möglich, dass so viel Liebe in so wenig Hund passt.
Es ist unerquicklich, wie tief man emotional sinken kann, wenn man beginnt, Gliedmaßen einzelner Hunde gesondert zu verehren.
Aber so ist es nun einmal.
Und Enjah hilft da auch nicht gerade mit nüchterner Sachlichkeit nach. Sie kuschelt auf eine Weise, die jedes Restgefühl von persönlicher Abgrenzung zuverlässig pulverisiert. Sie kommt, drückt ihren Kopf in mich hinein, so eng, dass wirklich kein Blatt mehr dazwischengeht, und bleibt dann einfach.
Nicht kurz.
Nicht höflich.
Sondern richtig.
Als wolle sie sagen: Ich bin jetzt hier, und zwar bis auf Weiteres in deinem Brustkorb.
Pubertätssymptome zeigt sie bisher kaum. Was mich misstrauisch macht, ehrlich gesagt. So eine Ruhe vor dem Sturm hat ja oft etwas von einer schlecht gelaunten Wetter-App. Aber im Moment ist sie vor allem zärtlich. Sehr zärtlich. Eine kleine, anschmiegsame Naturgewalt mit Pfote.
Der Raum dazwischen
Ich lese gerade Viktor Frankl.
Beziehungsweise lese ich ihn jetzt auch deshalb, weil Annette mir wieder einmal einen Gedanken hingestellt hat, an dem ich geistig nicht vorbeikomme. Ich wäre ohne ihre Impulse vermutlich deutlich schmalspuriger unterwegs, innerlich so ein bisschen Regionalbahn statt Fernverkehr.
Dieser Satz jedenfalls, den ich in fast jedem Workshop zitiere, stammt von Frankl. Ich wusste das bis vor ein paar Tagen gar nicht.
Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum.
Ich glaube, genau diesen Raum versuche ich in meinen Workshops ständig zu vergrößern.
Nicht theoretisch.
Nicht geschniegelt.
Sondern so, dass Menschen ihn wirklich spüren.
Mehr Luft zwischen dem, was passiert, und dem, was sie daraus machen.
Mehr Zeit zwischen Kränkung und Gegenangriff.
Mehr Bewusstsein zwischen Gefühl und Gewohnheit.
Mehr inneren Flur, bevor wieder einer mit den nassen Schuhen durchs Wohnzimmer der Kommunikation trampelt.
Ich möchte keinen perfekten Menschen aus irgendwem machen.
Ich möchte nur, dass nicht immer gleich das alte Drehbuch übernimmt.
Dass eine Reaktion nicht automatisch wie ein Reflex aus dem Automaten fällt, sondern dass für einen Moment etwas anderes möglich wird.
Ein Blick.
Ein Atemzug.
Ein kleines inneres Warten.
Vielleicht ist Freiheit manchmal gar nichts Großes.
Vielleicht ist Freiheit nur dieser eine zusätzliche Zentimeter zwischen Impuls und Handlung.
Wenn Trösten nicht nur lieb ist
Parallel höre ich noch ein anderes Buch, und dort begegnete mir wieder ein Gedanke, den ich schon einmal gehört hatte und der mich damals wie heute irritiert.
Dass Trösten auch Gewalt sein kann.
In meiner Dagmar-Übersetzung heißt das ungefähr: Weil ich es selbst nicht gut aushalte, wenn mein Gegenüber leidet, versuche ich, schnell etwas zu sagen oder zu tun, das es besser machen soll.
Ich will dann nicht nur helfen.
Ich will oft auch mich entlasten.
Ich will, dass es wieder heller wird, schneller leichter, emotional aufgeräumter. Nicht selten mit der subtilen Botschaft: Könntest du bitte bald wieder ein Zustand sein, mit dem ich besser zurechtkomme.
Das ist unangenehm, weil es so menschlich ist.
Und weil darin zugleich etwas steckt, das ich wirklich wichtig finde: Wenn ich immer nur versuche, unangenehme Gefühle wegzutrösten, signalisiere ich indirekt, dass sie nicht ganz in Ordnung sind.
Dass Traurigkeit bitte nicht zu lang dauern sollte.
Dass Wut möglichst freundlich verpackt werden muss.
Dass Verzweiflung zwar kurz gezeigt, aber dann auch bitte zeitnah wieder eingesammelt gehört.
Wir lernen früh, dass wir vor allem dann angenehm sind, wenn wir freundlich, stabil und halbwegs sonnig wirken.
Aber was ist mit dem Rest.
Darf alles da sein.
Wirklich alles.
Nicht nur akzeptiert in diesem leicht zähneknirschenden Sinn von na gut, dann eben auch noch das.
Sondern willkommen.
Auch das Schräge.
Das Ungeduldige.
Das Bedürftige.
Das Wütende.
Das Beschämte.
Da liegt für mich ein riesiger Unterschied.
Ob ich etwas in mir nur dulde wie einen ungebetenen Gast auf der Couch.
Oder ob ich sage: Ja, auch du gehörst hierher.
Flusen, Enjah und mein kleiner Größenwahn
Und dann denke ich natürlich an Flusen und Enjah.
Denn dort lerne ich das täglich auf eine Weise, die mich mal rührt und mal dezent in den Wahnsinn treibt.
Wenn ich bei ihnen etwas beobachte, das ich nicht optimal finde, irgendein Verhalten, irgendeine Reaktion, irgendein Leiden, dann mache ich daraus schnell etwas über mich.
Zu schnell.
Dann wird aus ihrem Erleben plötzlich mein Versagen.
Aus ihrer Aufregung mein Defizit.
Aus ihrem Verhalten ein stiller Beweis dafür, dass ich offenbar wieder irgendwo nicht gut genug geführt, begrenzt, geatmet, begleitet oder sonst wie pädagogisch geglänzt habe.
Es ist erstaunlich, wie schnell mein Gehirn bereit ist, alles auf meine persönliche Verantwortungsbühne zu ziehen und dort ein kleines Schuldmusical aufzuführen.
Dabei nehme ich dem Gegenüber in genau diesem Moment etwas Wichtiges weg.
Sein eigenes Sein.
Seine eigene Logik.
Seine eigene Perspektive auf die Welt.
Denn Flusen und Enjah tun Dinge nicht, um mein Selbstbild zu kommentieren.
Sie tun Dinge, weil es aus ihrer Sicht gerade sinnvoll ist.
Weil es ihrer inneren Lage entspricht.
Weil sie Hund sind und nicht mein persönliches Kompetenzfeedback in Fellform.
Das heißt natürlich nicht, dass ich jetzt alles laufen lasse und den beiden feierlich mitteile, sie dürften ab sofort als kleine anarchische Waldgeister durchs Leben tanzen.
Um Himmels willen.
Wenn wir sie nicht täglich begrenzen würden, würden sie uns mit großer Hingabe auf dem Kopf herumspringen und dabei vermutlich noch charmant gucken.
Natürlich brauchen sie Führung.
Natürlich brauchen sie Grenzen.
Natürlich ist Erziehung wichtig.
Aber ihr Verhalten ist nicht automatisch mein Scheitern.
Manches ist einfach Verhalten.
Manches ist Stress.
Manches ist Temperament.
Manches ist Entwicklung.
Manches ist schlicht ein Dienstag.
Vielleicht ist Liebe genau das
Vielleicht ist Liebe gar nicht, alles richtig zu machen.
Vielleicht ist Liebe eher, den anderen in seinem Erleben ernst zu nehmen, ohne sofort aus allem ein Urteil über mich zu bauen.
Nicht wegtrösten.
Nicht wegoptimieren.
Nicht alles persönlich nehmen wie eine sehr eitle Königin im emotionalen Staatsbesuch.
Sondern da sein.
Klar sein.
Führen, wenn nötig.
Halten, wenn möglich.
Und anerkennen, dass auch bei Flusen und Enjah manches einfach da sein darf, ohne dass ich sofort innerlich das Formular meines eigenen Versagens ausfülle.
Vielleicht ist das dieser Raum, von dem Frankl spricht.
Nicht nur zwischen Reiz und Reaktion.
Sondern auch zwischen Beobachtung und Selbstanklage.
Ein Raum, in dem ich für einen Moment nicht sofort gegen mich sein muss.
Und dann steht Enjah wieder vor mir, schaut mich an, hebt diese eine Pfote in mein Blickfeld, und ich denke: Gut. Vielleicht lerne ich das alles doch. Langsam. Pfotenweise.