Tag 143 bis 145 oder: Wie selten es ist, dass ein Mensch sich wirklich verschiebt

Drei Tage Klinik und ich mittendrin wie ein leicht gerührter Bauklotz

Die letzten drei Tage in der Klinik waren unfassbar schön.

Nicht spektakulär im lauten Sinn. Keine Feuerwerke, keine großen Bühnenmomente, kein pädagogischer Moonwalk.

Eher diese stille, dichte, fast zärtliche Form von Schönheit, die entsteht, wenn Menschen sich wirklich einlassen.

Ich hatte Workshops.

Ich hatte Lego Serious Play.

Ich hatte Teilnehmende, die bereit waren, nicht nur mitzumachen, sondern sich tatsächlich zu zeigen.

Und ich saß da wieder einmal mit diesem Gefühl, das mich in solchen Momenten so zuverlässig heimsucht:
dass ich zwar den Workshop leite, aber sehr oft die bin, die am meisten lernt.

Das ist einer der demütigeren Teile meiner Arbeit.

Und auch einer der schönsten.

Meine offizielle Legosteinwürdigkeit

Und ja, ich habe es tatsächlich geschafft.

Ich habe meine Facilitator Ausbildung als Lego Serious Play Facilitator abgeschlossen.

Allein dieser Satz klingt in meinen Ohren immer noch ein bisschen so, als hätte ich endlich die offizielle Erlaubnis bekommen, beruflich mit kleinen bunten Steinen in existenziell relevante Tiefen hinabzusteigen.

Was, ehrlich gesagt, gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist.

Ich durfte Teile meiner Anleitung im Workshop filmen und habe das dann als letzte Aufgabe eingereicht.

Damit war sie plötzlich fertig, diese Sache, die innerlich schon lange halb in meinem Regal stand, aber offiziell noch mit offenem Karton im Flur herumlag.

Ich war erleichtert.

Und ein bisschen stolz.

Und auch leicht belustigt darüber, dass manche Abschlüsse bei mir eben nicht mit Trompeten kommen, sondern mit Uploadbutton, Restnervosität und dem stillen Wunsch, dass bitte niemand mehr noch ein zusätzliches Formular erfindet.

Was mich an Menschen immer wieder rührt

Was mich in diesen drei Tagen aber am meisten berührt hat, war etwas ganz anderes.

Etwas Kleines eigentlich.

Ein kurzer Moment.

Fast unscheinbar, wenn man ihn nur von außen beschreiben würde.

Eine Teilnehmerin schilderte eine für sie sehr emotionale Situation mit Patienten.

Sie sprach aus ihrer Sicht, aus ihrem Schmerz, aus ihrer Deutung.

Und dann sagte eine andere Teilnehmerin ganz ruhig, dass sie es anders sehe.

Sie stellte ihre Perspektive dar.

Nicht abwertend.

Nicht kalt.

Nicht mit diesem heimlichen Triumph, den Menschen manchmal haben, wenn sie sich im Recht fühlen und dabei so tun, als wollten sie nur kurz helfen.

Einfach anders.

Klar.

Präsent.

Und was dann geschah, hat mich wirklich fassungslos gemacht.

Die erste Teilnehmerin sagte sinngemäß:
Ja, eigentlich hast du recht.

So schlicht.

So offen.

So unbewaffnet.

Und plötzlich war da keine Verteidigung.

Keine Kränkung.

Kein inneres Aufrüsten.

Keine beleidigte Identität, die schnell noch ihr seelisches Kriegsschiff ins Wasser lassen musste.

Sondern Dankbarkeit.

Sie war dankbar für den Perspektivwechsel.

Und man konnte richtig sehen, wie dadurch etwas in ihr weicher wurde.

Wie Schmerz nachließ.

Wie etwas, das eben noch fest und schwer gewesen war, ein kleines Stück an Gewicht verlor.

Mein Nervensystem hatte ehrlich gesagt mit mehr Drama gerechnet

Vielleicht hat mich das auch deshalb so getroffen, weil ich innerlich auf etwas ganz anderes vorbereitet war.

Auf Empörung.

Auf Zusammenzucken.

Auf dieses sehr menschliche Nein, du verstehst mich nicht, das sich manchmal schon im Gesicht zeigt, bevor überhaupt ein zweiter Satz gesprochen wurde.

Ich hätte es normaler gefunden, wenn sie sich angegriffen gefühlt hätte.

Wenn sie ihre Perspektive verteidigt hätte, als ginge es nicht um eine Sichtweise, sondern um den letzten bewohnbaren Quadratmeter ihres Selbstwerts.

Denn genau das erleben wir doch so oft.

Dass Menschen lieber am Schmerz festhalten, als eine Perspektive loszulassen, die ihnen zwar weh tut, aber vertraut ist.

Dass eine Korrektur sich sofort wie ein Angriff anfühlt.

Dass ein anderer Blick nicht als Erweiterung erlebt wird, sondern als Bedrohung.

Und deshalb hat mich dieser Moment so erschüttert.

Nicht, weil er groß war.

Sondern weil er so selten ist.

Die hohe Kunst, sich nicht mit der eigenen Sicht zu verwechseln

Ich glaube, was dort passiert ist, können wirklich nur wenige Menschen.

Nicht, weil sie dümmer oder unreifer wären, wenn sie es nicht können.

Sondern weil es schwer ist.

Weil es eine sehr besondere innere Beweglichkeit braucht.

Diese Fähigkeit, die eigene erste Deutung nicht mit der Wahrheit zu verwechseln.

Den eigenen Schmerz nicht sofort mit einer Festung zu schützen.

Nicht in dem Moment dichtzumachen, in dem eine andere Perspektive den Raum betritt.

Sondern offen zu bleiben.

Durchlässig.

Lebendig.

Es braucht dafür etwas, das ich fast noch kostbarer finde als Intelligenz.

Innere Sicherheit.

Vielleicht ist genau das am Ende das Kostbarste an solcher Arbeit: nicht, dass jemand Recht behält, sondern dass jemand weicher werden kann. Und vielleicht tragen wir alle viel zu oft unseren Schmerz wie eine Identität vor uns her, obwohl manchmal schon ein anderer Blick reicht, damit etwas in uns einen Zentimeter weiter wird. Ich bin jedenfalls aus diesen drei Tagen nicht nur mit einer abgeschlossenen Ausbildung gegangen, sondern auch mit großer Achtung vor Menschen, die den Mut haben, sich wirklich berühren und verschieben zu lassen.