Tag 142 oder: WLAN glauben wir, Stimmung nicht

Die unsichtbaren Dinge mit gutem Ruf

Gestern hing ich an einem Gedanken fest, der mich gleichzeitig amüsiert und ein bisschen entlarvt hat.

WLAN glaubt jeder.

Keiner steht mit zusammengekniffenen Augen im Wohnzimmer und sagt: Also ich weiß ja nicht. Ich sehe hier gar nichts. Vielleicht ist das Internet nur ein sehr erfolgreicher Massenwahn.

Nein.

Wir drücken auf ein Symbol, laden etwas hoch und sind völlig einverstanden mit der Idee, dass Unsichtbares Wirkung haben kann, solange es einen Router, ein Passwort und halbwegs stabiles Netz hat.

Sobald es aber um menschliche Stimmung, Resonanz, Atmosphäre oder diese feinen Veränderungen in einem Raum geht, werden wir plötzlich sehr sachlich. Dann heißt es schnell: zu subjektiv, zu spirituell, zu wenig beweisbar.

Ich verstehe das sogar.

Und gleichzeitig finde ich es komisch.

Als hätten wir beschlossen, nur dem Unsichtbaren zu vertrauen, das blinkt.

Flusen weiß es früher als ich

Bei Flusen kann ich das ständig beobachten.

Da reicht manchmal ein winziger innerer Ruck in mir, noch bevor ich überhaupt entschieden habe, ob ich gleich aufstehe, die Richtung wechsle oder etwas sage, und er reagiert schon.

Nicht dramatisch.

Eher in dieser sehr Flusenhaften Form von feiner Vorverlagerung. Ein Blick. Ein Spannungsmoment im Körper. Dieses kleine Vorwissen in Fell.

Als wäre mein Nervensystem für ihn ein Newsletter, den er leider ungefragt abonniert hat.

Enjah ist noch direkter.

Bei ihr habe ich manchmal das Gefühl, sie lebt in einer Welt, in der jede noch nicht fertig gedachte Regung von mir schon als Handlung gilt. Wenn ich innerlich nur einen halben Plan bilde, steht sie emotional oft längst an der Tür und fragt, warum wir so unfassbar langsam sind.

Ich entscheide noch gar nicht.

Ich denke nur in die Richtung.

Und sie reagiert, als hätte ich eine Pressekonferenz gegeben.

Es ist unerquicklich, mit Wesen zusammenzuleben, die meine Vorankündigungen lesen, bevor ich selbst die Mail geöffnet habe.

Vielleicht riechen sie nicht meine Seele, aber irgendetwas eben schon

Es gibt inzwischen tatsächlich Forschung dazu, dass Hunde menschlichen Stressgeruch von einem Ausgangszustand unterscheiden können. Andere Studien legen nahe, dass menschliche Angst oder Stress über Geruchssignale das Verhalten von Hunden beeinflussen können. Und es gibt Arbeiten, die auf so etwas wie emotionale Ansteckung oder Co Regulation zwischen Mensch und Hund hinweisen. Nicht im Sinne von magischem Gedankenlesen, eher als ziemlich handfeste Mischung aus Geruch, Körpersprache, Stimme, Erfahrung und gemeinsam eingespieltem Nervensystem.

Das finde ich beruhigend, weil es das Ganze weder klein noch kitschig macht.

Es sagt nicht: Hunde lesen meine Aura.

Es sagt eher: Natürlich reagieren soziale Lebewesen aufeinander, und zwar viel früher und feiner, als unser stolzer Verstand gern zugibt. Hunde nutzen emotionale Hinweise aus Gesicht, Stimme, Geruch und Verhalten, und genau deshalb sind sie oft schneller als unsere Selbstbeschreibung.

Mein Gesicht sagt offenbar oft früher Bescheid als mein Denken

Das eigentlich Peinliche daran ist ja nicht, dass Flusen und Enjah so fein sind.

Das Peinliche ist eher, dass ich offenbar deutlich durchlässiger bin, als ich lange dachte.

Ich halte mich gern für differenziert, reflektiert, innerlich geordnet.

Eine Frau mit Gedankentiefe, Nuancen und halbwegs zivilisiertem Innenleben.

Und dann genügt offenbar ein Hauch von Anspannung, und zwei Hunde sehen mich an, als hätten sie gerade die Rohfassung meiner Emotionen geleakt bekommen.

Vielleicht ist das eine der größeren Kränkungen meines Erwachsenenlebens:

dass ich viel weniger verborgen bin, als mein Kopf gern hätte.

Ich kann mir Mühe geben, äußerlich ruhig zu wirken.

Flusen schaut kurz.

Enjah hüpft einmal schräg durchs Bild.

Und beide wissen: Aha, da braut sich was zusammen.

Ich selbst bin da oft noch auf Stufe eins und denke: Ich bin einfach ein bisschen müde.

Vielleicht ist Wissenschaft manchmal nur die elegante Nachhut des Alltags

Ich mag an Forschung, dass sie Sprache gibt, wo man sonst zu schnell ins Schwurbeln oder ins Abtun gerät.

Sie macht aus einem diffusen Gefühl nicht Wahrheit mit Goldrand, aber sie zeigt immerhin: Ganz so eingebildet ist das alles nicht.

Natürlich ist nicht alles messbar, was wir erleben.

Aber erstaunlich vieles ist auch nicht so esoterisch, wie unser innerer Oberstudienrat sofort vermutet.

Manches davon riecht einfach nur nach Stress.

Manches zeigt sich im Puls.

Manches in Blicken, Timing, Muskeltonus, kleinen Verschiebungen im Verhalten.

Und manches davon wird zuerst vom Hund bemerkt, weil er nicht damit beschäftigt ist, es wegzuerklären.

Das ist vermutlich der Unterschied zwischen uns.

Ich interpretiere noch.

Flusen registriert schon.

Enjah hat währenddessen längst auf meine unausgesprochene Stimmung geantwortet, einen Schuh geklaut und die Sitzung für eröffnet erklärt.

Vielleicht glaube ich ab jetzt ein bisschen großzügiger an das Unsichtbare

Nicht an alles.

Ich werde nicht morgen anfangen, meiner Zimmerpflanze telepathische Aufgaben zu geben.

Aber vielleicht glaube ich großzügiger daran, dass Wirkung nicht erst dort beginnt, wo ich sie sauber beweisen kann.

Dass Verbundenheit nicht peinlich wird, nur weil sie keinen Router hat.

Und dass meine Hunde mich manchmal besser lesen, nicht weil sie zaubern, sondern weil sie viel konsequenter im Kontakt mit dem sind, was ohnehin schon da ist.

WLAN glaube ich schließlich auch.

Warum also nicht wenigstens ein kleines bisschen daran, dass wir uns ständig gegenseitig senden.