Tag 141 oder: Wenn das Leben mir eine Frist schickt und ich erst fluche, dann rechne und am Ende fast gerührt bin
Ich, Schutzpatronin der fast fertigen Dinge
Vor gut einem Jahr habe ich die Ausbildung für Lego Serious Play begonnen.
Seitdem nehme ich die Methode immer wieder mit in Workshops. Nicht als alleinige Hauptdarstellerin mit Nebelmaschine und großem Auftritt, eher wie eine sehr kluge, leicht bunte Komplizin, die sich unauffällig dazusetzt und dann Dinge auf den Tisch bringt, für die Worte allein oft zu geschniegelt sind.
Ich liebe das.
Ich arbeite viel damit.
Ich lasse Menschen bauen, denken, anschauen, noch einmal anders anschauen.
Nur eines habe ich bis heute nicht gemacht.
Die offizielle Prüfung.
Natürlich nicht.
Warum auch etwas ordentlich abschließen, wenn man es stattdessen innerlich schon seit Monaten als „eigentlich erledigt“ führen kann.
Ich bin in solchen Dingen leider eine Mischung aus hochfunktional und verwildert.
Nach außen wirke ich oft wie jemand, der Dinge professionell im Griff hat.
Innen drin wohnt aber auch eine Frau, die Projekte gern in einen sehr schönen Zwischenzustand bringt und dann so tut, als sei das fast schon dasselbe wie fertig.
Ich bin gewissermaßen die Schutzpatronin aller sauber angefangenen, klug integrierten, aber offiziell nie zu Ende gebrachten Vorhaben.
Die Mail aus dem Reich der Verwaltungsgötter
Und dann kam letzte Woche diese Mail.
Ich habe noch genau bis Ende April Zeit, die Prüfung zu absolvieren.
Schriftliche Abgabe.
Videos von Sessions.
Hochladen.
Einreichen.
Abschließen.
Ich reagierte, wie ich in solchen Momenten reagiere, nämlich mit jener würdevollen Form von Empörung, die ein bisschen aussieht, als würde innerlich eine sehr kleine Gewerkschaft auf die Barrikaden gehen.
Wie bitte.
Diese ohnehin schon unerquicklich teure Facilitator Version gilt nur ein Jahr und danach darf man auch noch fürs Verlängern zahlen?
Ich saß da und fühlte mich kurz wie ein Mensch, der nicht nur Wissen sammelt, sondern nebenbei offenbar auch Abonnements auf sein eigenes Fortkommen abgeschlossen hat.
Es erinnerte mich sehr an mein Studium.
Auch dort bin ich längst in jenem Bereich angekommen, in dem Bildung nicht mehr nach Entwicklung klingt, sondern nach Nachzahlung.
Andere sprengen Konfetti.
Ich sprenge Semesterzahlen.
Es hat fast etwas Kunstvolles.
Flusen, Enjah und das Ende meiner Verhandlungsspielräume
Vielleicht bin ich auch deshalb so gut mit Hunden, weil sie meine bevorzugte Lebensstrategie zuverlässig sabotieren.
Flusen ist in vielen Dingen ein höflicher kleiner Professor, aber nicht in allem. Wenn er etwas für seins hält, dann hält er es für seins. Da wird nicht prokrastiniert. Da wird markiert.
Enjah wiederum lebt ohnehin so, als gäbe es nur drei Zustände: jetzt, sofort und warum dauert das so lange.
Beide würden nie auf die Idee kommen, eine offizielle Prüfung innerlich schon mal abzuschließen, statt sie tatsächlich einzureichen.
Flusen würde wahrscheinlich still vor dem Upload Feld sitzen und mich so ansehen, als wolle er sagen: Entweder wir machen das jetzt oder ich übernehme die Administration.
Und Enjah würde in der Zwischenzeit vermutlich schon auf der Tastatur stehen, drei falsche Fenster öffnen, zwei Beweisvideos hochladen und sich danach feiern, als hätte sie den europäischen Bürokratiepreis gewonnen.
Ich hingegen hatte erst einmal dieses sehr menschliche Bedürfnis, beleidigt auf eine Frist zu reagieren, die ja nur deshalb so unerquicklich ist, weil sie mich an etwas erinnert, das ich längst hätte tun können.
Auch eine Kunstform.
Die freundliche Frechheit des Universums
Und dann kam der zweite Blick.
Denn natürlich ist es wieder typisch Leben, dass genau in dem Moment, in dem ich eine Mail für eine kleine Zumutung halte, plötzlich sichtbar wird, dass sie in Wahrheit eher ein schlecht gelaunt verkleidetes Geschenk ist.
Diese Woche arbeite ich an drei Tagen mit Lego Serious Play in Leadership Workshops.
Drei Tage.
Drei Gelegenheiten.
Drei kleine Zeitfenster, durch die das Universum mich mit bemerkenswerter Präzision anschubst.
Ich kann meine Anleitung filmen.
Nicht die Teilnehmenden, das geht in meinem Kontext natürlich nicht.
Aber mich.
Meine Anmoderation.
Meine Begleitung.
Meine Art, den Raum zu halten.
Und die Ergebnisse.
Diese kleinen gebauten Wahrheiten, die am Ende auf dem Tisch stehen wie etwas, das vorher noch keinen Körper hatte.
Plötzlich war da nicht mehr nur Ärger.
Plötzlich war da auch dieses widerwillige Einsehen, das ich besonders gut kenne.
Ach so.
Es geht also.
Es geht sogar ziemlich gut.
Ich soll es einfach nur endlich machen.
Ich finde es immer wieder interessant, dass das Leben mir selten Blumen schickt, wenn es möchte, dass ich wachse.
Meist schickt es mir eher eine Frist mit Beigeschmack.
Abschlüsse tragen selten Abendsonne
Ich glaube, ich hatte lange ein sehr romantisches Bild von Abschlüssen.
Ich dachte, Dinge enden schön.
Mit innerer Abendsonne.
Mit einem ruhigen Gefühl.
Mit dieser beseelten Version von mir, die in einem Leinenkleid auf ihr Werk blickt und leise nickt.
In Wahrheit enden viele Dinge ganz anders.
Mit einem Login.
Mit einem Upload Feld.
Mit einem Termin.
Mit dem sehr unpoetischen Satz: Bitte reichen Sie Ihre Unterlagen bis zum 30. April ein.
Abschluss sieht erstaunlich oft aus wie Verwaltung mit Deadline und einer Frau im Hintergrund, die kurz aus dem Fenster starrt und überlegt, ob sie nicht stattdessen lieber mit den Hunden in den Wald zieht.
Und doch merke ich gerade, dass genau darin etwas erstaunlich Tröstliches liegt.
Vielleicht kommt das Gute nicht immer als gutes Gefühl.
Vielleicht kommt es manchmal als sanfter bürokratischer Würgegriff.
Vielleicht ist das die erwachsenere Form von Fügung.
Nicht das Leben, das mich streichelt.
Das Leben, das sagt: So, meine Liebe. Jetzt bitte einmal nicht nur inspiriert sein, sondern offiziell.