Tag 140 oder: Der Praktikant aus Silizium
Diesmal kein Agility.
Es ist ausgefallen, was mich erst kurz enttäuscht hat, so wie man eben enttäuscht ist, wenn der Tag schon Bewegung versprochen hatte und dann doch am Schreibtisch endet.
Also wurde es ein langer Spaziergang durch den Frühling.
Draußen dieses unverschämte Grün, als hätten die Bäume nie etwas anderes vorgehabt, als mich daran zu erinnern, dass Wachstum ziemlich harmlos aussehen kann, solange es Blätter trägt und keinen Code.
Später saß ich dann sehr lange an meinem Agenten für die Masterarbeit.
Viel Programmierung. Viel Denken. Viel dieses leise Schwanken zwischen Euphorie und dem Wunsch, den Laptop kurz in einen Busch zur Reflexion zu schicken.
Früher war mehr Fehlermeldung
Dabei musste ich daran denken, wie anders Programmieren heute ist als vor zwanzig Jahren, als ich es im Studium gelernt habe.
Damals hatte man Google.
Ein paar Foren.
Und Fehlermeldungen, die klangen, als hätte ein beleidigter Toaster plötzlich eine sehr persönliche Meinung zu meiner Existenz.
Vor allem aber hatte man sich selbst.
Die eigene Logik. Die eigene Geduld. Die eigene Fähigkeit, drei Stunden einen Fehler zu suchen, um am Ende festzustellen, dass irgendwo ein Punkt fehlte und man innerlich kurz zu Kompost wurde.
Heute ist das alles fast unanständig komfortabel.
Ich schreibe ein paar Sätze, und Sekunden später liegt da Code. Früher brauchte ich dafür einen halben Tag, mehrere Suchanfragen und eine kleine Sinnkrise im Entwicklerinnengewand.
Hochbegabt und leicht größenwahnsinnig
KI ist beim Programmieren für mich inzwischen wie ein übermotivierter Praktikant aus Silizium.
Schnell.
Eifrig.
Nie müde.
Immer bereit, sofort noch drei Varianten nachzulegen.
Und leider mit einer gewissen Neigung, Unsinn mit der Überzeugungskraft eines Oberarztes vorzutragen.
Gestern war das erstaunlich oft so.
Da kamen Lösungen, bei denen ich schon beim Lesen dachte: nein.
Oder höflicher: interessant, aber nein.
Oder in meiner Lieblingsfassung: Das ist auf fast rührende Weise falsch.
Genau da habe ich wieder gemerkt, wie froh ich bin, dass ich die Prinzipien kenne.
Nicht, weil ich alles besser kann als die Maschine.
Ganz sicher nicht.
Sondern weil ich merke, wenn etwas schief hängt.
Wenn eine Lösung zu geschniegelt ist.
Wenn sie vorne geschniegelt grinst und hinten schon leise nach technischem Flurschaden riecht.
Der eigentliche Luxus
Vielleicht ist das gerade die seltsame Wahrheit.
Nicht das Tippen wird weniger wichtig.
Das Urteilen wird wichtiger.
Ich muss nicht mehr alles selbst bauen.
Aber ich muss wissen, wann ich widersprechen sollte.
Wann etwas trägt.
Wann es nur geschniegelt durch den Raum läuft und hofft, dass niemand unter die Motorhaube schaut.
Ohne Vorkenntnisse wäre das alles deutlich weniger traumhaft.
Dann wäre KI beim Coden ein sehr charmanter Fremdenführer mit fragwürdigem Orientierungssinn.
Mit Erfahrung dagegen ist es wirklich ein Geschenk.
Dann wird aus dem Ganzen keine Abhängigkeit, sondern Zusammenarbeit.
Kein Orakel.
Eher ein brillanter Assistent mit Hang zur fachlichen Improvisationskunst.
Frühling draußen, Zukunft drinnen
Vielleicht hat mich das gestern auch deshalb so beschäftigt, weil der Kontrast so groß war.
Draußen Frühling, Luft, Bewegung, Hunde.
Drinnen Schreibtisch, Agent, Architekturfragen, künstliche Intelligenz und ich mittendrin, irgendwo zwischen Staunen und Stirnrunzeln.
Ich finde es immer noch verblüffend, wie bequem Programmieren geworden ist.
Fast luxuriös.
Fast absurd.
Und gleichzeitig merke ich, dass genau dieser Komfort nur dann so schön ist, wenn im Hintergrund noch etwas Altes wach bleibt.
Mein Blick.
Mein Zweifel.
Mein Urteil.
Dieses unspektakuläre, aber sehr verlässliche Gefühl für den Moment, in dem man sagt: Danke für den Vorschlag, mein Lieber, aber ganz sicher bauen wir das nicht so.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Veränderung.
Ich muss heute nicht mehr alles allein machen.
Aber denken muss ich immer noch selbst.
Und ehrlich gesagt beruhigt mich das.
Denn es bedeutet, dass nicht alles delegierbar ist.
Nicht Erfahrung.
Nicht Urteilskraft.
Und schon gar nicht dieser sehr menschliche Blick für Unsinn, selbst wenn er in perfekter Syntax geschniegelt daherkommt.