Tag 139 oder: Von der kleinen Lust, unerquicklich zu sein

Es gibt in mir eine Figur, die keinen guten Ruf verdient.

Sie ist nicht groß.

Nicht dämonisch.

Eher von der Sorte, die mit schmalen Schultern in der Ecke sitzt, leise mit dem Fingernagel auf den Tisch klopft und wartet, bis ich einen Moment unbewacht bin.

Dann steht sie auf.

Und übernimmt.

Sie ist nicht die Klügste in mir, nicht die Wärmste, nicht die mit dem schönsten Menschenbild. Sie hat keine besonders feinen Absichten und trägt innerlich vermutlich Schuhe, die auf Parkett ein unangenehm klares Geräusch machen.

Sie ist einfach nur da.

Und manchmal macht es ihr Spaß, nicht nett zu sein.

Es fällt mir nicht leicht, das so hinzuschreiben. Ich hätte lieber eine bessere Wahrheit. Eine geschmücktere. Eine, die meiner inneren Selbstwahrnehmung schmeichelt und nach Reife aussieht.

Aber die Wahrheit ist unerquicklich schlicht.

Manchmal will ich nicht verstehen.

Nicht tragen.

Nicht spiegeln.

Nicht mitdenken für alle Beteiligten.

Manchmal will ich einfach kurz zeigen, dass ich es auch anders kann.

Nicht freundlich.

Sondern mit Kante.

Mit einem kleinen verbalen Eckzahn.

Mit dieser seltsamen, schmalen Form von Triumph, die einem nichts bringt und sich in dem Moment trotzdem anfühlt wie ein Streichholz in sehr dunkler Luft.

Flusen und die Liturgie des Zauns

Vielleicht erkenne ich sie deshalb so gut, weil Flusen sie auch kennt.

Er läuft manchmal den Zaun entlang, als sei er nicht Hund, sondern Grenzphilosoph mit Territorialproblem.

Hin und her.

Nach links ein prüfender Blick.

Nach rechts ein bellender Kommentar.

Dann wieder dieses Auf und Ab entlang der Linie, mit dem Ernst eines kleinen Wesens, das fest entschlossen ist, dem Universum seine Zuständigkeit mitzuteilen.

Meins hier.

Meins auch.

Und das da drüben ist mindestens diskussionswürdig.

Was mich daran so trifft, ist nicht sein Bellen.

Es ist dieses kaum verhohlene Vergnügen darin.

Er hat Spaß.

Nicht immer. Es gibt das ernste Bellen, das gestresste, das unsichere, das überforderte. Aber es gibt eben auch dieses andere. Dieses fast übermütige. Dieses Bellen mit leicht erhobenem Brustkorb, als würde ihm die eigene Wirksamkeit gerade in die Pfoten steigen.

Er läuft den Zaun entlang und ich sehe ihm an, dass Macht im Kleinformat berauschend sein kann.

Und jedes Mal denke ich leider: Ach, schau. Wir teilen uns nicht nur das Haus.

Die Müdigkeit der Guten

Vielleicht beginnt alles viel früher.

Vielleicht dort, wo man zu lange die Gute war.

Zu lange verständig.

Zu lange mild.

Zu lange in dieser stillen Dienstbarkeit, die so nobel aussieht und sich im Körper doch irgendwann anfühlt wie ein zu eng geknöpfter Kragen.

Es ist ja nicht so, dass ich das Freundliche nicht mag.

Ich mag es sogar sehr.

Ich mag Zugewandtheit, Wärme, feine Zwischentöne, diese Form von Kontakt, in der nicht dauernd jemand innerlich mit dem Säbel rasselt. Ich mag es, wenn Dinge weich landen. Wenn Menschen sich nicht sofort aneinander aufschürfen. Wenn ich nicht bei jedem Satz innerlich den Verbandskasten holen muss.

Aber vielleicht wird auch die freundlichste Form von mir irgendwann müde.

Vielleicht bekommt selbst das Verständnis schwere Beine.

Und dann kommt diese andere Seite aus dem Gebüsch.

Nicht als großes Drama.

Eher als kleine Sabotage.

Als Lust, einmal nicht die zu sein, die alles hält.

Ein Satz, der kratzt.

Ein Blick, der nicht glättet.

Ein Moment, in dem ich nicht verbinde, sondern markiere.

Auch das ist ja eine Form von Erholung.

Leider keine besonders elegante.

Die kleine schwarze Fahne im Inneren

In solchen Momenten habe ich manchmal das Gefühl, ich hisse in mir selbst eine Fahne, die sonst gut verstaut bleibt.

Nichts Großes.

Kein Manifest.

Nur ein stilles Zeichen.

Heute nicht, sagt diese Fahne.

Heute bin ich nicht zuständig für Harmonie.

Heute gehe ich nicht den schönen Weg.

Heute nehme ich den kürzeren, dunkleren Pfad durch mich selbst und lasse die höfliche Version von mir kurz frieren.

Ich könnte das alles sehr psychologisch ausdrücken. Könnte sagen, da melde sich ein verdrängter Anteil, eine Gegenbewegung, eine restaurative Kraft gegen Anpassung, eine innere Kompensation für chronische Selbstkontrolle.

Und wahrscheinlich wäre das nicht einmal falsch.

Aber manchmal ist Theorie nur ein schöner Mantel für etwas viel Banaleres.

Manchmal bin ich einfach kurz gern unerquicklich.

Das ist die Wahrheit in ihrer ungebügelten Form.

Macht in Taschengröße

Was mich daran beschämt, ist nicht nur die Unfreundlichkeit.

Es ist das kleine Leuchten, das darin steckt.

Denn Pöbeln hat ja eine eigentümliche Energie.

Es ist primitiv, aber nicht kraftlos.

Ein scharfer Satz ordnet den Raum mit brutaler Effizienz.

Ein unfreundlicher Impuls macht plötzlich sichtbar, dass ich nicht nur feinsinnig bin, sondern auch wirksam. Nicht nur aufnehmend, sondern ausstoßend. Nicht nur weich, sondern schnittfähig.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz.

Dass ich in solchen Momenten nicht das freundliche Gewebe bin, durch das alle hindurchkönnen, sondern etwas mit Kontur. Etwas, das zurückdrückt. Etwas, das sagt: Ich bin nicht nur Resonanzfläche. Ich habe auch Zähne.

Flusen macht das am Zaun mit einer Natürlichkeit, um die ich ihn fast beneide.

Er bellt.

Die Welt weiß Bescheid.

Dann ist es wieder vorbei.

Ich dagegen mache aus demselben Vorgang ein inneres Kammerspiel mit Nachbesprechung, moralischer Bewertung und einer leicht verrußten Seele.

Das ist das eigentlich Lächerliche an mir.

Nicht die Dunkelheit.

Sondern dass ich gleichzeitig ihr Pressesprecher bin.

Der feine Unterschied zwischen Wahrheit und Lust

Ich glaube nicht, dass all diese Momente rein ehrlich sind.

Das würde sie zu sehr adeln.

Nicht jede Schärfe ist Wahrhaftigkeit.

Nicht jedes Knurren ist Grenze.

Nicht jede Unfreundlichkeit ist Selbstbehauptung.

Manches ist einfach Lust.

Lust auf Störung.

Lust auf Unbotmäßigkeit.

Lust, für einen Augenblick nicht die empathische, aufmerksame, will to please geschniegelt durchsozialisierte Frau zu sein, die sogar im Konflikt noch aussieht, als hätte sie innerlich eine Teekanne aufgesetzt.

Manchmal möchte ich keine Teekanne sein.

Manchmal möchte ich das Geräusch sein, wenn sie auf den Boden fällt.

Das ist nicht schön.

Aber immerhin deutlich.

Flusen weiß nichts von Scham

Vielleicht ist das mein eigentliches Problem.

Nicht, dass ich so bin.

Sondern dass ich dabei zusehe.

Flusen kennt keine Scham über seine kleine Lust am Zauntheater. Er läuft, bellt, markiert, lebt seine miniaturisierte Provinzsouveränität aus und kehrt dann zurück ins Haus, als sei nichts gewesen.

Ich hingegen zerlege mich hinterher mit dem Besteck meines eigenen Bewusstseins.

War das nötig.

War das fair.

War das echt.

Oder nur billig.

Hätte ich größer sein können.

Wärmer.

Freier.

Reifer.

Es ist unerquicklich, einen inneren Teufel zu haben und ihm gleichzeitig beim Schuhanziehen zuzusehen.

Man kann sich nicht einmal dumm stellen.

Vielleicht ist das nicht das Gegenteil von Güte

Und trotzdem frage ich mich, ob ich diesen Anteil wirklich ausmerzen wollen würde.

Nicht, weil ich ihn besonders charmant finde.

Sondern weil er vielleicht zu etwas gehört.

Zu meinem Widerstand.

Zu meiner Lebendigkeit.

Zu jener wilden, ungezogenen Restenergie, die sich nicht restlos in Freundlichkeit übersetzen lässt.

Vielleicht ist das nicht das Gegenteil von Güte.

Vielleicht ist es nur ihre schlecht frisierte Schwester.

Vielleicht muss nicht alles in mir schön sein, um wahr zu sein.

Vielleicht bin ich nicht weniger warm, nur weil in mir auch etwas Kaltes wohnen kann.

Und vielleicht ist Reife gar nicht, nie mehr pöbeln zu wollen.

Vielleicht ist Reife nur, früher zu merken, wann ich gerade nicht aus Klarheit spreche, sondern aus dieser kleinen berauschten Lust, für einen Moment härter zu sein als nötig.

Flusen kennt diesen Moment am Zaun.

Ich kenne ihn in Gesprächen.

Er hebt die Stimme.

Ich hebe manchmal nur ein halbes Wort.

Aber die Bewegung ist dieselbe.

Ein kleines inneres Vorrücken.

Ein kurzes Besetzen von Raum.

Ein dunkles Vergnügen daran, nicht immer die Vernünftige zu sein.

Und vielleicht ist genau das die unerquicklichste Wahrheit über mich.

Dass ich nicht nur aus Feingefühl bestehe.

Nicht nur aus Wärme.

Nicht nur aus dieser gut frisierten Form von Güte, mit der ich so gern verwechselt werde.

Sondern auch aus Kante.

Aus Revier.

Aus diesem alten, animalischen Impuls, der nicht verstanden werden will, sondern wirken.

Vielleicht bin ich also nicht trotz allem ein bisschen wie Flusen.

Vielleicht bin ich es viel mehr, als mir lieb ist.

Auch ich laufe manchmal innerlich am Zaun entlang.

Auch ich belle, nur eleganter.

Und am Ende bleibt von aller Psychologie manchmal nur dieser einfache, leicht peinliche Satz:

Ich bestehe nicht nur aus Herz.

Sondern auch aus Zaun.