Tag 137 Tiger und Schnecke im Abendprogramm

Ich lebe derzeit mit zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammen.

Flusen ist ein Tiger.

Enjah ist eine Schnecke.

Beides ist natürlich objektiv falsch.

Flusen ist weder gestreift noch in freier Wildbahn unterwegs, und Enjah ist ungefähr so schneckenhaft wie ein koffeinhaltiger Flummi mit ADHS. Aber Namen halten sich ja selten an Fakten. Namen entstehen eher so wie schlechte Frisuren oder große Lebensentscheidungen. Plötzlich sind sie da und keiner weiß mehr genau, wer das erlaubt hat.

Tagsüber mit pädagogischem Anspruch

Tagsüber trenne ich die beiden, weil auch kleine Raubtiere Schlaf brauchen. Sie sind zusammen in einem Raum, aber bitte mit dem pädagogischen Konzept: nicht spielen, sondern ruhen, regenerieren, innerlich wachsen. Ein wunderschöner Plan, den beide höflich zur Kenntnis nehmen und emotional komplett ignorieren, sobald sich irgendwo eine Gelegenheit zum Toben ergibt.

Draußen noch halbwegs zivilisiert

Draußen beim Laufen klappt es erstaunlich gesittet. Jeder geht seinen Geschäften nach wie zwei Erwachsene auf einem Wochenmarkt. Hier ein bisschen schnüffeln, da ein bisschen schnüffeln, kurze fachliche Rücksprache an besonders interessanten Grasbüscheln, dann wieder auseinander. Sehr professionell.

Im Haus beginnt die Abendvorstellung

Im Haus oder Garten hingegen eröffnet sofort der Ringbetrieb.

Dann wird gerannt, gerempelt, gequietscht, eskaliert. Zwischendurch ist Flusen etwas zu engagiert, Enjah quietscht empört wie eine sehr kleine Gewerkschafterin, Flusen bricht die Verhandlung ab und geht. Man könnte meinen, damit sei die Sache erledigt.

Ist sie natürlich nicht.

Enjah läuft ihm direkt hinterher wie eine übermotivierte Praktikantin und denkt offenbar: super, kurze Pause, dann weiter im Programm. Flusen zögert kurz, prüft vermutlich seine Lebensentscheidungen, und macht dann wieder mit.

Wohnzimmerfrieden mit kleinen Einschränkungen

Abends im Wohnzimmer werden wir inzwischen etwas kultivierter. Die Worte genug und schlafen kennen beide mittlerweile. Wobei ich den starken Verdacht habe, dass Enjah genug ungefähr so versteht wie ich Steuerrecht. Man nickt innerlich, aber emotional bleibt vieles offen.

Nachtdienst mit Kontrollgang

Besonders liebe ich diese Gartenmomente morgens und abends, wenn ich mit Enjah allein draußen bin. Dann marschiert sie durch die Dunkelheit, als gehöre ihr das Anwesen, die Nacht und vermutlich auch noch der Mond. Einmal alles abschnüffeln, einmal alles kontrollieren, einmal den Garten in ihrer offiziellen Funktion als Sicherheitsbeauftragte überprüfen.

Und wenn ich dann einfach mal stehen bleibe, verträumt, halb im Himmel, halb im Gebüsch, dreht sie sich sofort um und schaut mich an wie eine leicht genervte Reiseleiterin.

Äh, hallo?
Kommst du jetzt?
Ich hätte da hinten noch einen Termin mit einem sehr verdächtigen Blatt.

Sie ist so aufmerksam, so zugänglich, so neugierig, dass ich manchmal das Gefühl habe, sie liest nicht nur den Garten, sondern gleich noch mich mit. Und Flusen, mein lieber Tiger, trägt seinen Namen wenigstens mit einer gewissen Würde.

Eine sehr rätselhafte Schnecke

Aber Schnecke?

Warum Schnecke?

Es gibt keinen vernünftigen Grund. Ich mag nicht mal Schnecken. Sie ist nicht langsam, nicht schleimig und auch nicht für bedächtige Lebensführung bekannt. Sie ist eher ein kleiner, hochbegabter Sturm mit Pfoten. Und trotzdem ist sie meine Schnecke.

Vielleicht, weil Tiger und Schnecke zusammen so klingen, als hätte sich ein Kinderbuchautor mit leichtem Fieber einen Haustierroman ausgedacht.

Oder vielleicht, weil Liebe sich sowieso nie an Logik hält.

Zum Glück.