Tag 136 Bevor der Tag sich traut
Ich liebe diese Morgende, in denen ich noch im Dunkel loslaufe und der Himmel auf dem Rückweg so langsam hell wird, als würde er sich erst einmal vorsichtig an sich selbst erinnern.
Nichts daran ist spektakulär und genau das macht es so groß.
Kein Mensch. Kein Auto. Nur wir drei und diese feine Stille, die nicht leer ist, sondern voll. Voll mit Atem, mit Erde, mit diesem ersten vorwitzigen Zwitschern, das plötzlich durch die Ruhe fällt und uns alle kurz anhält, als hätte jemand eine kleine goldene Klingel in die Luft gehängt.
Ich laufe dann durch eine Welt, die noch nicht geschniegelt ist. Keine Termine, keine Nachrichten, kein inneres Gepäckband mit blöden Gedanken. Nur Kälte auf der Haut und Licht, das langsam in die Dinge zurückkehrt.
Und ich mittendrin, überraschend glücklich für jemanden, der drinnen vermutlich immer noch eine Jacke bräuchte und draußen schon fast ins T Shirt Leben wechseln könnte.
Der Frühling übt schon Sommer
Ich merke es gerade jeden Tag.
Der Frühling kommt nicht mit einer großen Ansage. Er schleicht sich ein. Eine Minute heller. Ein Grad wärmer. Ein Vogel frecher. Ein Duft süßer. Als würde die Welt heimlich an ihrer eigenen Aufblühung arbeiten.
Ab mittags ist es draußen schon wärmer als drinnen. Das Haus hängt noch in seiner kühlen Ernsthaftigkeit fest, während draußen längst alles auf leicht gestellt ist. Drinnen Jacke, draußen fast schon Übermut.
Und überall dieses Leben.
Blüten, die aussehen, als hätte jemand Farbe verschüttet. Gesumme, das durch die Luft näht. Gezwitscher, das nicht fragt, ob man schon bereit ist. Und dann dieses Rapsgelb. Dieses unverschämte, leuchtende Gelb, das nicht einfach nur Farbe ist, sondern ein Zustand. Als hätte jemand den Optimismus persönlich auf die Felder gesetzt.
Ich liebe diesen Geruch so sehr, dass ich ihn am liebsten einatmen und irgendwo in mir für später aufbewahren würde, für graue Tage, für müde Gedanken, für diese Stunden, in denen das Leben sich kurz zu eng anfühlt.
Wenn der Tag aufwacht
Flusen und Enjah sind in solchen Momenten sowieso die besseren Philosophen.
Sie brauchen kein Konzept von Glück. Sie haben Nasen.
Sie gehen durch den Morgen wie durch eine offene Bibliothek aus Gerüchen, lesen mit voller Hingabe an jedem Grashalm und nehmen die Welt so ernst, wie man nur etwas ernst nehmen kann, das gleichzeitig vollkommen leicht ist.
Und ich glaube, genau das berührt mich so.
Dass der Tag nicht plötzlich beginnt, sondern entsteht.
Dass er nicht gemacht wird, sondern aufwacht.
Ganz langsam. Mit kühler Luft, mit ersten Stimmen im Gebüsch, mit Licht, das sich über Felder legt, mit Hunden, die schon lange wissen, dass dies alles Grund genug ist, stehenzubleiben.
Später sitze ich dann da, Flusen links neben mir, schlafend wie jemand, der seine Pflichten für heute bereits sehr erfolgreich delegiert hat. Enjah vor mir, hingebungsvoll auf ihrem Kauholz herumknuspernd, als sei auch das eine Form von Meditation. Im Hintergrund diese Musik, an die ich mich längst gewöhnt habe. Welpenruhe. Oder zumindest das, was in unserem Haus charmant als Welpenruhe durchgeht.
Mein Blick wandert nach rechts in den Garten.
Blumen. Blüten. Himmel.
Und ich sitze da und denke, dass der Tag vielleicht genau hier beginnt. Nicht auf der Uhr. Nicht im Kalender. Nicht in dem, was man schaffen soll. Sondern in diesem einen Moment, in dem ich wirklich sehe, was da ist.
Das Glück hat heute keine Eile
Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Frühling.
Dass er mich nicht überwältigt, sondern zurückholt.
Aus dem Kopf in die Sinne. Aus dem Müssen ins Schauen. Aus dem Denken ins Dasein.
Plötzlich ist da nicht mehr dieser ganze Lärm aus Arbeit, Stress und irgendwelchen blöden Sachen, die sich sonst so wichtig machen. Plötzlich ist da nur ein Himmel, der heller wird. Ein Feld, das gelb leuchtet. Zwei Hunde, die glücklich sind. Ein Garten, der blüht. Ein Tag, der sich von innen heraus öffnet.
Und ich mit ihm.
Manchmal glaube ich, das Leben zeigt sich nirgends so schön wie in genau diesen stillen Übergängen. Wenn aus Nacht Morgen wird. Aus Kälte Wärme. Aus Knospe Blüte. Aus einfach nur da sein plötzlich Glück.
Ganz ohne Spektakel.
Nur mit Licht.