Tag 135 oder Wenn schöne Tage enden und das Leben wieder seine normale Geschwindigkeit anzieht

Nach dem Fest wird alles wieder leiser

Ostern ist vorbei.

Es waren wirklich schöne Tage.

So schöne Tage, die sich nicht groß aufplustern müssen, um in einem nachzuklingen. Viele Freunde. Viele Gespräche. Viel draußen sein. Viel Hund. Viel dieses seltene Gefühl, dass das Leben für ein paar Tage nicht nur funktioniert, sondern sich auch noch freundlich dabei anschaut.

Und dann ist es vorbei.

Nicht tragisch vorbei.

Eher in dieser leisen Art, in der ein Haus nach Besuch plötzlich wieder ganz es selbst wird. Die Tassen sind gespült. Die Wege wieder stiller. Die Stimmen weg. Und irgendwo in der Luft hängt noch ein Rest von Wärme, als hätte das Wochenende seine Jacke versehentlich dagelassen.

Ich mag solche Übergänge nicht besonders.

Und gleichzeitig mag ich sie sehr.

Weil sie immer zeigen, wie schön etwas war.

Enjah und ein vorsichtiges Wiedersehen

Heute hat Enjah ihre Erstbesitzer getroffen.

Wir haben Flusen für die erste Begegnung weggesperrt, damit er das Wiedersehen nicht stört. Das allein hatte schon etwas sehr Menschliches. So ein vorsichtiges Vorbereiten von etwas, bei dem man ahnt, dass mehr im Raum sein wird als nur Höflichkeit und Kaffee.

Enjah hat den Besuch sehr vorsichtig begrüßt.

Fast schüchtern.

Nicht mit dieser jungen, vorwärtsgewandten Art, mit der sie sonst manchmal in die Welt fällt, als gehöre ihr schon die Hälfte davon. Eher tastend. Als würde auch sie spüren, dass manche Begegnungen nicht einfach nur Begegnungen sind, sondern Momente, in denen etwas Früheres plötzlich wieder ganz nah ist.

Wir haben viel erzählt.

Und zwischendurch habe ich mich immer wieder gefragt, wie sich das für sie anfühlen muss. Enjah so zu sehen. Sie zu sehen, wie sie jetzt ist. Wie sie sich entwickelt. Wie sie bei uns lebt. Und sie nicht einfach wieder mitnehmen zu können.

Ich glaube, genau das hat mich heute am meisten berührt.

Dass stimmige Entscheidungen nicht automatisch schmerzfrei sind.

Manchmal fühlt sich etwas richtig an und tut gleichzeitig weh.

Vielleicht sogar gerade deshalb.

Liebe ist nicht immer das Behalten

Ich glaube, wir erzählen uns oft zu einfache Geschichten über Liebe.

Als wäre Liebe immer das Festhalten.

Das Dableiben.

Das Nichtloslassen.

Dabei gibt es ja auch diese andere Form.

Die sehr viel stiller ist und oft nicht einmal besonders schön aussieht.

Die Form, in der jemand merkt: Ich schaffe das nicht gut genug. Ich bin nicht der richtige Ort. Es braucht etwas anderes. Und dann gibt er nicht festeren Griff, sondern weiter.

Das ist keine kleine Bewegung.

Das ist eine, für die man sehr viel Herz braucht.

Und sehr viel Schmerz.

Ich musste heute immer wieder daran denken, dass Dinge vielleicht nicht einfach nur geschehen und verschwinden, sondern im Rückblick manchmal eine Stimmigkeit bekommen, die man am Anfang unmöglich sehen konnte.

Für mich fühlt es sich so an, als hätte es einen Sinn.

Nicht, weil es leicht war.

Sondern weil es jetzt auf eine stille Weise zusammenpasst.

Enjah bei uns. Die beiden dort. Das Wiedersehen heute. Diese leise Traurigkeit im Raum. Alles davon fühlte sich für mich auf eine seltsame Weise wahr an.

Drinnen ist heute der bessere Ort

Jetzt liegt Flusen auf der Couch und schläft.

Enjah liegt in ihrer Box vor mir.

Draußen ist es wunderschön, aber beide kommen dort gerade nicht gut zur Ruhe. Also sind wir drin.

Ich mag dieses Bild gerade sehr.

Als hätte das Rudel beschlossen, dass Schönheit heute nicht draußen stattfinden muss. Dass ein schöner Tag auch einer sein kann, an dem man sich zurückzieht. Nicht aus Mangel. Sondern aus Klugheit.

Es gibt Tage, da ist die Welt zu offen.

Zu viel Licht.

Zu viel Bewegung.

Zu viel Leben.

Und dann braucht es einen kleineren Raum, damit das Innere wieder nachkommt.

Hunde wissen das oft besser als wir.

Sie diskutieren das nicht aus.

Sie legen sich hin.

Ich dagegen brauche meistens erst mehrere innere Nebenversammlungen, bis ich mir dieselbe Erlaubnis gebe.

Morgen kommt wieder die Routine

Und morgen ist wieder normale Routine.

Arbeit.

Spaziergang in der Mittagspause.

Dann wieder arbeiten.

Abends vielleicht noch eine kleine Runde zu viert.

Früher hätte ich bei so einem Gedanken vielleicht ein kleines inneres Seufzen verspürt. So als sei die Routine der traurige Rest nach dem eigentlichen Leben.

Heute empfinde ich das anders.

Fast zärtlicher.

Routine ist ja nicht nur Wiederholung.

Routine ist oft auch das, was uns nach intensiven Tagen wieder einsammelt. Der Rahmen. Das Geländer. Die unspektakuläre Form von Fürsorge.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Bewegung nach solchen Feiertagen. Nicht zurück in den grauen Alltag. Eher zurück in den Halt.

Zurück in das, was trägt, wenn das Besondere wieder vorbeigezogen ist.

Und vielleicht ist das gar kein Verlust.

Vielleicht ist es einfach die andere Hälfte eines guten Lebens.

Dass es Tage gibt, die aufleuchten.

Und Tage, die sie auffangen.

Heute ist so ein Auffangtag.

Ein stiller Tag nach schönen Tagen.

Ein Tag mit einem Wiedersehen, das viel in Bewegung gebracht hat.

Ein Tag mit schlafenden Hunden, einem ruhigen Zimmer und dem Wissen, dass morgen wieder alles normal weitergeht.

Und gerade das fühlt sich heute erstaunlich tröstlich an.