Tag 134 oder Wie ich aus Versehen eine kleine Alpenetappe für einen Junghund plante
Morgens Jogging, mittags Größenwahn
Es war, nüchtern betrachtet, nicht besonders gut überlegt.
Morgens bin ich mit beiden fünf Kilometer joggen gewesen.
Und danach dachten wir offenbar kollektiv: Ach, wunderbar, dann machen wir jetzt noch eine fast neun Kilometer lange Wanderung.
Mit einem sieben Monate alten Junghund.
Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich in solchen Momenten eine bemerkenswerte Fähigkeit habe, Aktivität mit Vernunft zu verwechseln.
Es klang in meinem Kopf wahrscheinlich nach Natur, Bewegung, Rudelzeit, Frühlingsglück.
In Wahrheit war es stellenweise auch einfach ambitionierter Freizeitwahnsinn in Wanderschuhen.
Fünf Erwachsene, drei Hunde und eindeutig zu viel Wild
Schön war es trotzdem.
Insgesamt waren wir fünf Erwachsene und drei Hunde unterwegs, in einer Gegend, in der fast niemand sonst war.
Ich mag solche Tage.
Wenn die Welt groß genug ist für Hunde, Gespräche, Tempo und dieses Gefühl, dass man für ein paar Stunden einfach nur gemeinsam draußen ist.
Und natürlich blieb es nicht bei Bäumen, Wegen und ordentlicher Atmung.
Wir sahen Rehe.
Hasen.
Und sogar ein Wildschwein.
Was die Hunde erwartungsgemäß in eine Form von Erregung versetzte, die man auch als tierische Breaking News mit Fell bezeichnen könnte.
Plötzlich war alles wach.
Alles spannend.
Alles von größter Bedeutung.
Man merkte sehr deutlich, dass hier aus Hundesicht gerade nicht einfach nur gewandert wurde, sondern die freie Wildbahn in voller Dramaturgie ihre Abendvorstellung spielte.
Flusen im Staatsdienst, ich im Krisenmanagement
Flusen hat das alles trotzdem sehr gut gemacht.
Er musste nur einmal pöbeln, was für Flusen in Begleitung anderer Hunde und bei unangeleinten Überraschungen praktisch schon unter staatsmännischer Zurückhaltung läuft.
Besonders dankbar war ich, als uns ein freilaufender großer Hund entgegenkam und Flusen so tat, als hätte er plötzlich beschlossen, über den Dingen zu stehen.
Ich dagegen war innerlich längst im Krisenmanagement.
Mit Superleckerli in der Tasche.
Nicht für Flusen.
Für den anderen Hund.
Ich hätte sie ihm im Zweifel mit der Würde einer Frau entgegengeschleudert, die aus Erfahrung weiß, dass verteiltes Futter im Gras manchmal die diplomatischste Außenpolitik ist, die einem einfällt.
Ich habe das schon einmal gemacht, als uns ein freilaufender Hund hartnäckig verfolgt hat, seine Halterin in sehr großer Entfernung vergeblich mit ihrer Stimme gegen die Interessenlage ihres Hundes anarbeitete und ich irgendwann meine kompletten Leckerli in die Wiese streute wie eine leicht verzweifelte Futterfee auf dem Rückzug.
Flusen fand das damals empörend.
Ich auch.
Aber wir waren ihn los.
Auch das ist manchmal schon ein Erfolg.
Enjah und die letzten zwei Kilometer Wahrheit
Enjah hat die Wanderung wirklich super gemacht.
Lange besser, als ich es erwartet hätte.
Fröhlich, aufmerksam, beweglich, mittendrin.
Und dann merkte ich auf den letzten zwei Kilometern: Jetzt ist sie drüber.
Nicht katastrophal.
Nicht dramatisch.
Eher diese feine junge Überforderung, bei der man sieht, dass ein Körper noch tapfer weiterläuft, aber das System langsam sagt: Danke, das war für heute eine vollständige Naturerfahrung.
Flusen kennt so etwas längst.
Der kann mit uns auch zwanzig Kilometer laufen, wobei man auch bei ihm merkt, dass ab einer bestimmten Marke das Schnüffeln deutlich zunimmt.
So als würde er sagen: Ich laufe noch, aber bitte mit einem würdigen Maß an olfaktorischer Zwischenbilanz.
Enjah dagegen ist jetzt in diesem Alter, in dem alles gleichzeitig beginnt.
Mehr Welt.
Mehr Meinung.
Mehr Bellen.
Mal ein Mensch.
Mal ein Kind.
Mal ein Hund.
Es wirkt oft noch wie ein kleines: Ich probiere mal, wie Dagmar darauf reagiert.
Was unerquicklich plausibel ist, weil Flusen mit seinem eigenen Kommunikationsstil nun wirklich kein berechenbares Vorbild für emotionale Bescheidenheit darstellt.
Aber nein, in Wahrheit ist sie einfach sieben Monate alt.
Also ungefähr in dem Lebensabschnitt, in dem Wesen aller Art langsam anfangen, ihre eigene kleine Republik zu gründen und Grenzen, Reize und Resonanz etwas lauter zu verhandeln als bisher.
Wohnzimmerkoma und Schnauzenwecker
Wieder zuhause haben wir erst einmal alle gemeinsam eine ausgiebige Wohnzimmerpause eingelegt.
Es war weniger ein Ausruhen als ein kollektives Rudelkoma mit Teppichanschluss.
Irgendwann bin ich davon wach geworden, dass ich eine Schnauze im Gesicht hatte.
Und ganz ehrlich, es gibt für mich kaum eine schönere Art, wach zu werden.
Nicht besonders würdevoll vielleicht.
Aber sehr richtig.
Später hat Enjah den Rest des Tages viel in ihrem Zimmer auf ihrer Decke verbracht.
Allein.
Und ich fand das fast noch rührender als alles andere.
Dieses stille kleine: Es war schön mit euch, aber jetzt brauche ich Abstand von euch allen und von diesem ganzen Leben, das heute doch etwas sehr intensiv nach mir gegriffen hat.
Ich verstehe das.
Ich hätte nach fünf Kilometern Joggen und neun Kilometern Wandern vermutlich auch irgendwo allein gelegen und mich gefragt, wer genau in diesem Rudel für realistische Tagesplanung zuständig ist.
Vielleicht war das überhaupt das Schönste an diesem Tag.
Nicht nur, dass wir gemeinsam draußen waren.
Sondern dass die beiden so deutlich zeigen, wer sie sind.
Flusen mit seiner erfahrenen, leicht theatralischen Weltkenntnis.
Enjah mit ihrer jungen, weichen Art, die alles mitmacht und später sehr klar weiß, wann genug war.
Und ich dazwischen, noch immer ein bisschen verliebt in diese beiden, auch wenn ich sie gelegentlich behandle wie ein Outdoorprojekt mit Fell und deutlich zu optimistischem Zeitmanagement.