Tag 133 oder Warum zwischen Agility, Steuererklärung und Dreadlocks plötzlich meine Bachelorarbeit wieder am Küchentisch saß

Morgens Parcours, mittags Paragrafen, abends Frisur als Feldexperiment

Es gibt Tage, an denen mein Leben so wirkt, als hätten sich drei sehr unterschiedliche Abteilungen versehentlich denselben Kalender geteilt.

Ein bisschen Agility.

Ein bisschen Steuererklärung.

Ein bisschen Identitätsforschung am eigenen Kopf.

Und plötzlich sitze ich da und denke, dass ich offenbar in einem Alter angekommen bin, in dem man nicht mehr nur Haare hat, sondern Debatten trägt.

Ich habe mir Dreadlocks machen lassen.

Nach Jahren des Darübernachdenkens, zwei Jahren des Nichtschneidens und diesem sehr plötzlichen Jetzt-oder-nie-Moment, der bei mir gern so aussieht, dass ich etwas jahrelang innerlich archiviere und dann von heute auf morgen handele wie eine Frau, die gerade aus ihrem eigenen Zaudermuseum ausgebrochen ist.

Die Reaktionen darauf sind herrlich menschlich.

Von gar nicht sehen über nichts sagen bis zu „vorher hast du mir besser gefallen“ war alles dabei.

Und ich musste, bei aller Irritation, innerlich sofort an meine Bachelorarbeit denken.

Auch ein schöner Satz.

Andere Menschen sehen meine Haare und ich denke an Verarbeitungsflüssigkeit.

Wirklich beneidenswert bin ich nicht.

Wir mögen, was wir kennen, und halten das dann gern für Geschmack

Psychologisch ist das ziemlich gut untersucht.

Wenn wir etwas kennen, etwas wiedererkennen, etwas leicht verarbeiten können, dann fühlt es sich angenehmer an. Dieses leichte, glatte, unangestrengte Verarbeiten nennt man Fluency, also Verarbeitungsflüssigkeit. Das Gehirn liebt Dinge, bei denen es nicht viel stolpern muss. Es mag Wiederholung. Es mag bekannte Muster. Es mag das Gefühl: Ach ja, dich kenne ich schon, du kostest mich keine zusätzliche innere Verwaltungsarbeit.

Und dann kommt noch Salienz dazu. Salienz ist im Grunde die psychologische Leuchtfarbe eines Reizes. Das, was heraussticht. Was Aufmerksamkeit anzieht. Was nicht einfach im Hintergrund vorbeiwischt, sondern sagt: Hallo. Ich bin jetzt relevant.

Je vertrauter etwas ist und je leichter es zu verarbeiten ist, desto angenehmer fühlt es sich oft an. Und je salien­ter etwas wird, desto stärker wird es wahrgenommen und eingeordnet. Das Gehirn macht daraus dann erstaunlich schnell eine kleine Wahrheit: Das mag ich. Oder: Das irritiert mich. Oder auch: Vorher war mir wohler.

Was dabei so unerquicklich ist: Wir halten diesen Vorgang dann oft für Urteilskraft.

Dabei ist es manchmal nur Nervensystem mit Gewohnheitsbonus.

Mein Kopf und die öffentliche Kränkung der Vertrautheit

Ich glaube, genau deshalb waren die Reaktionen auf meine Haare so unterschiedlich.

Nicht nur, weil Haare ja irgendwie immer auch Identität sind, Projektion, Geschmack, Gewohnheit, ein bisschen Biografie in Proteinform.

Sondern weil ich für manche Menschen plötzlich weniger flüssig lesbar war.

Vorher war ich ihnen vertraut.

Nicht nur als Mensch, auch als Erscheinung.

Dann komme ich mit Dreadlocks um die Ecke, und auf einmal stolpert das innere Wiedererkennungsprogramm kurz.

Nicht ich bin ihnen dann fremd geworden.

Eher ihr gewohntes Modell von mir ist kurz gegen die Wand gelaufen.

„Vorher hast du mir besser gefallen“ heißt psychologisch oft nicht unbedingt: Jetzt bist du objektiv schlimmer.

Es heißt eher: Mein Gehirn mochte die Version von dir, bei der es weniger sortieren musste.

Das ist menschlich.

Und zugleich ein bisschen einfältig.

Nicht bösartig unbedingt.

Eher kognitiv bequem.

Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht, sagte mein Vater immer.

Und ich fürchte, das ist in vielen Köpfen keine Redewendung, sondern Betriebssystem.

Kinder machen das übrigens auch früh. Das Vertraute beruhigt. Das Neue kann faszinieren, aber eben auch irritieren. Wir sind als Spezies nicht von Natur aus großzügige Verliebte ins Fremde. Erst mal mögen wir das, was uns nicht zwingt, die Welt neu zu ordnen.

Und dann nennen wir das Stil.

Flusen und Enjah als Institut für angewandte Egalität

Das eigentlich Komische ist ja: Meine beiden Hunde haben auf meine Haare ungefähr so reagiert, wie ich es mir von Menschen manchmal auch wünschen würde.

Nämlich gar nicht spektakulär.

Flusen hat nicht vor mir gesessen und gesagt: Also deine optische Markenführung hätte ich anders erwartet.

Enjah hat keine besorgte Stellungnahme zur kulturellen Symbolik meines Kopfes abgegeben.

Niemand hat gesagt: Vorher warst du lesbarer.

Die beiden haben das gemacht, was Hunde in solchen Fragen oft sehr klug tun.

Sie haben geprüft, ob ich noch ich bin.

Geruch gleich.

Stimme gleich.

Kraulpotenzial gleich.

Wahrscheinlich auch Kekskompetenz unverändert.

Also alles in Ordnung.

Ich finde das fast rührend.

Während Menschen gern an der Verpackung seelisch ausrutschen, prüfen Hunde die relevanteren Variablen.

Bist du noch dieselbe.

Kann ich dir trauen.

Bist du konsistent.

Gibt es Abendessen.

Das ist nicht nur würdevoller, es ist ehrlicherweise auch die bessere Sozialpsychologie.

Vielleicht sind wir gar nicht so tief, wie wir denken

Was mich an dem ganzen Thema berührt, ist deshalb weniger die Frisur als das, was daran sichtbar wird.

Wie unfassbar schnell wir aus Gewohnheit Wahrheit machen.

Wie oft wir das Vertraute für das Richtige halten.

Wie zuverlässig wir beim Fremden erst einmal zusammenzucken und dann so tun, als sei dieses Zusammenzucken bereits eine differenzierte Position.

Vielleicht ist das das eigentlich Ernüchternde an uns Menschen.

Dass wir uns so gern für offen halten und dann innerlich doch oft nur fluencyverwöhnte Gewohnheitstiere mit rhetorischem Feinschliff sind.

Ich nehme mich da ausdrücklich nicht aus.

Mein Gehirn liebt Vertrautheit auch.

Es mag Muster.

Es mag Wiederholung.

Es mag die gemütliche Illusion, dass das Bekannte automatisch auch das Gute sei.

Nur glaube ich inzwischen immer weniger daran, dass dieses Gefühl ein besonders verlässlicher Kompass ist.

Manchmal ist es einfach nur das Echo dessen, was wir schon kennen.

Nicht mehr.

Aber auch nicht weniger.

Und vielleicht ist genau das die kleine Zumutung des Erwachsenseins.

Dass ich mich fragen muss, ob mir etwas wirklich nicht gefällt.

Oder ob mein Gehirn nur kurz empört ist, weil es nicht sofort geschniegelt durch dieselbe alte Tür laufen kann.

In meinem Fall saß diese Erkenntnis nun eben auf meinem Kopf.

Auch nicht die schlechteste Art, sich selbst einmal wieder bei der Arbeit zuzusehen.