Tag 132 oder Wie ich morgens innerlich schon ein Tribunal gegen mich eröffnet hatte und dann ausgerechnet die Stoiker dazwischenkamen
Mein Fehler mit Fackelzug
Ich habe einen blöden Fehler gemacht.
Nicht so einen charmanten kleinen Fehler, bei dem man später milde über sich lachen kann.
Eher so einen, bei dem mein inneres System sofort die Sirenen anschaltet, den Marktplatz absperrt und sehr laut ruft: Wirklich, Dagmar. Wirklich.
Es ging um eine Inkonsistenz zwischen Pitch und Antragsdokument.
Meine Kollegin hatte mich gestern Abend noch darauf hingewiesen. Karfreitag. Abends. Gegen neun. Während sie das Projekt final einreichen wollte. Ich war tagsüber erreichbar gewesen, aber eben nicht mehr in diesem Zeitfenster, in dem WhatsApp noch als realistische Rettungsmaßnahme durchgeht.
Ich habe es erst heute gelesen.
Und natürlich war sofort alles da.
Wut.
Ärger.
Dieses völlig unnütze innere Nachtreten gegen mich selbst.
Denn das Bittere war ja: Es wäre kein Thema gewesen. Drei Minuten Arbeit. Drei. Nicht drei Monate. Nicht ein meditativer Bergpfad nach Nepal. Drei Minuten. Und alles wäre sauber gewesen.
Stattdessen saß ich heute Morgen da und war innerlich ungefähr so zärtlich mit mir wie ein schlecht gelaunter Gerichtsvollzieher mit Megafon.
Mein Kopf machte aus einer Inkonsistenz in Sekunden eine ganze Charakterfrage.
Klassiker.
Der zweite Pfeil ist fast immer meiner
Und dann musste ich an ein Gespräch mit Annette denken.
Sie hatte mir von den Stoikern erzählt.
Und ich dachte erst, wie schön für die Stoiker, ich selbst bin im Moment leider eher emotionales Altmetall mit Kaffeetasse.
Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr merkte ich, wie sehr ich genau an dieser Stelle immer wieder in dieselbe Falle tappe.
Den ersten Schlag kann ich oft nicht verhindern.
Der Fehler ist passiert.
Die Nachricht wurde zu spät gelesen.
Das Dokument ist eingereicht.
Das ist der erste Pfeil.
Aber den zweiten schieße ich dann selbst.
Mit erstaunlicher Treffsicherheit.
Dann kommt dieses innere Nacharbeiten, Nachwürgen, Nachbeschämen.
Dann baue ich aus einem Fehler sofort noch eine Zusatzkatastrophe, diesmal komplett hausgemacht.
Und genau da sind die Stoiker interessant.
Nicht, weil sie alles schönreden.
Sondern weil sie ziemlich nüchtern fragen: Was liegt überhaupt in meiner Macht.
Die Stoiker und die sehr unromantische Frage nach dem, was ich kontrollieren kann
So wie ich es verstanden habe, ist der stoische Gedanke im Kern fast unerquicklich schlicht.
Es gibt Dinge, die kann ich beeinflussen.
Und es gibt Dinge, die kann ich nicht beeinflussen.
Mein Urteil über etwas.
Meine Handlung im nächsten Schritt.
Meine Haltung.
Die liegen eher bei mir.
Das, was schon passiert ist, die Reaktion anderer, der Lauf der Welt, der Zeitstempel einer ungelesenen Nachricht, eher nicht.
Und der ganze Schmerz entsteht oft genau dort, wo ich mich an etwas festbeiße, das längst außerhalb meiner Reichweite liegt, so als ließe es sich durch ausreichend Selbstvorwürfe rückwirkend doch noch umsortieren.
Die Stoiker wollen, glaube ich, nicht, dass man gefühllos wird.
Eher, dass man nicht jedes innere Theaterstück sofort für Wirklichkeit hält.
Dass man bemerkt: Ah. Da ist Schmerz. Da ist Ärger. Da ist Scham. Aber jetzt muss ich nicht noch anfangen, mich selbst auf offener Bühne zu verprügeln.
Und dann gibt es bei ihnen noch diese fast unverschämt große Idee, dass selbst das, was schiefgeht, Stoff des Lebens ist und nicht dessen Widerlegung.
Fast so, als würde das Leben sagen: Ja, genau das auch. Nimm es. Arbeite damit. Wachse daran. Hör auf, so überrascht zu tun, dass du Mensch bist.
Flusen ist längst Stoiker, leider ohne Buchvertrag
Flusen lebt das eigentlich schon.
Wenn etwas passiert, passiert es.
Wenn ein Hund blöd ist, ist er blöd.
Wenn ein Keks weg ist, ist er weg.
Flusen macht daraus keine sechsteilige Innenanalyse über Verrat, Kontrollverlust und systemisches Scheitern.
Er reagiert.
Klar.
Direkt.
Mit hündischer Würde und gelegentlich einer gewissen Übertreibung bei Erzfeinden, aber dennoch ohne anschließende nächtliche Nachverhandlung.
Er bellt.
Oder er lässt es.
Er nimmt etwas hin.
Oder er zeigt eine Grenze.
Und dann geht er weiter.
Nicht, weil er oberflächlich wäre.
Sondern weil Hunde nicht den Ehrgeiz haben, aus jedem Ereignis noch eine Identitätskrise zu schnitzen.
Flusen lebt ungefähr nach dem Motto: Das ist jetzt die Lage. Und nun.
Ich dagegen bin intellektuell oft brillant darin, aus einer Lage zusätzlich noch ein seelisches Escape Room Erlebnis zu machen.
Enjah und das radikale Ja zum Geschehenen
Enjah ist die andere stoische Schule.
Weniger würdevoll.
Deutlich chaotischer.
Aber im Kern auch bemerkenswert gegenwärtig.
Wenn etwas nicht klappt, versucht sie das Nächste.
Wenn sie irgendwo gegenrennt, ist sie zwei Sekunden später schon wieder beim nächsten Weltereignis.
Nicht aus Reife.
Aus völliger Gegenwartsverhaftung.
Was bei jungen Hunden natürlich manchmal unerquicklich aussieht, psychologisch aber durchaus Charme hat.
Enjah verschwendet keine drei Stunden damit, sich innerlich vorzuwerfen, dass sie den Ast falsch eingeschätzt hat.
Sie lebt ohne Reueprotokoll.
Nicht immer klug.
Aber sehr energieeffizient.
Vielleicht bin ich deshalb so fasziniert von den beiden.
Weil sie beide etwas können, das mir schwerfällt.
Nicht alles gut finden.
Aber auch nicht alles künstlich verlängern.
Mein erster unbeholfener Plan zur Stoikerwerdung
Der erste Schritt wäre wahrscheinlich, den Fehler vom Urteil zu trennen.
Nicht: Ich habe einen Fehler gemacht, also bin ich nachlässig, unerquicklich und vermutlich der Anfang vom Ende professioneller Verlässlichkeit.
Sondern: Da ist ein Fehler passiert. Punkt.
Der zweite Schritt wäre, genau hinzuschauen, was jetzt noch in meiner Macht liegt.
Kann ich es korrigieren. Kann ich es transparent machen. Kann ich daraus etwas lernen. Kann ich beim nächsten Mal eine bessere Absicherung bauen. Wenn ja, dann das.
Der dritte Schritt wäre dann vermutlich der unerquicklichste überhaupt.
Aufhören.
Nicht weiter auf mir herumkauen.
Nicht noch sieben Runden innerlich drehen, nur weil mein Nervensystem glaubt, Selbstzerfleischung sei ein Ausweis von Verantwortungsgefühl.
Vielleicht ist Verantwortungsgefühl in Wahrheit viel stiller.
Mehr: Ja, Mist. Und jetzt sauber weiter.
Weniger: Ich eröffne hiermit offiziell das Verfahren gegen mich selbst.
Vielleicht ist das schon stoisch genug für den Anfang
Ich werde heute ganz sicher noch keine Stoikerin in Sandalen mit innerer Weltordnung.
Ich war heute Morgen eher eine Frau mit Kaffee und erstaunlich viel Dramatikpotenzial.
Aber vielleicht reicht es für den Anfang, wenn ich begreife, dass der Fehler schon genug Realität ist und nicht noch durch meine Wut gegen mich selbst veredelt werden muss.
Vielleicht ist Stoizismus gar nicht dieses große unerschütterliche Heldentum.
Vielleicht ist es nur der kleine, sehr erwachsene Moment, in dem ich sage: Ja. Das ist passiert. Es ärgert mich. Sehr sogar. Und trotzdem muss ich mich jetzt nicht auch noch selbst demolieren.
Flusen würde wahrscheinlich einmal schnauben und sich wieder hinlegen.
Enjah würde kurz etwas umwerfen und dann mit dem Leben weitermachen.
Und ich übe jetzt vielleicht genau das.
Nicht alles gut zu finden.
Aber mich selbst wenigstens nicht noch zusätzlich zum Karfreitagsprojekt zu machen.