Tag 131 oder Wie ich aus dem Nichts ein Zukunftsgebäude baue und dann leider oft nicht mal die Eingangstür einsetze

Mein liebstes Hobby ist geistige Großbaustelle

Ich liebe es, aus dem Nichts etwas zu erschaffen.

Nicht im romantischen Sinn mit Leinentuch, Atelierlicht und stiller Musik im Hintergrund.

Eher in der Form, in der mein Gehirn irgendwo einen halben Gedanken aufsammelt und innerhalb weniger Minuten daraus ein förderfähiges Zukunftsmodell mit gesellschaftlicher Relevanz, Skalierungspotenzial und mindestens drei klugen Anschlussfragen baut.

Das ist für mich wirklich Flow.

Nicht das Abarbeiten.

Nicht das Optimieren.

Nicht die Excel Tabelle.

Sondern dieses völlig unverschämte Herumspinnen am Anfang.

Dieses Was wäre wenn.

Dieses Stell dir vor.

Dieses Könnte man nicht.

Ich liebe genau diesen Moment, in dem etwas noch nirgends ist und gleichzeitig schon anfängt, Form zu bekommen.

Wie Nebel mit Businessplan.

Oder Wahnsinn mit sauberer Sprache.

In meinem Kopf ist ständig Gründermesse

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie viele Ideen ich schon beim Laufen entwickelt habe.

Wahrscheinlich genug für hundert Start-ups, zwanzig Stiftungen, sieben kleine Denkfabriken und mindestens tausend Produkte, die niemand braucht, die ich aber mit solcher Inbrunst erklären könnte, dass am Ende doch alle kurz überzeugt wären.

Beim Laufen passiert das besonders leicht.

Der Körper macht Rhythmus, und mein Kopf denkt plötzlich: Ah, wunderbar, dann errichte ich jetzt aus dem Stand eine neue Wirklichkeit.

Da renne ich durch die Gegend wie eine Frau in Funktionskleidung, sehe von außen halbwegs vernünftig aus und gründe innerlich nebenbei sieben Unternehmen, ein Lernökosystem und eine empathische KI Infrastruktur für die Zukunft der Menschheit.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich nie gegen einen Baum laufe.

Oder vielleicht ist genau das mein eigentliches Geschäftsmodell.

Visionen durch moderate Sauerstoffversorgung.

Die ersten zehn Schritte bin ich Weltmeisterin

Das Problem ist nur: Ich liebe die ersten zehn Schritte.

Vielleicht auch die ersten zwanzig.

Mit Schwung.

Mit Geist.

Mit Feuer.

Mit dem leicht größenwahnsinnigen Charme einer Frau, die noch glaubt, Umsetzung sei nur eine etwas längere Form von Begeisterung.

Und dann beginnt leider der Teil, in dem Realität auftaucht und sagt: Wie schön, und jetzt bitte noch achthundert präzise kleine Schritte, einige Rückschläge, zähe Wiederholungen, Budgetfragen, Tests, Korrekturen, Zweifel, Geduld und die Fähigkeit, an etwas dranzubleiben, auch wenn der Zauber des Anfangs längst weitergezogen ist.

Da verliere ich oft die Lust.

Nicht weil die Idee schlecht wäre.

Eher im Gegenteil.

Sobald ich verstehe, wie es funktioniert, ist der eigentliche Reiz oft weg.

Dann ist es nicht mehr Verheißung.

Dann ist es Handwerk.

Und ich sitze da wie jemand, der mit großer Liebe ein Raumschiff entworfen hat und sich dann sehr plötzlich nicht mehr für Schrauben interessiert.

Beruflich hilft mir die Außenwelt. Privat hilft sie leider gar nicht

Beruflich ist das etwas einfacher, weil die Welt dann gelegentlich mitspielt.

Wenn wir wirklich einen Zuschlag bekommen, muss weitergemacht werden.

Dann hängt es nicht nur an mir.

Dann gibt es Prozesse, Menschen, Geld, Entscheidungen, Dringlichkeit, also all die Dinge, die meinem flatterhaften Ideenherz mit sanfter Gewalt sagen: Schön, dass du leuchtest, aber jetzt bitte auch liefern.

Privat ist das anders.

Privat bin ich freie Künstlerin des Aufschiebens.

Da kann ich mich nämlich in aller Ruhe an einem glänzenden Gedanken erfreuen, ihn liebevoll drehen, kurz antesten, erste Notizen machen und dann so tun, als wäre dieses gedankliche Vorspiel bereits ein vollwertiger Beitrag zur Realität.

Vielleicht prokrastiniere ich nicht, weil ich faul bin.

Vielleicht prokrastiniere ich, weil Erfolg ab einer bestimmten Schwelle erschreckend konkret wird.

Solange etwas Idee ist, ist alles offen.

Sobald etwas gelingt, wird es bindend.

Dann hat es Folgen.

Dann sieht man mich vielleicht.

Dann müsste ich mit meiner eigenen Wirksamkeit weiterleben, und das ist ja nun wirklich keine kleine Zumutung.

Ich weiß, wie absurd das klingt.

Da sitzt man da, durchaus erfolgreich, durchaus fähig, durchaus im Leben, und hat gleichzeitig noch irgendwo diesen leisen inneren Reflex: Bloß nicht so erfolgreich, dass es wirklich nicht mehr wegzudiskutieren ist.

Mein Gehirn ist eine Rakete, meine Umsetzung eher ein Dackel

Diese Woche hatte ich nun einen ziemlich großen beruflichen Erfolg.

Ich habe in kurzer Zeit eine brauchbare, förderfähige Vision entwickelt und konnte sie auch noch mit Daten unterfüttern.

So etwas macht mich glücklich.

Wirklich glücklich.

Weil ich dabei merke, wofür mein Kopf gebaut ist.

Nicht für die stille Verwaltung der Mittelmäßigkeit.

Mein Kopf ist eher so eine Art Rakete mit Improvisationsfreigabe.

Schwierig zu parken, aber stark im Start.

Und gleichzeitig ist da mein anderes Talent, das man fairerweise auch würdigen sollte.

Ich kann mich selbst mit großer Eleganz an meinen eigenen Möglichkeiten vorbeidrücken, sobald aus Idee Dauer werden könnte.

Ich bin also intellektuell eine Rakete, in der Umsetzung manchmal eher ein Dackel mit Seitenstich.

Auch eine Begabung.

Nicht marktführend vielleicht, aber charakterbildend.

Meine Masterthesis ist jetzt meine Falle mit Absicht

Und genau deshalb habe ich mich mit dem Thema meiner Masterthesis ein bisschen selbst ausgetrickst.

Ich habe nämlich alles hineingepackt, was mich wirklich interessiert.

All die Ideen, bei denen ich denke: Das wäre wertvoll. Das wäre prüfbar. Das könnte ein Produkt werden. Das könnte Menschen wirklich helfen.

Ich habe mir also im Grunde eine akademisch legitimierte Zwangsverbindlichkeit gebaut.

Eine sehr raffinierte Falle.

Mit Literaturverzeichnis.

Denn dort kann ich nicht nach zehn oder hundert Schritten sagen: Ach, herrlich, jetzt weiß ich ja ungefähr, wie es ginge, dann lasse ich das mal in Ruhe halbfertig glänzen.

Nein.

Da muss ich liefern.

Da muss ich tiefer.

Da muss ich weitergehen, auch wenn mein innerer Ideenclown längst die nächste Bühne gesucht hat.

Und das finde ich gleichzeitig klug und leicht demütigend.

Weil ich offenbar eine erwachsene Frau bin, die ihre eigenen Fluchtwege so gut kennt, dass sie sich inzwischen selbst Absperrband legen muss.

Vielleicht ist genau das mein nächster Entwicklungsschritt

Vielleicht ist das ja mein eigentliches Thema.

Nicht Ideen haben.

Davon ist hier wirklich ausreichend im Umlauf.

Sondern dableiben, wenn das Leuchten des Anfangs in Arbeit übergeht.

Nicht nur erfinden.

Auch tragen.

Nicht nur die Vision küssen.

Auch die kleinteilige Wirklichkeit heiraten.

Das klingt jetzt deutlich reifer, als ich mich dabei fühle.

Aber vielleicht ist genau das mein nächster Entwicklungsschritt.

Nicht weniger spinnen.

Um Himmels willen, nein.

Das möchte ich mir unbedingt erhalten.

Ich möchte weiter im Kopf Dinge bauen, von denen morgens noch niemand wusste, dass sie abends schon fast sinnvoll klingen würden.

Aber ich möchte vielleicht lernen, dem Ganzen danach auch noch ein Dach zu geben.

Oder wenigstens Fenster.

Bisher war ich oft sehr gut in visionärer Rohbauromantik.

Vielleicht wäre es schön, irgendwann auch mal in etwas einzuziehen.

Flusen und Enjah würden das übrigens einfacher lösen

Flusen hätte für mein ganzes Thema vermutlich nur einen Blick übrig, der sagt: Entweder du machst es oder du lässt es.

Enjah würde sofort begeistert losrennen, alles gleichzeitig anfangen, halb etwas umwerfen und sich dann mit großem Herzen wieder dem nächsten Reiz zuwenden.

Ich bin also vermutlich eine Mischung aus beiden.

Flusens Fähigkeit zur Klarheit hätte ich gern.

Enjahs furchtlose Begeisterung auch.

Stattdessen habe ich meine eigene Spezialdisziplin entwickelt: visionäre Ekstase mit anschließender eleganter Umsetzungsmelancholie.

Auch das muss man erst mal hinbekommen.

Aber vielleicht ist genau das jetzt anders.

Vielleicht war dieser berufliche Erfolg nicht nur schön, sondern auch eine kleine Erinnerung daran, dass ich Ideen nicht nur denken kann.

Ich kann sie auch belegen.

Verdichten.

Verkaufen.

Auf die Straße bringen.

Und vielleicht ist die Masterthesis genau deshalb nicht nur ein Abschluss.

Sondern mein sehr akademisch verpackter Versuch, mich selbst einmal nicht schon nach dem Vorspann zu verlassen.