Tag 130 oder Warum ich glaube, dass wir alle in unserer eigenen kleinen Höhle sitzen
Was Flusen sieht und was nicht
Flusen hat im Dorf zwei Hunde, bei denen sein gesamtes System sofort sagt: nein.
Nicht vielleicht.
Nicht mal schauen.
Nicht ach, heute bin ich offen für Ambivalenz.
Nein.
Der eine muss nur in der Nähe gewesen sein, und Flusen trägt den Geruch schon wie eine alte schlechte Nachricht im Nervensystem. Für ihn ist dann sofort klar, was Sache ist. Gefahr. Ärger. Aufregung. Haltung. Alarm.
Und ich sehe das und denke oft, wie unfassbar menschlich das eigentlich ist.
Nicht die Leine. Nicht das Bellen. Eher dieses Sofortwissen. Dieses innere Ach so, ich weiß schon, wie das hier ist, noch bevor überhaupt wirklich etwas passiert ist.
Enjah macht es anders. Enjah sieht keinen Erzfeind. Enjah sieht Möglichkeiten. Gerüche. Bewegung. Kekse. Welt. Auch das ist eine Form von Wirklichkeitskonstruktion, nur deutlich heiterer und leider nicht immer verlässlicher.
Und ich stehe dazwischen und merke, dass wir alle drei die Welt nicht sehen, wie sie ist.
Wir sehen sie, wie wir gerade gebaut sind.
Der blinde Fleck trägt Alltag
Ich glaube, das eigentlich Erschütternde am blinden Fleck ist ja nicht, dass wir welche haben.
Sondern dass wir sie für Realität halten.
Ich halte meine Gedanken für vernünftig, solange niemand mich freundlich darauf hinweist, dass sie vielleicht nur gut eingelaufene Autobahnen meiner Biografie sind. Flusen hält seine Reaktionen vermutlich auch für völlig berechtigt. Enjah findet ihre Impulse wahrscheinlich ebenfalls ausgesprochen plausibel.
Jeder von uns lebt in einer Welt, die sich von innen sehr logisch anfühlt.
Genau das macht sie so gefährlich.
Denn wenn ich nicht irgendwann lerne, meine eigenen Gedanken nicht automatisch für Wahrheit zu halten, baue ich mir mein Leben aus Wiederholung. Dann bestätige ich immer wieder das, was ich ohnehin schon glaube. Ich wähle unbewusst die Menschen, die Muster, die Konflikte, die Beweise. Ich sehe das, was in mein inneres Drehbuch passt, und übersehe den Rest mit erstaunlicher Professionalität.
Das klingt hart.
Ist aber leider oft einfach nur Dienstag.
Bitte glauben Sie nicht jeder Stimme in Ihrem Kopf
Einer der wichtigsten Sätze für mich ist deshalb geworden: Glaube nicht jeden Gedanken.
Nicht, weil Gedanken böse wären.
Nicht, weil ich nur noch auf Wolken aus Intuition durchs Leben schweben möchte.
Sondern weil Gedanken eben nicht die Wirklichkeit sind. Sie sind Reaktionen. Sie sind alte Erfahrungen mit neuer Frisur. Sie sind Biografie in Echtzeit. Sie sind Trigger in Satzform.
Manchmal sind sie klug.
Manchmal hilfreich.
Und manchmal sind sie einfach nur sehr gut formulierte Fortsetzungen von etwas Altem, das längst nicht mehr stimmt und trotzdem noch mit am Tisch sitzt.
Ich finde das gleichzeitig tröstlich und unerquicklich.
Tröstlich, weil es heißt, dass nicht alles, was in mir auftaucht, mein Wesen ist.
Unerquicklich, weil es bedeutet, dass ich mir selbst deutlich weniger blind vertrauen sollte, als mein innerer Betriebsrat das gern hätte.
Warum ich an Therapie und wirklich gutes Coaching glaube
Aus meiner Sicht sollte jeder Mensch in seinem Leben mindestens einmal richtig professionell begleitet worden sein.
Nicht, weil alle kaputt sind.
Eher weil niemand sich selbst vollständig lesen kann.
Ich jedenfalls nicht.
Ich kann sehr klug über mich nachdenken und dabei trotzdem präzise um mich herumdenken wie um ein Möbelstück, das schon so lange in der Wohnung steht, dass ich gar nicht mehr merke, wie sehr ich täglich dagegen laufe.
Therapie oder hochprofessionelles Coaching ist für mich genau deshalb kein Luxus und auch kein Reparaturbetrieb.
Es ist eher die seltene Gelegenheit, dass jemand mit auf die Höhlenwand schaut und sehr ruhig fragt: Bist du sicher, dass das da draußen wirklich ein Tiger ist und nicht bloß dein gewohntes Schattenspiel.
Allein kommt man da nur begrenzt raus.
Weil man allein immer wieder mit denselben Augen schaut.
Flusen, Enjah und ich im Höhlengleichnis
Platon hätte vermutlich nicht mit einem Australian Shepherd und einer kleinen hochbegabten Keksanarchistin gearbeitet, aber ich glaube, er hätte den Gedanken gemocht.
Wir sitzen alle vor unseren Schatten.
Flusen vor seinen. Ich vor meinen. Enjah vermutlich auch, nur nennt sie sie nicht Schatten, sondern Chancen.
Und das Leben wird unerquicklich, wenn ich meine Projektionen für die Welt halte.
Wenn ich denke, ich reagiere auf das, was ist, und in Wahrheit reagiere ich auf das, was ich längst kenne.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich Hunde so berühren.
Weil sie mir mein eigenes Funktionieren in Fell zurückspielen.
Flusen zeigt mir, wie tief Muster sitzen.
Enjah zeigt mir, wie schnell sich Welt aus Impuls baut.
Und ich sehe dabei zu und merke, dass ich nicht weniger konstruiere als sie, nur mit mehr Sprache und schlechterem Marketing.
Der Autopilot trägt oft meine Handschrift
Das Gemeine am Autopiloten ist ja, dass er sich nach Persönlichkeit anfühlt.
Nach Ich bin eben so.
Nach Das ist halt mein Charakter.
Nach So funktioniere ich nun mal.
Dabei ist vieles davon vielleicht einfach nur oft genug wiederholt.
Oft genug gedacht.
Oft genug bestätigt.
Oft genug nicht hinterfragt.
Und irgendwann lebe ich dann nicht mehr mein Leben, sondern meine am besten trainierten Annahmen darüber.
Deshalb ist Reflexion für mich keine hübsche Nebensache.
Sie ist die einzige Chance, nicht komplett mit sich selbst verwechselt zu werden.
Nicht jeder Gedanke verdient Glauben.
Nicht jedes Gefühl Interpretation.
Nicht jede Überzeugung ein Fundament.
Manches ist einfach nur alt.
Vielleicht ist Freiheit nur das
Vielleicht ist Freiheit gar nicht dieses große, glitzernde Ding, von dem alle reden.
Vielleicht ist Freiheit manchmal nur der kurze Moment, in dem ich merke: Ach so. Das denke ich gerade. Aber ich muss es nicht sofort für die Wirklichkeit halten.
Flusen muss nicht jeden Hund zur Staatskrise erklären.
Enjah muss nicht jedem Reiz hinterher.
Und ich muss nicht jeden Gedanken adoptieren, nur weil er laut und vertraut klingt.
Das ist nicht nichts.
Das ist vielleicht sogar der Anfang von allem.
Und wenn ich ehrlich bin, ist genau das wohl der Grund, warum ich so an tiefe Reflexion glaube.
Nicht damit wir bessere Versionen von uns werden.
Sondern damit wir wenigstens gelegentlich merken, wann wir gerade wieder in unserer eigenen kleinen Höhle sitzen und sehr überzeugt auf eine Wand starren.